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Was bedeutet es, du zu sein?

Dem Leben auf der Erde dienen – das ist das Anliegen der Klimaaktivistin Mona Bricke. In diesem Beitrag schreibt sie, wie sie ihr Bewusstsein für einen Nachhaltigen Aktivismus entwickelte, was das Konzept der Tiefenzeit für sie bedeutet und warum wir dringend einen “neuen Vertrag mit der Welt, die uns umgibt”, brauchen.

Von Mona Bricke

Nachhaltiger Aktivismus hat mir geholfen, mein Bild von der Welt und von mir selbst grundlegend zu verändern. Jahrzehntelang konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich meine politische Tätigkeit auf etwas anderes beziehen könnte als auf die Menschen um mich herum und auf das Jetzt. Für mich gab es zwar Geschichte, aus der wir lernen können und eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft, auf die wir hinarbeiten können – aber das waren Abstraktionen, es gab keine gefühlte Verbindung zwischen mir und den Zeiten vor mir und nach mir. Ebenso fehlte mir das Bewusstsein, dass die Natur kein Gegenüber ist, sondern ich ein Teil von ihr.

Nach Burnout und Klinikaufenthalt musste ich mich und mein politisches Engagement neu denken und fühlen lernen. Nachhaltiger Aktivismus und insbesondere “The Work that Reconnects” (in Deutschland auch Tiefenökologie genannt) haben es mir ermöglicht, dabei zu bleiben und eine neue politische Rolle als Trainerin für nachhaltigen Aktivismus zu finden. Ich lerne nach und nach, mich zu verabschieden von der Idee, dass die Tiere, Pflanzen und immer mehr auch die Maschinen, mit denen wir diese Welt teilen, ganz und gar anders und völlig abgespalten sind von mir, meiner menschlichen Intelligenz und meinen Gefühlen.

Wir Menschen leben in einer sehr kleinen Dimension von Zeit und Raum. Die Geschwindigkeit und der Maßstab der Veränderungen, die wir insbesondere durch unsere Art des Wirtschaftens hervorgerufen haben, entziehen sich unserem begrenzten Denken und Empfinden. Wir sind Zeug:innen eines ökologischen Wandels, dessen Dimensionen wir nur unzureichend verstehen, geschweige denn, angemessen darauf reagieren können. Was wir jetzt brauchen, ist ein Makroskop, ein Gerät, das uns hilft, in einem viel größeren zeitlichen und räumlichen Maßstab zu denken, als wir es gewohnt sind. Das Konzept der Tiefenzeit, das in vielen Übungen aus “The Work that Reconnects” enthalten ist, bietet uns die Möglichkeit, diesen erweiterten Blickwinkel zu erlangen. Tiefenzeitübungen helfen uns, uns mit der Vergangenheit und der Zukunft zu verbinden und uns in der Zeit zu verankern – nicht nur in der menschlichen, sondern auch in der evolutionären Zeit. Der Perspektivenwechsel kann uns dabei helfen, uns weniger allein und hilflos inmitten der rasanten Veränderungen zu fühlen und langfristiges Denken und Handeln zu priorisieren.

Alle Intelligenz ist ökologisch – also verwoben, verbunden und Teil der Welt um uns herum. Ich habe die letzten zehn Jahre auf dem Land, in einem Naturschutzgebiet gelebt. Dort habe ich gelernt, Farben, Formen, Gerüche und Veränderungen im Laufe des Jahreszyklus wahrzunehmen, die mir vorher verschlossen waren. Ich wurde mir meines “ökologischen Selbst” bewusst. Um nachhaltig und verbunden leben zu können, brauchen wir die Gelegenheit, uns selbst als Teil von Natur wahrzunehmen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um körperlich und vor allem auch psychisch gesund zu bleiben.

Körper sind wichtig für unsere Gehirne und für unser Denken. Wie wir die Welt wahrnehmen, wird gesteuert davon, welche Extremitäten wir haben, über welche Sinne wir verfügen und in welchem Kontext wir uns bewegen. Wenn wir wirklich verstehen wollen, was nicht-menschliche Intelligenz sein kann, dann müssen wir aufhören, uns Intelligenz als etwas vorzustellen, was nur durch menschliches Erleben geprägt ist. Intelligenz ist nicht einfach da, sondern etwas, das wir tun. Sie ist aktiv und generativ und entsteht zwischen uns.

