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Spiel dein Spiel!

Jochen Wagner ist Pfarrer, Philosoph, Fußball- Motorrad- und Gitarrenbegeisterter – und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Tutzing. Wir haben ihn gefragt, ob er in diesen Corona-Zeiten darüber schreiben könnte, was es bedeutet, wenn der Ball nicht mehr rollt. Er war skeptisch:Pastoral geboten schien mir das nicht, jetzt vom Vergnügen zu reden.“ Nun hat er doch zu einem philosophischen Blogbeitrag ausgeholt. Untertitel: Vom Sport, dem Vergnügen in trostbedürftiger Zeit.

Immanuel Kant beantwortet in seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft die Frage, was denn das Schöne sei, in etwa so: was uns interesselos, also zweckfrei wohlgefällt und – vergnügt. Doch das beißt sich ja gerade jetzt mit so viel Ungewissheit, Angst, Kranksein, Schmerzen und, ja, nicht zu verleugnen, Tod. Gleichviel freilich der Gesunde sich – trotz der bekannten Einschränkungen der Freiheitsrechte – seine sportlichen Vergnügen nicht nehmen lässt, ja schier ignorant gegenüber Infektionsgefahr und behördlichen Sanktionen auch frech seiner Freizeitzerstreuungen frönt. Der Kranke hat nur eben auch diesen einen Wunsch: gesund und munter wieder raus ins Freie, wenigstens zuschauen zu können. Denn wir kennen alle das Faszinosum, dass selber sporteln und bloß zuschauen rätselhafterweise sich nichts nehmen. Das Phänomen der kinästhetischen Sympathie lässt uns augenscheinlich ein Schachduell, Tennismatch, Fußballspiel oder diverse Rennen passiv da hockend genauso  gefesselt erleben, als wenn wir selber aktiv wetteifern würden. Wir fiebern also, sei der Körper gesund und vergnügt oder sei er krank und verzagt. Wir können jedenfalls nicht Ruh‘ geben, wie Blaise Pascal einmal gemeint hat: Der ganze Schlamassel der Menschheit bestehe darin, dass wir’s auf dem Sofa daheim nicht aushalten. Bis heute können wir daher Friedrich Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795/1905/1965ff) zustimmen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und e r  i s t  n u r  d a  g a n z  M e n s c h , w o  e r  s p i e l t“ (ebd. 63).

Auf Entzug von der Droge Flow
De corpore, de motu – vom Körper, heißt denn von der Bewegung reden. So knapp und präzise hat das Thomas Hobbes schon vor ein paar hundert Jahren formuliert. Sich leibhaftig selber bewegen, kraft des Körpers automobil sein, mit fünf Sinnen die Mannigfaltigkeit der Welt erleben, mit dem leibgeistseelischen Sensorium alles reinsaugen, sehen, hören, schmecken, riechen, tasten, draußen toben, frei sein, tanzen und rauschen, ist das nicht ein Batzen Glück, das gratis da ist? Gibt man einem Neugeborenen die Hände, hält sich das Bobberlä, ein Neugeborenes, fest. Berühren seine Füße den Boden, fängt es das Tippeln an. Da bleiben und fort sausen, fort & da spielen, das bringen wir als Triebstruktur mit, wenn wir auf die Welt kommen. Und weil wir diese Bewegungslust, diesen élan vital intus haben, fasz-iniert, spiegelt uns auch alles, was sich bewegt diese automobile Signatur alles Lebendigen wider: Reiz ist Schönes in Bewegung, hat Lessing einmal im Laokoon buchstabiert. Wunder-bar. Drum  sind wir auch als Zuschauer nicht zu halten, wenn da etwas göttlich ausschaut und tierisch abgeht. Was Wunder, wenn uns etwas Fundamentales fehlt, nicht raus, nicht toben, rasen, rauschen, eben sporteln, psychomotorisch, sozioaffektiv, also mit Leibeslust sich selber und gesellig mit anderen verausgaben zu können. Und wenn das schon vielfach nicht geht, mangels Wohnraum, Garten, Spielplatz, dann wenigstens interpassiv dabei sein! Zu Unrecht werten wir das „vor der Glotze hocken“ verächtlich als „bloß konsumieren“. Zurecht fehlt uns etwas, wenn alle Kinos, Theater, Arenen und Circuits, Konzertsäle und auch Kirchen zu sind. Vielfach wird derzeit das normale Leben durch Corona ja restriktiv eingeschränkt, als Käfig empfunden. Zur Zunahme häuslicher Gewalt ist es nicht weit.

Es sind zumal französische Philosophen gewesen, die den Sport, die Vergnügungen, also die Spiele des Menschen insbesondere in hochkomplexen Gesellschaften als unverzichtbare Ventile für überschüssige Energien begriffen haben. Es seien, so Georges Bataille, Marcel Mauss, Roger Caillois und viele andere mehr im Wesentlichen drei Wege, den Speck, die Triebkräfte, die alte Mania, das fiebrige Rasen des Körpers und damit auch die Aggressionen zivil zu überformen: soziale Einrichtungen, Spiele und wo diese nicht befrieden und befriedigen: Krieg. Das Tier in uns, wird es durch Sport als kontrollierte Anarchie in Zaum gehalten? Zumindest sind wir süchtig auf jenes Versunkensein in fokussierte Intensität, wie der Schwimm-Olympiasieger Pablo Morales gesagt hat.

