Himmel & Erde

Das Dreifachgebot der Liebe

Ein Schriftgelehrter fragte Jesus, welches das höchste Gebot sei. Im 22. Kapitel des Matthäusevangeliums ist uns die Antwort Jesu überliefert: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere ist ihm gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Mit seiner Antwort fasst Jesus die Botschaft der Bibel kurz und prägnant zusammen. Dabei nimmt er zwei Aussagen aus dem Alten Testament auf. Das „Doppelgebot der Liebe“, wie diese beiden Sätze auch genannt werden, gehört zum Urgestein der christlichen Glaubensüberlieferung.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Doppelgebot jedoch als ein Dreifachgebot. Denn neben Gott und meinen Mitmenschen geht es auch um mich. Letzteres ist vielfach überlesen worden und wird auch heute noch immer wieder überhört. Für mich war das eine eher zufällige Entdeckung, obwohl ich das Doppelgebot kannte und immer wieder diese Worte Jesu in der Bibel las. Warum aber, so fragte ich mich, ist das Doppelgebot dann nicht als Dreifachgebot bezeichnet worden? Es hängt wohl mit dem Christentum selbst zusammen – mit der Forderung, Gott und den Nächsten zu lieben.

In der Geschichte der Kirchen ist die Aufforderung Jesu, auch sich selbst zu lieben, über Jahrhunderte hinweg meist viel zu wenig im Blick gewesen. Dass die eigenen Bedürfnisse auch ihre Berechtigung haben, war lange verpönt. Dabei ist doch völlig klar: Wer zu sich selbst kein positives Verhältnis hat, wie soll der Gott und seine Mitmenschen lieben? Wer morgens in den Spiegel schaut und das Gesicht, das ihm entgegenblickt, nicht mag, dem mangelt es an Selbstwertgefühl.

In praktisch allen Lebenshilferatgebern, ob von Psychologen oder von Theologen verfasst, darf dieser Hinweis nicht fehlen: Jeder Mensch braucht von sich selbst eine positive Einschätzung. Er und sie muss selbstbewusst sagen können – ohne rot zu werden: Ich bin ein liebenswerter Mensch. Oder: Gott liebt mich so, wie ich bin. – Wem das nicht gelingt, wie kann er erwarten, dass ihn andere mögen? Das individuelle Selbstwertgefühl macht uns erst fähig zum selbstbewussten Dialog auf Augenhöhe mit anderen.

Die Gratwanderung zwischen Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe ist schwierig. Natürlich kenne ich auch die ins eigene Ich Verliebten. Die einen Ego-Trip nach dem anderen veranstalten. Die nur sich selbst sehen und ihre Bedürfnisse bis ins Kleinste kennen. Und wehe, die werden nicht erfüllt! Die notwendige Sensibilität für die eigenen Bedürfnisse kann letztlich zu einer Selbstsucht führen, die krank macht. Wer nur noch sich selbst sieht, der wird zwar umso sensibler für die eigenen Bedürfnisse, nimmt aber womöglich nicht mehr wahr, was andere Menschen zu ihrer Entfaltung brauchen.

Egoisten muss man nicht ermutigen. Ermutigt werden aber müssen diejenigen, die immer zuerst an ihre Mitmenschen denken: dass ihnen eine kleine Portion Egoismus ganz gut täte. Immer wieder begegne ich in Familien Menschen, die unermüdlich für andere da sind: sich für andere buchstäblich aufopfern – in der Pflege alter Menschen, in der Nachbarschaftshilfe, im Krankenhausbesuchsdienst. Die das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe so interpretieren, dass das eigene Ich dabei nicht vorkommt. Die völlige Selbstaufopferung – gleichsam als Gegenstück zum Ego-Trip – das hat Jesus nicht gemeint. Und er hat das auch nicht gewollt.

Das Doppelgebot der Liebe wird wohl auch in Zukunft diese Bezeichnung tragen. Vermutlich, weil es Gott und den Menschen, die Vertikale und die Horizontale miteinander verbindet. Vielleicht wäre aber schon etwas gewonnen, wenn wir künftig wenigstens vom Doppelgebot mit drei Dimensionen sprechen: Gott, der Nächste – und ich! So viel Selbstwertgefühl darf sein. Und ist gut biblisch!

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