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Politikverdrossene Jugend oder wohl eher jugendverdrossene Politik?

In der Politik werden zu wenige Stimmen der Jugend laut. Das liege aber nicht daran, dass die Jugendlichen zu wenig Interesse zeigten, meint Zukunfts-Lab-Alumni Lena Seelig. Vielmehr sind es die etablierten politischen Institutionen und die Parteien, die die Partizipation der Jugend erschweren.

“Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!” – unter diesem Motto stand der globale Klimastreik am 20. September 2019. Plakate hatten die Aufschriften “You are never too small to make a difference!” oder “Politikwandel statt Klimawandel”. 40.000 Menschen gingen allein in München auf die Straße, 1,4 Millionen deutschlandweit. Mein Fazit gleich vorweg: Die Jugend, die diese riesige Klimabewegung ins Rollen gebracht hat, wird sich wohl nicht mehr so schnell sagen lassen, sie sei politikverdrossen oder setze sich nicht für die Gesellschaft ein.

Ganz im Gegenteil – Jugendliche fordern heute, dass ihre Stimmen gehört werden. Auf die Frage, warum sie heute auf der Demo sei, antwortete ein junges Mädchen: “Damit wir als Jugendliche endlich mal ernst genommen werden!” Ihre Antwort auf die Frage, ob Jugendliche denn genug miteinbezogen werden, ist ein klares “Nein!”. Für Prof. Klaus Hurrelmann, Jugendforscher und Professor an der Hertie School of Governance, steht die FridaysForFuture-Bewegung für eine “echte politische Elektrisierung”. Und so sehe ich das auch: Wir Jugendliche lassen uns also nicht mehr sagen, wir seien politikverdrossen.

Man könnte den Spieß aber auch umdrehen: Könnte es nicht auch die Politik sein, die jugendverdrossen ist? Nach einer Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks finden zwei Drittel der 10 bis 17-Jährigen, dass es die Bundesregierung zu wenig interessiere, was junge Menschen denken. Nur 15 Prozent sind davon überzeugt, dass sich Kommunalpolitikerinnen und -politiker um ihre Wünsche und Anliegen kümmern. Lediglich 11 Prozent sind der Meinung, sich am lokalen Wohnort ausreichend engagieren zu können. Thomas Krüger, der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, fordert: “Die Politik muss auf allen Ebenen alles daran setzen, das fehlende Vertrauen der Kinder und Jugendlichen herzustellen. Dieser Aufgabe müssen sich Parteien, Parlamente, Regierungen und Verwaltungen gleichermaßen stellen.” Die Jugend will, soll und muss also mehr einbezogen werden.

Altersstruktur im Bundestag

Partizipation der Jugend in der Politik – wirklich angestrengt hat sich die Politik meiner Meinung nach hier noch nicht. Das Durchschnittalter im Bundestag liegt aktuell bei 49,4 Jahren – zum Vergleich lag es 1990 bis 1994 bei 48,7 Jahren. Im Bundestag sind 1,9 Prozent der Sitze durch Politikerinnen und Politiker unter 30 Jahren besetzt, die unter 40-jährigen Abgeordneten haben 19,5 Prozent der Sitze.

Schauen wir uns die Parteien an, ist das Ganze noch ernüchternder. Das Durchschnittalter am 31. Dezember 2019 ist in der CDU 61 Jahre, in CSU wie SPD 60 Jahre, in der Linken 55 Jahre, in der FDP 51 Jahre und im Bündnis 90/Die Grünen 48 Jahre. “How dare you?!”, würde Greta Thunberg jetzt vielleicht sagen.

Der Politikwissenschaftsstudent Philipp Rubner ist der Meinung, die Parteien müssten sich neu organisieren und Strukturen jugendgerechter gestalten, um so das Engagement zu fördern. So sollte zum einen die interne Parteiorganisation überdacht werden. Auch sollte man langfristig weg von den Sitzungen als Präsenzveranstaltungen hin zu digitalen Sitzungen kommen, die Parteien für neue Ideen öffnen und Strukturen für junge Menschen schaffen.

“Parteien sind die Grundpfeiler der politischen Willensbildung und somit essentiell für Jugendliche”, so Rubner. Grundlegend ist es jedoch auch, dass die Jugend von heute ernst genommen wird, dass ihre Stimmen gehört werden und dass sie Teil dieser politischen Willensbildung werden.

Jugend-Demonstrationen während der Pandemie

Junge Leute haben gezeigt, dass sie mitreden und mitgestalten wollen. Durch die Corona-Pandemie sind globale Klimastreiks mit mehreren Tausend Menschen aktuell nicht möglich. Marianne Stolte, Organisatorin bei FridaysForFuture München berichtet, dass Streiks trotzdem weitergeführt werden, in kleinen Gruppen natürlich, um sich an die Corona-Regeln zu halten. Doch das gehe in den Medien völlig unter. “Die Medien sind klimamüde geworden und berichten kaum noch etwas über unsere Bewegung. Doch wir werden nicht klimamüde!” Die Jugendlichen geben nicht auf und kämpfen weiter. Wie Greta Thunberg einmal treffend formuliert hat: “We showed that we are united and that we, young people, are unstoppable.”

Lena Seelig

Die Autorin ist 18 Jahre alt, hat in diesen Sommer ihr Abitur bestanden und ist momentan Praktikantin im Jungen Forum der Evangelischen Akademie Tutzing. Sie war Mentee im ersten Jahrgang des Mentoringprogramms der Akademie „Zukunfts-Lab: Umweltpolitik, Ethik & Digitalität“ und ist im jetzigen Mentoring-Jahrgang mit im Mentee- und Alumni-Tagungsteam (mehr dazu hier).

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