Wir alle kennen mit Mihaly Csikszentmihalyi den Flow. (Flow. Das Geheimnis des Glücks, 1990). Und man muss nicht studiert haben, wie sehr spielen sozialen Sinn produziert, die Menschen verbindet, erheitert, beseelt, ggf. tröstet und ausgeglichen macht. Im Anschluss an Henri Bergson Die schöpfe-rische Entwicklung (Nobelpreis 1927) etwa hat Thomas Alkemeyer u.a. Ordnung in Bewe-gung. Choreographien des Sozialen. Körper in Sport, Tanz, Arbeit und Bildung gezeigt, wie basal die Spiele für unsere Kompetenzen, soziale Systeme, sozio-moralischen Ressourcen und sogar politischen Urteilsvermögen sind. Versessen auf diesen Flow, sind wir in der Hingabe an die Passion ganz außer uns und zugleich selbstvergessen bei uns. Anthropologen wie Hel-mut Plessner, Arnold Gehlen, Max Scheler usw. sprechen von purer Präsenz in exzentrischer Positionalität. Es ist ein nahezu manischer Hunger auf ein umworbenes, köstliches Ding. Lo-thar Emmerich, dereinst Mittelstürmer von Borussia Dortmund, hat all sein Verlangen nach dem geballten Glück auf ewig wie ein Kind erfleht: Gib mich die Kirsche, Deutschland! Da drückt es einem doch eine Träne ins Auge. Oh du rollende Lederkugel, du vermaledeite Sisy-phos-Arbeit! Her mit dir und ich bin erlöst. Ernst Happel, Fußballer und Trainer voll Wiener Schmäh, ein besessener Grantler, hat recht: „Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.“

Die Griechen, sie waren oberflächlich, ja – aus Tiefe
So eröffnet Friedrich Nietzsche seine Genealogie der Moral. Schauen wir einmal, auch wenn es anstrengt und ohne Kopfnüsse, also theoretisches Herrschaftswissen, nicht abgeht, was alles an tieferer Substanz im vermeintlich oberflächlichen Vergnügen der Spiele drin steckt. Denn egal welches Spiel auch immer: es ist eine Schau, eine theoria, nämlich ein Lehrstück.

Theoria meint im besten Sinne, wie in der Oper oder dem Theater und nicht minder im Stadion oder auf der Rennstrecke, dass das Schau-Spiel beides zugleich ist: Sensation und Reflexion, Spektakel und Aufklärung. Man begreift sofort, ohne Denke, Studium, Promotion usw., worum es geht, aus bloßem Feeling heraus. Event und Message sind eins. Gaudi und Weisheit fallen zusammen, wo sie bei uns etwa im Bildungsfernsehen, Weisheit ohne Gaudi, oder auf’m Oktoberfest, Gaudi ohne Weisheit, auseinanderklaffen. Schaut man den Kindern beim Spielen zu, fällt zudem der heilige Ernst auf, als wär‘ die Nebensache die Hauptsache. Was, es gehe auf Leben und Tod, auf to be or not to be? Nein, es gehe um viel mehr, hat ein englischer Fußballtrainer zutiefst geseufzt. Es geht immer ums Ganze und vielleicht ist deswegen der Ball, das runde Phantasma, die absolute Metapher geballten Glücks.   

Inteam & intim
Und dieses magische Ding – konzentrieren wir unsere improvisierte Tiefenbohrung auf das Fußballspiel, repräsentativ für Ball- und Mannschaft-, respektive Frauschaft-Spiele – kann man nicht haben, vielmehr muss man den Ballbesitz teilen – quasi ein konstitutiver, soziali-stischer Impuls. Zudem braucht man viele andere zum Spielen. Und anders als in Kollektiv-körpern wie Armee, Kirche, Partei, Gewerkschaft erschöpft sich der Korpsgeist nicht in Andacht, Befehl und Gehorsam. Es braucht vielerlei Begabungen, inteam zu harmonieren. Und bis heute ist kontrovers, ob man solche Dreamteams mit Geld zusammenkaufen kann oder sie mit der Zeit aus eingespielter Erfahrung zusammenwachsen. Die Mischung der verschiedenen Könnerschaften macht‘s. Wer braucht schon elf Maradonas? Nein, die Erfolgstrainer haben ein feines Händchen, wer was kann und daher welche Position spielen muss. Gewiss gibt es auch einen Disziplinierungsdruck. Doch der reine Loyalitätszwang killt eben jene Genialität der sogenannten Kreativspieler, diese Typen und Originale, die trotz Manndeckung durch einen Rumpelfüßler eben den absoluten Ball spielen. Gerade diese Rastellis des Augenblicks brauchen dazu aber die meist namenlosen Wasserträger, die selbstlos im Spiel ohne Ball die ungeahnten Räume eröffnen, Finten legen und durch stetig dynamisierte Konstellationen schweißtreibend die notwendigen, nicht hinreichenden Bedingungen, für den Regisseur des kairetischen Augenblicks erarbeiten. Urplötzlich entsteht so eine traumwandlerische Kombination oder ein einmaliges Solo, ganz Poesie, vom griechischen poiein, dem Machen, das mit einem Traumtor, sagen wir, 80 Minuten Gewürge, acht Minuten ansehnliches Fußballern und zwei Minuten Highlights krönt – im Spiel wie in jeder Beziehung des Lebens. Es braucht also viel Gespür, seine Pappenheimer zu kennen und so ein Team, oder ein Orchester, Ensemble, Combo zusammenzustellen und zu formen.

