Postfossil

Leben in multiplen Krisen

Das Bild des Einzelkämpfers hat ausgedient, meint Studienleiterin Katharina Hirschbrunn. Die Corona-Krise zeigt einmal mehr: Wir alle sind miteinander verbunden und voneinander abhängig. Welche Art von Politik kann dem Rechnung tragen?

In der Krise spüren wir, was zählt. Was wir brauchen, was wir nicht existenziell brauchen. Und wir erleben heute: Niemand ist unabhängig. Wir sind verbunden mit allen anderen. Global, weil sich der Virus überallhin verbreitet hat, bis hin zu regional, weil die Unvorsicht und Erkrankung der einen die Behandlung der anderen erschwert und weil wir in heimischer Isolation alle Aspekte psychischer und physischer Abhängigkeit erfahren.

Nichts Neues, dass der Mensch nicht für sich steht, eigentlich total klar. Nur eine von der Ideologie des „homo oeconomicus“ geprägte Welt konnte zu gegenteiligen Sichtweisen gelangen. Andere, wie die Epidemiologin Kate Pickett und ihr Kollege Richard Wilkinson haben schon vor zehn Jahren in einer Metastudie gezeigt: Das Wohlergehen des Einzelnen ist ganz entscheidend abhängig davon, wie es den anderen in einer Gesellschaft geht. Für Menschen in Industrieländern gilt: Es geht Dir und den Deinen tendenziell besser, wenn Du in einem Land mit mehr sozialer Gleichheit lebst als in einem ungleichen, aber reicheren Land – etwa in Hinblick auf Lebenserwartung, psychische Gesundheit, Gewalterfahrung. Das gilt auch für die Reichen einer Gesellschaft. Ein Grund mag sein, dass der Fokus auf das Wirtschaftliche und die Akzeptanz damit einhergehender Ungleichheit das soziale (und auch ökologische) Fundament unserer Gesellschaft erodieren lässt – die lebendigen Grundlagen, ohne die all unser Leben, Handeln und Wirtschaften unmöglich wären.

Wir sind interdependent, doch das spiegelt sich nicht in Politik und Institutionen

Der Mensch interagiert also mit allen anderen, global bis lokal, auf vielfältige Weise – wir sind zugleich abhängig und verbunden. Dabei tragen unsere Institutionen, trägt unsere Politik diesen Interdependenzen nicht immer Rechnung. Auf globaler Ebene etwa wurde Italien zu spät und zu wenig Unterstützung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie angeboten. Auf nationaler Ebene werden gegenwärtig die Pflegeberufe aufgewertet – in erster Linie durch systemrelevanten Applaus, und einmalig durch 500 Euro. Fragen wir: Was braucht Ihr wirklich?

In einem offenen Brief berichten die Mitarbeitenden des Jenaer Uni-Klinikums aus der Klinik-Realität: „Diese Pandemie trifft auf ein Gesundheitssystem, welches für solche Szenarien nicht gerüstet ist. Nicht mehr die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten stehen im Mittelpunkt, sondern die betriebswirtschaftlichen Gewinne jeder einzelnen Erkrankung! Um möglichst hohe Gewinne zu erzielen, soll der Ressourceneinsatz so gering wie möglich gehalten werden. Das erreicht man durch Sparmaßnahmen am Personal, an Materialkosten, durch Outsourcing. Mit Einführung des Just-in-Time-Konzeptes sollten dazu noch Lagerkapazitäten und Lagerkosten minimiert werden. Dieses Konzept versteht die Lieferung im Moment des Bedarfs. Jetzt werden die Schwächen des Just-in-Time-Konzeptes deutlich, denn es ist für den Ausbruch einer Pandemie völlig ungeeignet. In kürzester Zeit werden große Mengen an Schutzkleidung benötigt und das nicht nur bei uns in Deutschland. Das System bricht zusammen. Viele Entscheidungen der letzten Jahre haben die Krankenhäuser zu „Fabriken“ werden lassen. Kolleginnen und Kollegen kehrten ihrem Beruf den Rücken, andere gingen in Teilzeit und wieder andere wurden psychisch und physisch krank, weil die Arbeitsbedingungen immer schlechter wurden.“