Naturerleben und Wildniswissen sind nicht nur Beiwerk des nachhaltigen Aktivismus, sondern integraler Bestandteil. Pflanzen sind die Schöpferinnen unserer Welt, durch Photosynthese, Produktion von Humus und Boden und durch die Umwandlung von Nährstoffen in Lebensmittel. Ohne die Welt der Pflanzen könnten wir nicht existieren. Indem wir dies anerkennen, lernen wir Demut. Unsere Welt wird dadurch weiter und reicher. Und unsere Erzählungen über diese Welt werden vielfältiger. Wir lernen neu zu sehen und zu verstehen, wenn wir weg kommen von der Frage: “Bist du wie ich?” und hin zu der Frage “Was bedeutet es, du zu sein?”.

Die Grundlage des Lebens ist nicht Beständigkeit, sondern Veränderung. Und der Treiber dieser Veränderung, in der Evolution und auf individueller Ebene, ist das Aufeinandertreffen mit dem Anderen, dem Nicht-Ich. Um als Menschheit zu überleben, brauchen wir einen neuen Vertrag mit der Welt, die uns umgibt, was James Bridle die “mehr-als-menschliche Welt” nennt. Dieser Vertrag sieht die anderen Wesen um uns herum (Tiere/Pflanzen/zunehmend auch Maschinen) als Maßstab unserer Verwobenheit, als Aufruf zu Sorgfalt und Demut.

Die notwendigen Veränderungen, die uns bevorstehen, um angesichts von Klimawandel, Artensterben und sozialem Kollaps zu überleben, lösen bei vielen Menschen existenzielle Verzweiflung und Angst aus, die oft genug in Depression und Burnout münden. Die Verdrängungs- und Abspaltungsleistungen, die unser Leben im Neokapitalismus uns abverlangt, führen bei Aktivist:innen immer öfter zu Apathie oder zum “Tanz auf dem Vulkan”, weil sowieso schon alles zu spät zu sein scheint. Verdrängung als gesamtgesellschaftliche aber auch individuelle Norm bilden den Nährboden für Hass auf diejenigen, die den Finger in Wunde legen: Klima-Aktivist:innen, Menschen, die sich für das Recht auf Asyl und gegen den Vormarsch der Rechten einsetzen oder uns daran erinnern, dass die Tiere, die wir essen und halten, Lebewesen sind, die unseren Respekt verdienen.

Klimawandel und Artensterben werden wir in absehbarer Zeit nicht rückgängig machen können. Wir müssen uns an die bereits stattfindenden Veränderungen anpassen, damit umgehen und sie so weit wie möglich eindämmen. Existenzielle Verzweiflung ist in dieser Situation keine hilfreiche Reaktion. Wir brauchen Räume, um die Wut, die Verzweiflung und die Trauer zu teilen und durch sie hindurchzugehen; Räume für das Gefühl, tief miteinander verbunden zu sein und die Entschlossenheit, gemeinsam für das Leben auf der Erde zu handeln. Nachhaltiger Aktivismus kann der Ausgangspunkt sein für eine radikale und gleichzeitig langfristig wirksame Veränderung und Verbindung mit uns selbst und unserer menschlichen und mehr-als-menschlichen Umwelt.

 

Zum Weiterlesen:

  • Joanna Macy/Molly Brown: Für das Leben! Ohne Warum, Junfermann, 2017
  • Timo Luthmann: Politisch Aktiv Sein und Bleiben – Handbuch Nachhaltiger Aktivismus, Unrast 2019
  • James Bridle: Ways of Being. Animals, Plants, Machines: The Search for a Planetary Intelligence, Penguin, 2022

 

Zur Autorin:
Mona Bricke ist Aktivistin in der Menschenrechts- und Klimagerechtigkeitsbewegung, Workshopleiterin zu Resilienz & Nachhaltigem Aktivismus und Initiatorin des Projektes “Nachhaltig aktiv sein und bleiben” bei den Naturfreunden NRW, Köln.

Hinweis:
Die Autorin referiert auf der Tagung “Politisch aktiv sein – und bleiben!” vom 29. September – 01. Oktober 2023 zum Thema Nachhaltiger Aktivismus. Die Tagung bietet Vorträge und Workshops zur Frage: Wie können wir gemeinsam handlungsfähig bleiben trotz Angst, Wut und Verzweiflung? Freiplätze sind verfügbar. Weitere Informationen finden Sie hier.

Am 15. September 2023 wird zum Thema Nachhaltiger Aktivismus der Film “Radical resilience” in München gezeigt, zur zentralen Frage: Wie umgehen mit Aktivismus-burnout? Im Anschluss sprechen die Filmemacher:innen Delila und Lian darüber, wie Bewegungen stark und nachhaltig werden können.

 

 

Bild: Mona Bricke (Foto: privat)

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