Für mich stiftet der Fußball ein Modell lebendiger Arbeit, schenkt uns das Paralleluniversum des Sports ein, wie oft auch immer von Fouls, Korruption, Gewalt, Doping, schwarzen Kassen und Menschenhandel wie Kinderarbeit (Sportartikelindustrie) entstelltes, kontaminiertes Ideal: Der Competition, lateinisch cumpetere, gemeinsam etwas bestreben, setzt ein Minimum an fairplay voraus. Und weil man nur miteinander gegeneinander spielen kann, braucht es eine kleine Logik der Anerkennung auf Augenhöhe mit den Kombattanten. Indem man die Lust am Spiel teilt, gibt es keine Konkurrenz oh-ne Kooperation et vice versa. Und weil nach dem Spiel vor dem Spiel ist, wird der Verlierer nicht vernichtet wie im antiken Theater Agon. Er wird ja gebraucht, damit das Spiel weiter geht. Es spürt jeder Akteur, jedes Publikum: anders als in Krieg oder archaischem Kult atmen die Spiele die Luft vom opferlosen Stand. Das mag angesichts vieler Skandale naiv, emphatisch klingen. Doch ein Minimalprogramm des Humanums, so ein kleines Einmaleins der Communio, ein Ethos der Gasse schreibt uns der Sport über ethnische, religiöse, kulturelle Differenzen hin ins Herz: Jede/r kann was, keine/r alles, niemand nix, was ich kann, gehört dem Team, was mein anderer nicht kann, verpflichtet mich, Misslingen, Fehler, Scheitern sind normal, wer fehlt, nachdem wird geschaut, gemeinsam arbeiten und sorgen, streiten und feiern, gemeinsam gewinnen und verlieren, lachen und weinen, in allem zusammen halten.

Gesundheit ist die Wahrheit des Körpers
Die Formel französischen Philosophen Georges Canguilhem, Gesundheit – eine Frage der Philosophie (2004, 15ff) stimmt individuell wie kollektiv. Nirgends sieht man so sehr auf den ersten Blick, ob der Spieler in Form ist, woran es krankt im Team, wie im Sport. Und evident ist, dass es mal wie geschmiert läuft und ein anderes Mal auf einmal gar nichts geht. Diese Unverfügbarkeit, modern wird das Kontingenz genannt, worin das contingere anklingt, was „einem zukommt“, zustößt, in die Quere kommt, tangiert, treibt uns um. Ohnmacht macht Angst, Kontrollverlust frisst unsere Kräfte, wir sind keine Heroen, sondern unendlich verletzlich, ja zerstörbar. Wir sind leibhaftig wunderbar und gleichviel verwundbar. Anders als im digitalen Kosmos gibt es für unser unersättlich wie unheilbar analoges Kapital in Gefahr, Not, Leid und Tod keine Reset-Taste. Unser Leib-Geist-Seele-Ich hat keinen Diagnose-Stecker, womit man das System beliebig nachjustiert oder Fehler, sogar irreparable, spurlos rauslöscht. Krank werden ist die Zäsur in unserem Leben, ob im Mittelalter oder in der Spaß-gesellschaft. Damit lässt sich noch ein bisserl tiefer ins Oberflächliche bohren.

Anders l(i)eben
Der spielende Mensch, so Peter Huizinga in seinem Büchlein vom Homo ludens. Vom Ur-sprung der Kultur im Spiel (1938ff), ist quasi der Gegenentwurf zu unserem normierten, nach Gewichtswaage, Terminkalender, Kontostand, Aktienindex, Vmax und Wetterbericht taxierten Gelebtwerdens in den Käfigen des Status quo und ehernen Gehäusen aus Funktion und Profit. Wenn wir erleben, wie wir zu Dogma (fertige Wahrheit) und Konsum (fertige Ware) erzogen werden, beides uns brav einzuverleiben, dann heißt Spielen schier rebellisch aus der Reihe zu tanzen. Jenes selber machen aus Kindertagen scheint auch unter Konformitäten verschüttet reanimierbar zu bleiben. Man muss nur die Lunte an den Körper legen und sein Dynamik reißt den sedierten Konsumenten vom Sofa. Kullert einem ein Ball vor die Füße, erwachen womöglich uralte motorische Automatismen. Unwillkürlich erinnert sich das körperliche Gedächtnis jener frühen Routinen, so etwa der Sozialwissenschaftler Pierre Bourdieu in seinen Meditationen (1997ff),  eines gefühlten Wissens bzw. eines Erfahrungskönnens, mit dem Ball zu jonglieren oder ein Instrument zum Klingen zu bringen.