Diese Worte sprechen für Probleme, die sich lange schon abzeichneten. Auch schon in Vor-Corona-Zeiten führten Ärztinnen und Ärzte ihre Operationen oft im übernächtigten Zustand durch und starben mehr als 10.000 Menschen pro Jahr infolge von Krankenhausinfektionen, die durch Hygienemaßnahmen hätten verhindert werden könnten. Und obwohl das Robert-Koch-Institut 2012 warnte, es sei nicht die Frage, ob eine Pandemie kommen werde, sondern wann, richtete sich die Gesundheitspolitik weiterhin nach falsch verstandener „Effizienz“, nach „Wettbewerb“, und „Kostendämpfung“ aus, anstatt ein sicheres und tragfähiges Gesundheitssystem zu schaffen.

Mach mal, Markt! Wir retten dann…

In der Krise tritt das Versagen des Marktes im Gesundheitswesen umso deutlicher zu Tage. Jetzt rufen selbst Wirtschaftsliberale nach massiven Eingriffen des Staates – und der Staat hilft mit Milliarden.

Das war auch in der Finanzkrise so. Zuerst wurden lange Zeit die Gewinne der Spekulation privatisiert. Dann rutschten die Banken in die Krise, der Staat griff massiv ein und rettete. Die Verluste trug die Allgemeinheit – und schlitterte so in die Wirtschafts- und Währungskrise. Jede Familie in Deutschland zahlte für die Finanzkrise 3.000 Euro an Steuern, in vielen Ländern stieg die Ungleichheit, und strenge Sparpolitik verursachte großes Leid. Heute sind die Banken besser reguliert, doch nach wie vor bestehen massive Sicherheitsrisiken bezüglich Bankengröße, Eigenkapitalquoten, Schattenbanken und mangelhafter Abwicklungsmechanismen der EU.

Was sagt der Umgang mit der Finanzkrise über unsere Gesellschaft aus? Überspitzt formuliert: Mach mal, Markt. Wir retten Banken und Unternehmen, und dann geht es weiter wie bisher.

Von Krise zu Krise

Dabei bereitet nicht selten die eine Krise der nächsten den Weg. Eine Folge der Finanzkrise waren die Sparpolitik und der Rückbau der öffentlichen Daseinsvorsorge – der Umbau des Gesundheitssystems führte zu reduzierten Bettenzahlen, heute etwa in Italien, Spanien und Griechenland.

Und wo stehen wir heute? Gerade hatten die Jungen die Gesellschaft wachgerüttelt – mit Schulstreiks und Massendemonstrationen. Dann kam Corona. Heute fordert der Wirtschaftsrat der CDU, die Klimaziele der EU zu kippen. Trump lockert die Umweltauflagen und die Weltklimakonferenz wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Kann man sich aus der einen Krise freikaufen, ohne dabei die nächste Krise auszulösen oder zu verstärken? Wie kann in der Corona-Krise umgedacht werden?

Das Haus schützen, anstatt es immer wieder neu aufzubauen

Zahlen wie das Bruttoinlandsprodukt können nach der Corona-Krise aussehen wie vorher: Laut Prognose schrumpft die Wirtschaft jetzt um vier Prozent, und wächst im Jahr darauf um sechs Prozent. Den reinen Zahlen sieht man nichts an. Den Menschen schon. Einsamkeit, Todesfälle. Die häusliche Isolation bewirkt vielfach Überforderung, etwa durch die Unvereinbarkeit von Homeoffice und Homeschooling oder finanziellen Druck. Häusliche Gewalt nimmt zu und kann Kinderseelen schwere Wunden zufügen. Das lässt sich nicht leicht heilen.

