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Die evangelische Kirche hat ein Antisemitismusproblem

Zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung vertreten antisemitische und rassistische Weltbilder. Davon ist auch die Kirche betroffen. Um gegenzusteuern, müssen sich Gemeinden und kirchliche Einrichtungen flächendeckend mit diesen Themen beschäftigen. Eine solche Initiative ist längst überfällig, meint Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.

Unsere Gesellschaft hat ein Antisemitismusproblem – und das gilt auch für die evangelische Kirche. Dieser Befund mag auf den ersten Blick überraschen, denn öffentliche kirchliche Äußerungen wenden sich stets eindeutig gegen antisemitische und antijüdische Denkmuster. Das geschieht nach jedem Anschlag. Und es so wird es auch am 9. November sein, wenn an die Reichspogromnacht 1938 erinnert werden wird, in der die Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger die Diktatur des Nationalsozialismus einen ersten Höhepunkt erlebte.

Stellungnahmen auf der Ebene von Kirchenleitungen, theologische Expertengremien und Tagungen in kirchlichen Akademien setzen sich seit langem selbstkritisch mit dem Anteil der christlichen Tradition an der nationalsozialistischen Judenverfolgung auseinander. Schließlich gilt der religiöse Antisemitismus als älteste Form der Judenfeindschaft. Ihre Wurzeln reichen bis in das Neue Testament zurück. Und das Reformationsjubiläum 2017 hat Martin Luthers Juden- und Judentumsfeindschaft klar benannt.

Zweifel sind jedoch angebracht, dass die eindeutige Ablehnung des Antisemitismus auch an der Kirchenbasis herrscht. Dies gilt im weiteren Sinne für alles, was unter dem Stichwort “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” (GMF) zusammengefasst wird und neben Antisemitismus auch Rassismus, Islamfeindlichkeit, Homophobie u.a.m. einschließt. Entsprechende Untersuchungen bestätigen, dass in Deutschland zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung antisemitische oder rassistische Weltbilder vertreten. Da liegt die Vermutung nahe, dass dies auch für einen vergleichbaren Prozentsatz der Mitglieder der Kirche gilt. Eine unerträgliche Vorstellung!

2014 hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine sozialwissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die mögliche Zusammenhänge zwischen Kirchenmitgliedschaft, Ausprägungen des christlichen Glaubens und Glaubenspraktiken sowie Haltungen gruppenbezogener Abgrenzungen untersuchen sollte. Entstanden ist eine qualitative Studie mit besorgniserregenden Ergebnissen. Diese sagen zwar nichts über die tatsächliche Verbreitung bestimmter Vorurteile, liefern aber Indizien, dass die Kirche kein Sonderbereich ist.

Der christliche Glaube schützt nicht per se vor Antisemitismus

Der 2016 vorgelegte Abschlussbericht enthält u.a. diese Befunde: Der christliche Glaube schützt nicht per se vor Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Homophobie. Er kann solchen Einstellungen entgegenwirken, aber auch zu vorurteilsbehafteten Einstellungen führen. “Auffällig ist jedoch”, so die Studie, “dass Informationen der EKD und Diskussionen auf allen Ebenen der EKD in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen.” Schlimmer noch: “dass es in den Gemeinden hinsichtlich antisemitischer Auffassungen keine ausreichende Sensibilität gibt, die dann auch einen öffentlichen Ausdruck finden.”

Das Geleitwort des Rates bestätigt die Ambivalenz: “Wo der christliche Glaube ein persönliches Gottesverhältnis mit Orientierung an der Würde des menschlichen Gegenübers verbindet, kann er eine Ressource der Widerstandskraft gegenüber intoleranten, abgrenzenden Haltungen darstellen. Wo der christliche Glaube mit religiösen Absolutheitsansprüchen anderen Religionen gegenüber verbunden ist, kann dies andererseits zu intoleranten, abgrenzenden Haltungen führen.” Im Lichte dieses Befundes konstatiert der Rat der EKD, “dass hier ein Bildungsauftrag besteht”. Die Empfehlungen für das weitere Vorgehen sind allesamt richtig, bleiben jedoch vage. So soll es weitere Forschungen geben, vorhandene Bildungsangebote sollen gesichtet und weiterentwickelt werden. Verstärkt werden soll in den Landeskirchen und den Kirchengemeinden das Gespräch über die genannten Themen.