Kaum jemand vermag sein intuitives Vermögen, seinen situativ so intelligenten, spontan agierenden Instinkt explizit in Worte zu fassen. Dennoch moderiert, sortiert und verwandelt sein implizites Repertoire ruckzuck 1001 Reize zu Idee und Handlung. Die Situation ist die Frage, die Bewegung die Ant-wort. Einmal an Kraft, Rhythmus, Koordination, Balance, Fühlung Blut geleckt, also im Tanzen quicklebendig, schmeckt der Grießbrei aus sedierenden Substituten nimmer. Was also, wenn nicht das Selbermachen, transzendiert die Instantdosen aus zig Kanälen, die uns voll-sprudeln, um uns das Eigene abzugewöhnen? Gottfried Benn hat in Vorträgen zu Problemen der Lyrik (1951/52) von Artistik gesprochen. Nein, wendet er gegen die traditionell Kulturbeflissenen ein. Er meine mit Artistik nicht Zirkus, Kirmes, Akrobatik, Clownerie oder Trallalla. Wohl bedeute ars lateinisch Kunst, griechisch jedoch Gelenk. Eben auf diese natürliche Gelenkigkeit spiele er an, sich zu artikulieren, gelenkig, also unzensiert und undressiert selbst-beweglich zu sein. Es gehe um ein Machen, poiein, worin der Mensch Poet seiner Augen-blicke sei: Artistik meine, dass der Mensch sich kraft seines geschöpflichen Vermögens der Lust in seinem Tun sich selber als Inhalt erlebt. Sein Tun als Sein? Sinnenfällig kann ich nur dann Autor meines Lebens sein, wenn ich – Vorsicht: Arthrose! – mein Ding mache. Lebe deine Passion, das heißt aber zuerst: (er)finde dein Talent. Probiere, experimentiere, improvisiere, was dich zweckfrei oder interesselos mit Wohlgefallen erfüllt, und – vergnügt

Fare bella figura
Fahren drei Ragazzi, Pubertierende, auf einer alten Vespa mit Vorderrad in der Luft am Caffè vorbei, so ist ihnen Bewunderung sicher. Frech zeigen sie ihr Können – born to perform – und betören, beschämen ihr Publikum bisweilen, wie provozierend lässig sie ihre Kunststücke auf dem Roller zelebrieren. Folgt dem Wheelie noch ein Stoppie – mit dem Heck in der Höh‘ nur auf dem Vorderrad bis in den Stand zu bremsen – bescheren uns die Monelli, diese Lauser, jene höfische Sprezzatura: eine Artistik, etwas Schweres ganz mühelos aufzuführen  so Baldassare Castiglione, Der Hofmann (1996ff, 33ff). Solche Rotzlöffel dünken uns Nichtkönnern zwar als Angeberle mit ihrem coolen Gehabe. Zugleich schenken sie uns aber ein Schauspiel, was das Geheimnis von Eleganz, Harmonie, Anmut und Grazie offenbart. Es ist, so der Anwalt solcher Mythen des Alltags (1978f), Roland Barthes in seinen Versuchen über den Sport, die Ikonographie, d.h. der Stil das Vermögen, der Schwere alltäglicher Notwendigkeiten die Erscheinungsweise größter Leichtigkeit zu stiften. Das kann ein Miles Davis an der Trompete sein, wie eben ein aktueller Film über den Jazzmusiker zeigt, oder Coco Chanel im kleinen Schwarzen auf dem Laufsteg einer Modenschau, gewiss auch ein Maradona am Ball mit offenen Schnürsenkeln seiner Puma King Schuhe aus Känguruhleder. Herman Usener, ein Kenner der Mythologie, spricht schon vor hundert Jahren bei den begnadeten Ausnahmekön-nern von Augenblicksgöttern. So mag man auch Pier Paolo Pasolinis jubilatorisches Bonmot verstehen: Fußball ist die letzte heilige Handlung.

Kommunion mit dem Ideal
So viel kann man hinein geheimnissen in den Sport, das Vergnügen des Spielens. In actu steht die Zeit still. Maintenant, französisch jetzt, was die Hand herzieht, erreicht, auf griechisch authentes, rebelliert das Ich körperlich gegen den Tod. Frei, radikal souverän, ein Viech aus Wille, Kraft und Form sein, das ist das Mana der Spitzensportler. Wir Amateure, d.h. Liebhaber, wollen ihre Kunst nachahmen. Nochmals Lessing: Alles Göttliche ist schön, leicht und schnell. Balthasar Gracian, Handorakel und Kunst der Weltklugheit (1653/1954ff, 30): „Geistesgegenwart haben. Sie entspringt aus einer glücklichen Schnelligkeit des Geistes. Für sie gibt es keine Gefahren noch Unfälle, kraft ihrer Lebendigkeit und Aufgewecktheit. Manche denken viel nach, um nachher alles zu verfehlen: Andere treffen alles, ohne es vorher überlegt zu haben. Es gibt … Genies – die erst in der Klemme am besten wirken: Sie sind eine Art Ungeheuer, denen aus dem Stegreif alles, mit Überlegung nichts gelingt. Was ihnen nicht gleich einfällt, finden sie nie: In ihrem Kopfe ist kein Appellationshof. Die Raschen also erlangen Beifall, weil sie den Beweis einer gewaltigen Fähigkeit, Feinheit im Denken und Klugheit im Tun, ablegen.“

Das kann man nicht downloaden, digital abspeichern auf dem Desktop. Man muss es sich erarbeiten. Genie ist Fleiß! Wem wären dabei die Trikots und Schuhe von Pelè oder Cruyff, Kleider von Chanel, eine Giacometti-Figur, ein Maria Callas-Autogramm oder ein Ölbaumzweig aus dem Garten Gethsemane wie ein Margaritenblümchen von Yusgar’s Woodstock-wiese nicht schiere Hostien zur Teilhabe am ewigen, augenblicklichen, unsterblichen Leben? Nein, wir wollen nicht ins Krankenhaus, wollen nicht sterben. Wir wollen b-leib-en, auf der Welt  b-leib-en, wie Franz Rosenzweig im Stern der Erlösung schreibt. Wie unsere Stars.