Auch die Erdatmosphäre vergisst nichts. Sind die entscheidenden Kipppunkte beim Klima erreicht, gibt es kein Zurück. Die jetzt verringerten Emissionen werden mit dem aufholenden Wirtschaftswachstum wieder explodieren. Zukunftsfähige Politik ist daher kein Luxus, sondern in vielerlei Hinsicht lebensnotwendig. Es geht darum, unser gemeinsames Haus zu schützen, anstatt es nach dem Feuer immer wieder neu aufzubauen. Es geht um Prävention und Vorsorge statt um Katastrophen-Management. Darum, dass sich eine reiche Gesellschaft wie unsere so etwas nicht leisten kann – die planetaren Grenzen zu missachten und auf eine Weise zu wirtschaften, welche die ökologische Basis untergräbt und das soziale Fundament erodieren lässt: Menschlichkeit, Zusammenhalt, aber auch die vielen Arten von Arbeit wie die Sorge für Kinder, Kranke und Alte oder politisches Engagement.

Stabile Wirtschaft – das Verhältnis von Markt, Staat und innovativen Institutionen

Auch in Zukunft ist in einer globalisierten Welt immer wieder mit Pandemien und anderen Krisen zu rechnen. Wenn die Sorge für alle im Vordergrund stehen soll, dann gilt hier: Systemrelevant ist, was zum Leben notwendig ist, was zentrale Fähigkeiten eines jeden Menschen ermöglicht. Existenzielle, vulnerable Bereiche, welche zur Sicherstellung der grundlegenden Bedürfnisse und Fähigkeiten notwendig sind, müssen daher stabil und sicher gestaltet werden. Dabei gilt es, vorsichtig abzuwägen, in welchem Fall der Markt, der Staat – etwa in Form kommunaler Unternehmen –  oder andere, kooperativere Formen wie Genossenschaften, Commons / Gemeingüter, Bürgerprojekte oder Formen solidarischer Ökonomie sinnvolle Alternativen sind – und bei welchen Lösungen Transparenz und Demokratie am besten zum Tragen kommen. Das gilt es für die verschiedenen Bereiche neu zu diskutieren, etwa für Gesundheit, Wasser, Energie, Wohnen, Ernährung und Mobilität.

Heute wird in der heimischen Isolation auch die starke Abhängigkeit von Internet und digitaler Kommunikation deutlich. Diese für den Einzelnen und für die Gesellschaft existenziellen Bereiche sind von großer Marktmacht bestimmt. Hier muss diskutiert werden, wie etwa das Internet auf eine transparente und demokratische Weise organisiert werden und der Einfluss einiger weniger auf die Kommunikation aller verhindert werden kann.

Klimakatastrophe und Corona zusammendenken

So dramatisch die Corona-Pandemie heute auch wütet – wahrscheinlich ist, dass Corona im historischen Rückblick im Vergleich zur Klimakatastrophe als Zwerg-Krise gesehen werden wird. Neben Corona müsste daher der Blick auch heute stark aufs Klima gerichtet werden. Die Psychologin Margaret Klein Salomon meint dazu: „Hätten wir den Klimanotstand wirklich akzeptiert, würden Dashboards und Updates darüber, welche Länder ihre Emissionen am schnellsten reduzieren, die Schlagzeilen dominieren, die Leute würden zetern, ihre Regierung solle gefälligst die Maßnahmen übernehmen, die funktionieren.“

Wie würde eine Politik aussehen, welche die Klimakatastrophe mitdenkt? Einige Beispiele.