Zieht man heute Bilanz, dann ist mit Ernüchterung festzustellen, dass seit dieser Studie im Blick auf eine breit angelegte Debatte in der Kirche praktisch nichts geschehen ist. Dies ist 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und angesichts eines wieder erstarkenden Antisemitismus ein erschütternder Befund. Längst zeigt sich, dass die Wiederholung der aus dem Massenmord an Juden entstandenen Selbstverpflichtung, dass ein solcher Zivilisationsbruch nie wieder geschehen darf, nicht mehr ausreicht, um den wachsenden Gefahren für jüdisches Leben wirkungsvoll zu begegnen. Die Beschwörung des „nie wieder!“ wird im Lichte der Entwicklung der letzten Jahre – in Deutschland und in Europa – zu einem Ritual, das als solches unaufgebbar ist, das aber an Kraft verliert. Das Krebsgeschwür des Antisemitismus breitet sich hingegen aus: schon wieder, immer wieder. Antisemitismusbeauftrage im Bund und in den Ländern, in der Justiz und in der Kirche einzusetzen, war ein notwendiger wie auch überfälliger Schritt. Und gut, dass es die vielen Präventions- und Aufklärungsangebote im Bildungsbereich auch der Kirchen gibt. Sie stärken die demokratische Kultur und die Zivilgesellschaft. Aber Zweifel sind angebracht, dass dies reicht.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Die notwendige Stärkung fiele jedoch um ein Vielfaches kraftvoller aus, wenn diese Initiativen auch die Breite der Kirche erfassten. Wie könnte das gelingen? Die Evangelische Akademie Tutzing ist im vergangenen Jahr einer Initiative des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Staatsminister a.D. Dr. Ludwig Spaenle, gefolgt. Er hatte angeregt, dass “relevante gesellschaftliche Gruppen” wie Parteien, Kommunen, Vereine und Verbände sich Definition von Antisemitismus zu Eigen machen, die 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) entwickelt wurde. In ihr arbeiten 34 Staaten zusammen. Der Bundestag hat die Definition im Herbst 2018 angenommen und im Britischen Parlament wurde sie als Arbeitsgrundlage eingeführt. Sie lautet im Wortlaut: “Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.”

Als Bildungs- und Diskursort der evangelischen Kirche war es für uns selbstverständlich, unser Engagement für Stärkung der Demokratie, des Rechtstaats und der Zivilgesellschaft in diesem Zusammenhang zu bekräftigen. Ich habe es damals als ein “deutliches und Mut machendes Signal” bezeichnet, wenn Parteien, Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Kommunen, Verbände und gesellschaftliche Institutionen diese Definition übernehmen würden. Soweit ich es überblicke, hat sich zwar in Kommunen und Verbänden etwas getan, in der Kirche aber so gut wie nichts. Auch wenn es kritische Stimmen zur IHRA-Definition gibt, so würde eine breit angelegte Beschäftigung mit ihr doch zu einer Sensibilisierung für das Thema insgesamt führen. Diese Gelegenheit nicht zu ergreifen, erscheint beinahe fahrlässig.

Übrigens: Deutschland hat 2020 den IHRA-Vorsitz übernommen. Da liegt es nahe, dass zum Beispiel die Synode der EKD, aber auch alle Landessynoden die Initiative ergreifen und jetzt Gemeinden und kirchliche Einrichtungen auffordern, sich mit dieser Antisemitismus-Definition zu beschäftigen. So kommen die entsprechenden Bildungsangebote dann auch an der Basis an. Und es so könnte eine Bewegung entstehen, die in ihrer Breite ein unübersehbares, entschiedenes und glaubwürdiges Signal der Kirche gegen Hass und Hetze setzt, das auf andere Bereiche der Gesellschaft ausstrahlt.

Und es wäre ein unüberhörbarer Startschuss, ein besonderes Jubiläum im nächsten Jahr in den Blick zu nehmen: 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Eine gute Gelegenheit, den christlich-jüdischen Dialog neu in der Breite der Kirche zu verankern.

Neben dem notwendigen Schutz jüdischen Lebens braucht es vor allem die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Kultur bei uns. Hier besteht tatsächlich ein kirchlicher Bildungsauftrag. Er muss aber auch wahrgenommen werden – auf allen Ebenen.

Udo Hahn ist Pfarrer und Publizist. Er leitet die Evangelische Akademie Tutzing.

 

Bild: Udo Hahn (Foto: Haist/eat archiv)

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1 Kommentar

  1. Ekkehard Fugmann says:

    Sehr geehrter Herr Udo Hahn,
    Ihr Artikel,den ich jetzte entdeckt habe, bestätigt
    meine Sicht auf eine Aufführung der Matthäus Passion von J.S.Bach
    im Rahmen von ION 2017, die der jüdische Regisseur David Mouchtar-Samurai mit szenischen Einlagen versehen hat.Ich war unter den Darstellern und erlebte die Aufführung als ein überzeugende Aussage über das Kapitel kirchlicher Antijudaismus.
    Ich habe darüber eine “Erinnerungsarbeit” geschrieben, sowohl dem Korrspondenzblatt wie dem Deutschen Pfarresblatt angeboten (noch nicht veröffentlicht)
    Ich würde Ihnen meine Arbeit gerne zuschicken, wenn Sie möchten und mir die entsprechende Mailanschrift zuschicken.
    Mit freundlichen Grüßen Ekkehard Fugmann, Pfr.i.R.

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