Me nutrit, me destruit? Was mich nährt, mich auch zerstört?
Augustin kannte ich damals als Jugendlicher noch nicht. Seit ich denken kann bin ich glücklich gewesen mit Vergnügen. Feel so good – Fußball, Moped, Gitarre. Das war Lust, das war Qual – Passion eben. Speed, Groove, Drive, Sound, Colors, Fashion. Ein pubertärer Rhythm-Blues ballte die Faust zu Flucht, Trost, Revolte. Alles war Erregung. Ein Dealer war der Plat-tenspieler. Vier LPs fuhren in mich rein wie das Rasiermesser in den Pudding. Taste, Wood-stock, Blind Faith und Cream. 1970 war das, das Wahnsinnsjahr der WM in Mexico. Mochte wider alle Sinnenlust mein verwandtschaftlicher „Pietkong“ wettern,  uns dem Antichrist aus frisierten Mopeds, Fußballschuhen mit langen Zungen und amerikanischem Krach verfallen sehen. Unser Widerstand hatte 33 Umdrehungen pro Minute. Der Dreck, den jede Lust braucht, knisterte unterm Diamant und dann knallte eine Gegenwelt den Pfropfen vom verstopften Leben. What’s going on? In dubio pro libido. Das Bluesschema war die profane Erleuchtung, Papas Bella Roller, frisiert, der Blitz, Fußballspielen der nachrollende Donner. Bloß nicht nach Noten leben, lieber improvisieren! Selber als blue note aus der Reihe tanzen. Wir waren, so Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen (2001). Motion and emotion. Und unsere Power suchte Formen, wie Christoph Menke, Kraft (2008) schreibt. Wo der Zaun das Leben bedrohte, sprengten Gitarre, Moped, Fußball ein Loch hinein.

Entsprechend schufen unsere Vorbilder eine Gegenwelt zu unseren Autoritäten. Es gab kein Youtube oder Handy, aber eine E-Gitarre mit Strom und einen Motor, der Bleisuper fraß. Outdoor vor Indoor. Wir lebten Pop mit langen Haaren, einer Band, zehn PS und Fußballschuhen, wo uns die Oma mit der Nähmaschine die Zungen ganz lang machen musste. Schule war auch. So nebenbei, manchmal aber arg belastend. Wir jobbten, wir konsumierten. Bis uns der Relilehrer ein paar Lichter aufsteckte: Marx, Nietzsche, Freud, Rosa Luxemburg, Lou Andreas-Salomé, Martin Luther King. Unsere Pop-Heroen verglühten jung: welcome to heaven, club twenty-seven. Wir hörten was von Kommerz und Profifußball, emanzipatorischer Sinnlichkeit, Club of Rome, blei- und dann autofrei. Für uns Kriegsdienstverweigerer ging’s nach dem Abi ins Studium.

Denke den Gedanken, den du nicht kennst – du darfst.
Theologie, Philosophie – das war auch rasend. Wir nippten am Wahren Guten Schönen, dass Kant aus diesen drei göttlichen Transzendentalien seine drei Kritiken der reinen und prak-tischen Vernunft sowie der ästhetischen Urteilskraft formulierte. Dass Wahres Gutes Schönes 1907 die Ideale des Deutschen Werkbundes und 1919 von bauhaus als auch der Walddorfpädagogik waren. Auch, dass olympische Spiele und Weltmeisterschaften die Idee vom Weltfrieden fördern sollten. Jedoch zwei Weltkriege und der Holocaust Gott samt Vernunft barbarisch entzauberten. Inzwischen waren aus unseren Passionen kommerzielle Anpasserzuckerle des Kapitalismus geworden. Wahres Gutes Schönes war dekonstruiert zur dominierenden instrumentell-kognitiven, der schwachen moralisch-praktischen und unsere Herzen klopfen machenden ästhetisch-expressiven Rationalität. Unsere Unschuld war dahin. Doch der Kinderglaube wollte sich mit zwei Phänomenen nicht abfinden: War alles nur noch entfremdeter Kommerz? Und ist der Himmel wirklich leer? Sind all unsere Vergnügen nur Waren eines Kapitalismus als Religion für transzendental Obdachlose? Waren unsere kleinen Rebellionen nur verspielte Varia des Konsums? Kann es sein, dass unser sogenannter Narrativ aus Bibel und Woodstock hedonistisch, affirmativ, naiv war? Alles, was unsere Tagträume ernährt hat, letztlich den Globus mit zerstört?    

Vom Mythos Topform zum Ideal des Kaputten
Gewiss, der Sport fehlt uns. Corona zwingt uns zum Entzug unserer liebsten Droge: Nähe.
Für uns und unsere Kids waren Trikots von Fußballidolen „ä heilig’s Stöffle“. Die Nummern drauf, die 5 vom Libero, die 9 für den Bomber oder Toreknipser, die 7 und 11 für die Flügeltrippler, die 2 und 3 für die Außenverteidiger, die 4 für den Vorstopper, 6 wie 8 für die fleißigen Halbstürmer, die 1 für den Torwart und die 10 für den Spielmacher waren Chiffren für Helden, Könner, Künstler, Magier und Solidare. Das commercium admirabile war für uns sprichwörtlich – wie die Menschwerdung Gottes – eine wundersame Verwandlung oder Vermählung. Ist das denn heute alles weg, eingeheimst, zum Narkotikum verrührt? Das Mirjam-ied, lernt man im Studium, feiert nach Exodus 15 die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Mirjam, die kleine Schwester von Mose und Aaron, tanzt unterwegs zum gelobten Land mit ihren Freundinnen, Posaunen und Trompeten das älteste Manifest des hebräischen Gottesglaubens. Gelobt sei Jahwe, denn Ross und Reiter warf er ins Meer. Nie mehr Tyrannei und Knechtschaft! Darf man sich Mirjam ein bisschen wie Janis Joplin vorstellen? Freedom’s just an other word for nothing left to loose? Oder wie eine Fankurve, die die Hymne im Fußballstadion singt, You’ll never walk alone?