  • Stabilität und Wachstumsunabhängigkeit: Eine krisenfeste Wirtschaft ist unabhängig vom Wirtschaftswachstum. Daher ist die Förderung von Unternehmens- und Organisationsformen sinnvoll, die auch in Krisenzeiten funktionieren, weil sie vom Vermehrungszwang unabhängig sind – Beispiele hierfür sind Genossenschaften. Darüber hinaus gilt es, auch die sozialen Sicherungssysteme und das Finanzsystem wachstumsunabhängig zu gestalten.
  • Zukunftsfähige Investitionen statt Subventionierung veralteter Branchen: Die gegenwärtigen milliardenhohen Kredite und Zuschüsse sollten in Richtung Nachhaltigkeit konditionalisiert werden. Im Zentrum von Investitionen könnten etwa Nachhaltigkeitsforschung, Öffentlicher Nahverkehr sowie Erneuerbare Energien stehen.
  • Regionalisierung von Produktion und Konsum: Corona zeigt, dass Produktion, Reisen, Nahrungsmittel und Konsumgüter auch regional funktionieren. Das bleibt aus ökologischer Sicht auch langfristig sinnvoll. Zeit also für einen Paradigmenwechsel: Mehr Welthandel ist nicht immer sinnvoll. Ökologische Kosten müssen eingepreist und gleichzeitig Handelsregeln endlich gerecht gestaltet werden, so dass Deutschland seinen Exportstatus nicht auf Kosten des Globalen Südens aufrechterhält.
  • Kurzarbeit und soziale Gerechtigkeit. Durch den Produktivitätsfortschritt ist heute nur noch ein Bruchteil der Arbeit notwendig, um gleich viel herzustellen. Allerdings sind Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt, dass Menschen teils auch von mehreren Stellen in Leiharbeit nicht leben können. Coronabedingte Kurzarbeit kann den Einstieg in eine generelle Arbeitszeitreduzierung ermöglichen, die freigewordene Zeit könnte für Sorgearbeit wie für demokratisches und ehrenamtliches Engagement genutzt werden. Um soziale Gerechtigkeit zu schaffen, müsste die Arbeitszeitverkürzung allerdings mit einer deutlichen finanziellen Umverteilung von oben nach unten flankiert werden – diese ist ohnehin notwendig, da zunehmende Ökosteuern ansonsten Ärmere überproportional belasten und ihre Lenkungswirkung verfehlen.

Orientierung am „Guten Leben“ statt am Wirtschaftswachstum

Krisen sind Phasen der Instabilität, der Neuausrichtung. Hier liegt die Chance zur Besinnung auf das Wesentliche. Die Zufriedenheit der Menschen wächst in Industrieländern nicht mehr mit steigendem Bruttoinlandsprodukt. Die Weltreligionen wissen es und auch die Glücksforschung hat erkannt, dass das Ziel von menschlicher Entwicklung nicht ein immer Mehr an Materiellem ist. Nicht-materielle Werte müssen geschützt werden und dürfen nicht weiterem Wirtschaftswachstum geopfert werden. Heute gilt es, eine resiliente, zukunftsfähige Form des Wirtschaftens zu schaffen, welche die sozialen, demokratischen und ökologischen Fundamente unserer Gesellschaft nicht erodieren lässt, sondern fördert und lebendig macht. So können in der Krise gleichzeitig „die Alten“ geschützt und für „die Jungen“, die nachfolgenden Generationen, sowie die Welt als Ganzes Sorge getragen werden.

 

Katharina Hirschbrunn ist Volkswirtin und Studienleiterin für Wirtschaft und Arbeitswelt sowie Nachhaltige Entwicklung an der Evangelischen Akademie Tutzing. Aktuell schreibt sie an ihrer Promotion zum Thema „Gute Arbeit in einer Postwachstums-Gesellschaft“.

 

Bild: Katharina Hirschbrunn (Foto: eat archiv)

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7 Kommentare

  1. Schwarz, Ekkehard says:

    Für die Umsetzung wäre eine Staatswirtschaft mit einem Ökodiktator er-
    forderlich.
    Ohne ein gewisses Wachstum sind viele Zukunftsaufgaben, wie demographischer Wandel, Klimawandel,Entwicklung ärmerer Länder usw.
    kaum zu lösen.
    Ohne Unternehmer, die bereit sind, Geld,Zeit und Ideen zu investieren
    bricht das soziale System zusammen.
    Auch die Kirche wird leider sehr schmerzlich die rückgängigen Steuer-
    einnahmen spüren.