Sport, nur Vergnügen oder Trost und Einspruch?
Da kann man mit Niklas Luhmanns Theorie Sozialer Systeme durchaus vom Sport als funktionales Äquivalent zur Religion sprechen. Als profane Spiritualität zweckfreier Begeisterung für das Leben, als Leibeserziehung im sozialen Sinne, als Ausgleich für stupide, entfremdende, die Menschen verdinglichende Prozesse im ehernen Gehäuse der modernen Industrie und Konsumgesellschaften sowie als kleine Fluchten, anarchische Oasen und zivilisierte, rebellische Gegenwelten zum alles zur Ware machenden Markt. Ähnlich wie Pop, Mode, Kunst, Film, Literatur und Dichtung oder Theater ist sein Potenzial aber immer auch Körperperformance. „Früher“ war zudem im Profisport der Sport auch eine body politic. Es ist schon ein wenig her, dass auf Weltevents wie der Olympiade 1968 in Mexico einige schwarze Athleten den Rassismus, die Diskriminierung der Schwarzen in den USA auf den Siegertreppchen mit geballter Faust der Black Power angeprangert haben. Mir unvergesslich ist Cassius Clay, der den Kriegsdienst zum Vietnamkrieg verweigert hat: „I ain’t got no quarrel with them Viet-cong“.

Inzwischen ist der Profisport analog der Religion angehalten, sich aus der Politik rauszuhalten. Was nicht daran hindert, dass sich die Tyrannen dieser Welt mit ihren Spitzenprofis schmücken. Zudem sind die Gelder, die in den Kultsportarten Fußball, Formel Eins, MotoGP, Boxen, Ski, Tennis und Tour der France bewegt werden, Auswüchse der Dekadenz, der Eventsucht und Starkulte. Insbesondere der König Fußball, der in den Medien dominiert und der Vielfalt an Sportarten keinerlei Raum gönnt. ist der Kult vom Mythos Topform. Rausholen aus dem Körper, was geht. Das Maximum ist das Minimum der Erwartung. Tunit hieß ein WM-Fußballschuh aus Hightech Materialien der Formel Eins. Der kommerzielle Sport, eine globale Phantasmagorie vom Schneller, Höher, Weiter ist die plärrende Liturgie zum Tunen, Dopen, Düngen, Klonen: We are the champions / no time for losers. Beginnt unter den Superlativen wirklich das Nichts?

Caro cardo salutis – das Fleisch ist der Haken des Heils
Gewiss, die Kids dürfen den Traum leben, mit einem Ronaldo-Leibchen sich ein bisschen als Ronaldo zu fühlen. Man muss nicht gleich mit der Keule der Entzauberung Erich Fromms Haben oder Sein rauskramen und den Kommerz verteufeln. So etwas, das der Schwung im Logo von Nike symbolisiert, dieser Swosch, ist das nicht ein globales Signum der Jugend, die mit dem Sport die Idee vom Weltfrieden befeuert? Pop und Sport, das sind die Apostel der United colors für friedliche offene Gesellschaften. Wenn sogar der berühmteste noch lebende Philosoph der Kritischen Theorie, Jürgen Habermas, hochbetagt in schwarzen Ultra-Free-Sneakers zum schwarzen Anzug am Sonntag vergnügt flaniert! Der katholische Theologe Bernhard Lang hat ein faszinierendes Buch über das Faszinosum Sport versus Religion geschrieben: Das Heilige Spiel. Sport, das ist der Fasching im Kleinen, wo das carne vale sich erholt von der Tortur fremdbestimmter Pseudos. Sport, das ist der analoge Leib, dieser wundersame, rätselhafte Berserker voller Wollust, lateinisch luxuria. Die sieben Todsünden machen ihm Spaß, auch wenn sie ihn mitunter umbringen. Aber an den sieben Tugenden, und seien sie noch so heil, geht der Körper auch zugrunde an Langeweile. Ob der liebe Gott, auf seine Geschöpfe neidisch, deswegen Mensch geworden ist, um uns Körperwesen ähnlich, das ganze Universum an Intensitäten zu erleben? Logos sarx egeneto, das Wort, besser der Weltgeist ward Fleisch – so steht es im Johannes Evangelium.

„Wir haben euch aufgespielt, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr wolltet nicht weinen. Johannes ist gekommen, aß nicht, trank nicht; so sagen sie: er ist besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Huren und Zöllner und Sünder. Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden aus ihren Werke.“ (Matth. 11, 15-19).

Und schließlich Karfreitag und Ostern: erst der Tod, dann die Auferstehung des Leibes. They never come back? Bei Gott schon. Maria Magdalena war die erste am Grab und hat ihren Liebling Jesus von Nazareth umarmt. Sein noli me tangere (berühre mich nicht) kam zu spät

See me, feel me, touch me, heal me
The Who lobpreisten das Leben mit diesem Song 1969 in Woodstock. Und Jimi Hendrix spielte am Schluss einen a-Moll Blues mit f-Moll-7 statt e-Moll-7 als Dominante: Villa nova junction. Der „Glubb“, der 1. FC Nürnberg, im Vorjahr noch Deutscher Meister, war abgestiegen. Unsere Gebete hatten nicht geholfen. Aber auch das ist Sport, Trauer, Wut, Tränen. Sport ist auch Foul, Verletzung, Niederlage, Invalidität, never coming back und Tod – wie jede Passionsgeschichte. Denn wer ist nur Champion? Nur in Topform? Sport, nur Vergnügen? Auf jeden Fall ist Sport ein zutiefst körperliches Vergnügen und ein geselliges Wohlgefallen. Mit anderen Worten: Sport ist zweckfreie, vergnügliche Nähe zu mir selbst und anderen, im Verein, wenn man so will. Roger Caillois unterscheidet in seiner Studie Die Spiele und die Menschen  Agon/Wettkampf   Alea/ Chance   Mimikry/Verkleidung. Verstellung   Ilinx/Rausch, wobei es dabei von Paidia/Erziehung zu Ludus/Vergnügen geht (1982, 47, 65, 81). Mit Corona sind wir in einem Theater Agon, einem kriegerischen Wettkampf. Wer killt wen?      

Wir sind gezwungen, mit dem kranken, versehrlichen, sterblichen Menschen Kontakt aufzunehmen. Das ist kein Vergnügen und es ist gefährlich. Wir sind gezwungen, uns vom Mythos Topform zu verabschieden. Haben wir die solidarische Kraft, zusammenzuhalten? Viele Jahre haben wir den tollen Menschen gefeiert und uns mit High Tech schier unverwundbar gefühlt. Die Moderne war immer auch eine Befreiung von der Herrschaft des Klerus, ein Aufbegehren gegen die theologia crucis: Glück statt Leiden. Nun erleben wir die Kehrseite der Spaß- oder Eventgesellschaft en gros, global. Die anthropologia gloriae hat die alten, kranken, erschöpften, behinderten, sterbenden Menschen für die Spektakel runter gedimmt, aus dem Alltagsleben. Dennoch: Was an Solidarität, Halt, Pflege, Trost, Begleitung bis ins Sterben geleistet wird ist unfassbar, wundersam.

Notgemeinschaft – Lachen und Weinen
Immanuel Kant fragt in seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft aber nicht nur nach dem Schönen, sondern auch: Was dürfen wir hoffen? Für den christlichen Glauben ist das klar. Friedrich Christoph Oetinger predigt 1780 laut seinem Murrhardter Predigtbuch:

“Geist ist nicht ohne bewegende Kraft. Geist ist nicht ohne leibliches Wesen. Leibliche Unzerstörlichkeit ist das Ende der Werke Gottes. Sie ist im Geist Gottes wesentlich, und in Christo körperlich, und geht leiblich und geistlich aus in alle Gläubigen, und durchdringt und ergänzet endlich die ganze Kreatur, welche wieder nach ihrem ersten Ursprung seufzet (Rö-mer 8, 19-22); welches Sehnen nicht umsonst sein kann, denn es ist die Ewigkeit, die das Wort in den Menschen gelegt (Prediger 3, 11), und in jedes, was Leben und Odem hat. Fleisch ist nichts Geringes in heiliger Schrift. Fleisch hat etwas Zerstörliches und etwas Unzerstörliches in sich. Das Zerstörliche fällt weg, das Unzerstörliche bleibt und wird erhöht. ”

Solche fromme Gewissheit ist eine Kraft. Für die religionskritische Aufklärung freilich ist der Himmel leer. Doch himmeln wir diese leibliche Unzerstörlichkeit nicht längst in Sport, Mode, Kino und Wellness an? Gratia non tollit, sed supponit et perficit naturam. Erwarten wir das nicht von der Technik, dass sie die Natur nicht zerstört, sondern unterstützt und vervollkomm-net?  Und erleben jetzt nah und fern unsere Ohnmacht und Zerstörlichkeit? „Lisbonne est abîmée / et l’on danse à Paris“ (Lissabon ist zertrümmert / und man tanzt in Paris). Mit Voltaires Ausruf 1756 berühren sich unsere Extreme, hier Weinen, dort Lachen.

Das Seufzen der Kreatur
Neigt sich der Psalmsonntag, kommt die Karwoche. In vielen Familien ist es schon oder wird es Karfreitag. Nicht überall wird es ein Osterlachen oder wie in einigen tirolerischen Klöstern ein Osterfußballspiel geben. Ohne Sport wird unter eingeschränkten Freiheitsrechten die Frischluft knapp. Häusliche Enge, Angst, Druck, überschießende Energien, das riecht nach Gewalt. Je älter ich werde, desto nostalgischer stimmen mich denn die Bilder des Glücks in all unseren unersättlichen Spielen. Noch heute sind die uralten Freundschaften des Spiels – frei von Standesdünkel, Klassenfeind oder Fremdenfeindlichkeit – auf Straße, Bolzplatz oder Vereinsrasen vertraut. Der Schweiß, die Tränen von Freude wie Leid haben uns zusammengeschweißt. Auch den körperlichen Verschleiß teilen wir nach 50 Jahren Fußball und bereuen nichts – mit Wasser in den Augen. Wie einer sich bewegt, das ist der Sinn seines Lebens, so der Psychologe Adler. Das kann so sein wie bei Michel Serres‘ Philosophie der Fünf Sinne: Der tägliche Spaziergang rettet das Leben. Oder eben der Tanz, dem sogar Augustin ein Ma-nifest gewidmet hat. Oh Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen. Doch wer will jetzt schon dort hin. Das wollen wir dem lieben Gott anheim stellen.