  2. Ekkehard Stähle says:

    Ganz herzlichen Dank!
    Sehr gut!
    Das wäre doch sehr der Aufmerksamkeit durch ein großes Publikum wert. Vielleicht zum Beispiel über eine Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung?

    Alles Gute Ihnen

    Ekkehard Stähle

  3. Hans-Joachim Schemel says:

    Sehr kluge Überlegungen! Warum reagieren wir anders auf Corona als auf den Klimanotstand? Weil Corona unser Leben jetzt bedroht und die Klimakatastrophe bei der Wählermehrheit als weniger problematisch gesehen wird als Massenarbeitslosigkeit und Wohlstandsrückgang.
    Statt der Wählermehrheit müssten Leute wie Kathrin Hirschbrunn und ähnlich weitsichtige Menschen die Politik bestimmen. Aber das gibt unsere Demokratie nicht her. Es bleibt die vage Hoffnung, dass die Mehrheit allmählich vernüftig wird und harte Einschränkungen ihres bisherigen Lebensstils als den besseren Weg zum Glück erkennt. Wenn das zu lange dauert, dann werden wir es büßen müssen.

    • Katharina Hirschbrunn says:

      Sicher hat unsere Demokratie einige Mängel: Die Effekte unseres Handelns treffen etwa Menschen zu anderen Zeiten und an anderen Orten, die nicht mitwählen dürfen. Und politische Diskurse werden stärker von Interessengruppen mit größeren z.B. finanziellen Mitteln beeinflusst als von Menschen ohne Lobby, wie etwa Kleinkindern. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden. Das Grundprinzip “Ein Mensch – eine Stimme” ist aber Ausdruck der Würde und Mündigkeit einer jeden Bürgerin, und darf nicht durch die Herrschaft irgendeiner Form von vermeintlich “Weitsichtigen” oder “Experten” ersetzt werden.

  4. Christoph Ernst says:

    Danke, liebe Frau Hirschbrunn, für den Hinweis auf die Pickett-Wilkinson-Studie!

    Sie ist eine weitere Bestätigung für das von Rudolf Steiner beobachtete und 1905 formulierte ‘Soziale Hauptgesetz’:
    Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen eigenen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.

    Das gilt bereits auf der betrieblichen Ebene der Zusammenarbeit, das gilt auf der Meso-Ebene unserer Gesellschaft und für die Gesamtmenschheit als oberster Ebene. Die Arbeitsteilung ist auch ein gutes Beispiel dafür, wo sie nicht durch Ausbeutung und ungerechte Geldkreisläufe konterkariert wird.

    Ich habe Ihr Ökodorf-Seminar vor heute genau (!) 3 Jahren noch in sehr positiver Erinnerung.

    Mit freundlichem Gruß
    Christoph Ernst

  5. Paul H. Kroh says:

    “Interdependenz” – schon die antiken Griechen umschreiben solche Wechselseitigkeit mit der These: Der Mensch sei ein dsoon politikon.
    Leider verschiebt sich die Bakance und Akzentuierung von Ich und Du und Wir, vom Einzelnen bis hin zu globalen Gesellschaften in einem Nu und plötzlich bis langfristig. Wir kennen die Extreme von Diktat statt Demokratie, übergriffiger Bürokratie statt eigen verantworteten Freiräumen. Nach dem Corona-Anstoss sagen wir : Bloss nicht zurück in die Zeit davor? Kann uns etwas von Rücksicht und Vorsicht erhalten bleiben? Oder geht es a la longue doch nur im ´ordre per mufti` (s. der neue Flensburgkatalog ), per Profitanreiz, per Muskelspiel und Influenzer/Innen? Macht das Virus passager etwas möglich? Oder ist es selber schon Teil eines wie immer gehabten Drucksystems? Oder kommt es auf das Ethos einer jeweiligen Einstellung und Blickrichtung an?
    Paul Kroh

  6. Günter Polhede says:

    Man kann auch sagen, es handelt sich um Leben in vielfältig schwieriger Zeit, die durch Hunger und Überfluss bzw. Armut und Reichtum gekennzeichnet ist. Ein Teil der Menschen gehört eher zur bevorteilten, der andere Teil eher zur benachteiligten Kategorie.
    Bevorteilung und Benachteiligung findet zwischen gesellschaftlichen Gruppen in Staaten und zwischen Staaten statt. Wenn der Unterschied zwischen diesen beiden Kategorien zu groß wird, kann es zu gesellschaftlicher Polarisierung und deren Entladungen durch Verteilungskämpfe und –kriege kommen.
    Die Unterschiede zeigen sich durch Möglichkeiten zum Rohstoffeinsatz, Energieeinsatz, Verbrauch von Umwelt, Investieren, Erwerb von Konsumprodukten, Besitz von Geld für die Praktizierung der Realwirtschaft und Einsatz von Geld für die Praktizierung der reinen Finanzwirtschaft, um durch Spekulation Geld mit Geld zu mehren.
    In der Realwirtschaft erwirtschaftetes Geld wird meistens asymmetrisch verteilt. Das gilt für Renditen und Zinsen. Es gilt aber auch für Löhne und Gehälter bei prozentualer Verteilung. Menschen mit hohen Löhnen und Gehältern erhalten dadurch wesentlich höhere Zuschläge als Menschen mit geringen Löhnen und Gehältern.
    Verdientes Geld landet im Konsum und in Investitionen. Wenn das von gutverdienenden Menschen erworbene Geld für diese Zwecke nicht mehr in vollem Umfang benötigt wird, besteht für diese Menschen die Versuchung, ihr Geld spekulativ einzusetzen.
    Hätte man in den letzten Jahrzehnten die zur Verteilung bereitstehende Summe von Löhnen und Gehältern zur Hälfte gleichverteilt und nur zu anderen Hälfte prozentual verteilt, dann hätten die heute eher armen Menschen mehr konsumieren können und es gäbe kaum arme Menschen. Der Ausschluss armer Menschen aus hinreichendem Konsum schmälerte den Verbrauch von Ressourcen und begünstigte den verbleibenden Ressourcenvorrat für die reicheren Menschen. Aus diesem Phänomen kann man das Interesse reicherer Menschen an einer asymmetrischen Verteilung bereitstehender Geldmittel ableiten.
    Hätte man in den letzten Jahrzehnten von armen Ländern deren Produkte zu Preisen gekauft, die die Existenzsicherung und nachhaltige Zukunftsvorsorge der dort beschäftigten Menschen ermöglicht, gäbe es heute vermutlich kaum Fluchtbewegungen. Nachhaltige Zukunftsvorsorge in ärmeren Ländern sei wie folgt erläutert: Medikamente sollten bezahlbar sein, einer auf Mischkulturen basierenden Landwirtschaft sollte mehr Export ermöglicht werden, die Ökonomie sollte recyclingzentriert wettbewerbsfähig sein können. Gleichzeitig wäre bei vorteilhafter Sonnenscheindauer ein überdurchschnittlicher Einsatz erneuerbarer Energie möglich.
    Hätte man in den letzten Jahrzehnten in den industrialisierten Ländern die Preise für Industrieprodukte so gestaltet, dass die Kosten für umfassendes Recycling weitgehend eingeschlossen gewesen wären, gäbe es heute vermutlich kaum eine Diskussion über Rohstoffknappheit.
    Die oben genannten drei wenn-dann-Beziehungen mögen beispielhaft aufzeigen, welche korrigierenden Aufgaben zwecks gesellschaftlicher Depolarisierung geldmäßig quantifiziert werden könnten, um sie dann demokratisch zur Abstimmung zu stellen. Dann könnten die Vorteilsnehmer gesellschaftlicher Polarisierung durch ihr Tun die Ursachen multipler Krisen mindern helfen.

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