Ist Gott auch ein Spieler? Im biblischen Zeugnis heißt es von der Weisheit: „Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege. … da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allzeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“ (Sprüche 8, 22. 30ff).

Er habe auch mit Luzifer um Hiob gewettet. Doch schließlich aber sei die neue Welt, die messianisch geheilte Schöpfung versöhnt: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen, und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“ (Jesaja 118ff).

Die Apokalypse schließt mit der Vision, dass in der neuen Welt ohne Leid, Geschrei, Schuld, Scham und Tod die Völkergemeinschaft – bar aller Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen – in Frieden zusammen lebe und Gott in einer Hütte unter ihnen (Apk. 21). Zuvor komme das Jüngste Gericht und eine Art Trikottausch: Gott werde den Menschen ausziehen die besudelten Gewänder und den Gerechten überstreifen das weiße Linnen des ewigen Lebens (Apk. 3,5f).
Um dieses Evangeliums willen, so Paulus, „tue er alles, um an ihm teilzuhaben.“  Darum laufe er  „in der Kampfbahn“, nicht um einen vergänglichen, sondern einen „unvergänglichen“ Kranz zu empfangen. „Ich aber laufe nicht ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt .. „ (1. Kor. 9, 24f).

Ich aber laufe nicht ins Ungewisse? Eschatologie heißt die Lehre von den letzten Dingen. Bei Corona weiß niemand, wie’s ausgeht, das Endspiel zwischen Körper und Virus. Der Tod bleibt das grobe Foul, die Blutgrätsche von hinten. Manchmal rettet einen die Nachspielzeit vor dem finalen K.o..

What a wonderful world (Louis Armstrong)
… If not! Soll der Jazztrompeter Satchmo in einem Interview ergänzt haben. Solange man noch Luft kriegt, solange ist Hoffnung: spiro, spero. Doch was dürfen wir hoffen? Theodor W. Adorno leiht sich ein Gleichnis aus der Musik (Ästhetische Theorie, 1980, 55): „Das Verhältnis zum Neuen hat sein Modell an dem Kind, das auf dem Klavier nach einem noch nie gehörten, unberührten Akkord tastet. Aber es gibt den Akkord immer schon, die Möglichkeiten der Kombination sind beschränkt, eigentlich steckt alles schon in der Klaviatur. Das Neue ist die Sehnsucht nach dem Neuen, kaum es selbst, daran krankt alles Neue. Was als Utopie sich fühlt, bleibt ein Negatives gegen das Bestehende, und diesem hörig.“

Wie finden wir diesen Akkord unter Corona? Es klingt Mut machend, wenn Walter Benjamin meint, die Kraft zum Glück und zur Verzweiflung ist die gleiche. Es tut gut, wenn Ernst Bloch ermuntert, es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Auf jeden Fall bedarf es des Vermögens zur Nähe. Kein Geringerer als Michel Foucault setzt in seinen Heterotopien auf den utopischen Körper (2005, 56). Inmitten aller Bedrohungen lieben die Menschen einander dennoch gerne, weil in der Liebe der Körper da ist. Diese Liebe, die wir brauchen, schreckt vor so viel Kaputtem aber nicht zurück. Rilke nannte sie das Vermögen, dass sich zwei Einsamkeiten schützen, grenzen und grüßen. Immerhin: Solidarität kann man im Sport lernen – aber man kann sie nicht kaufen. Zerstörlich sind wir. Vielleicht hat Isabell Guanzani mit ihrer Philo-sophie der Zärtlichkeit als Macht der dezenten Geste (2019) Recht. Intimität als Geheimnis einer heilsamen Nähe zwischen unvollkommenen Menschen: Transzendenz entsteht seitwärts. Dorothee Sölle in einem politischen Gedicht:

„meine junge tochter fragt mich / griechisch lernen wozu / sympathein sage ich / eine menschliche fähigkeit, die tieren und maschinen abgeht / lerne konjugieren / noch ist griechisch nicht verboten“.  (Sympathie, 1978)

 

Dr. Jochen Wagner hat Theologie und Philosophie in Neuendettelsau, Erlangen und Tübingen studiert. Nach seinem Vikariat in Garmisch-Partenkirchen und einer Pfarrtätigkeit in Bay-reuth, danach als Assistent für Systematische Theologie und Philosophie an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau, kam er 1994 an die Evangelische Akademie Tutzing und ist seitdem für das Referat Theologie und Gesellschaft, Religion, Philosophie und Recht verantwortlich. Seine Promotion in Philosophie schrieb er zum Thema „Vom Mythos unversehrter Leiblichkeit. Der Leib des Menschen als Hintergrundmetapher im Werk von Walter Benjamin.“

 

Bild: Jochen Wagner (Foto: ma/eat archiv)

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