Digitale Welten

Live dabei – Echtzeitjournalismus im Multimedia-Zeitalter

So lautete der Titel des „Tutzinger Medien-Dialogs“, der sich im Dezember 2013 der Frage zuwandte, ob eine kontinuierliche Beschleunigung der Berichterstattung durch das Internet und die digitalen Medien dem Medienbetrieb eher schadet oder nutzt. Leidet die Glaubwürdigkeit der Medien, wenn bei der Nachrichtenverbreitung kaum noch Zeit für die Recherche, für die Überprüfung der Quellen, für das Sammeln und Interpretieren von Hintergrundinformationen usw. bleibt?

Journalismus in Echtzeit per live-ticker, blog, twitter, facebook und Co. – verführt er also zur schnellen Nachricht ohne Tiefgang, Reflexion, Einordnung und Gewichtung der Fakten? Nimmt am Ende gar unsere freiheitliche Demokratie Schaden, wenn sie mit Informationshäppchen überfüttert wird?

Zeit spielt im Leben aller Menschen eine wesentliche Rolle. Auch der Qualitätsjournalismus braucht offenbar vor allem eines – Zeit! Der bekannte Zeitforscher Prof. Dr. Ulrich Mückenberger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik in Berlin (http://www.zeitpolitik.de), wandte sich in seinem Vortrag der „Aufmerksamkeitsökonomie im Medienwesen“ zu und verwies auf die Folgen einer „Reizüberflutung im Sekundentakt“. Nachfolgend ein kurzer Auszug.

(Die Dokumentation der gesamten Tagung können Sie nachlesen unter: http://sfy.co/dVwR) 

Politik und Medien unter Zeitdruck. Reizüberflutung im Sekundentakt 

Ein zeitbezogenes Beziehungsdreieck

Ich möchte mit meinem Vortrag das Verhältnis zwischen demokratischer Politik und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dieses Verhältnis spielt sich in der Zeit ab – und wir können auch zeitliche Bedingungen dafür formulieren, ob dieses Verhältnis gelingt oder nicht. Beide – demokratische Politik und Menschen – haben nämlich gewisse „Eigenzeiten“, von deren Einhaltung ihr jeweiliges Gelingen abhängt und bei denen nicht ohne weiteres sicher ist, dass sie miteinander vereinbar sind, gar einander fördern und optimieren.

Ich gehe davon aus, dass Medien „Mittel“ sind – Mittel auch zu dem Zweck, demokratischer Politik und Menschen mit ihren jeweiligen Eigenzeiten gerecht zu werden. Nun haben aber vertrackter Weise auch die Medien „Eigenzeiten“, von deren Einhaltung ihr Gelingen abhängt. Auch bei diesen ist alles andere als sicher, dass sie mit den Eigenzeiten demokratischer Politik und der Menschen vereinbar sind, gar diese fördern und optimieren; erschwerend kommt hinzu, dass Politik und Menschen u.U. unterschiedliche, vielleicht sogar unvereinbare Eigenzeiten haben, eine „Förderungs- und Optimierungsabsicht“ also gar nicht einfach zu verfolgen ist.

Beschleunigung – Symptom unserer Zeit? 

Dass wir in einem Zeitalter der Beschleunigung leben, ist unbestritten – der Streit entzündet sich nur an der Begründung und Bewertung dieses Phänomens. Beim alltäglichen Leben zeigt sich dies v.A. am Einfluss der Informationstechnologien auf Arbeits- und Privatleben und die „Entgrenzung“ zwischen ihnen. Der Wandel der Technologien ist also sicher ein Grund von Beschleunigung. Dazu kommen veränderte Lebensweisen und –stile, Haushaltsformen, Individualisierung im Zusammenspiel mit Infrastrukturen, die diesen gesellschaftlichen Wandel noch nicht begriffen haben bzw. mehr an Binnenlogiken als an Nutzeranliegen orientiert bleiben (Beispiel: Postzustellkarte, Bibliotheksschließung an Wochenenden etc.).  Und das weltweite Zusammenspiel von Kräften und Interessen hat – wie die Finanzmarktkrise ab 2008 schlagend bewiesen hat – gleichfalls einen Beschleunigungsschub ausgelöst.

In der vergangenen Legislaturperiode stand die parlamentarische Arbeit unter einem zunehmenden Beschleunigungsdruck: Die Finanzkrise und dahinter „die Märkte“ mit ihrer Eigendynamik erforderten kurzfristige politische Rettungspakete, ausgehandelt allein durch Exekutivvertreter in Brüsseler Nacht- und Nebelaktionen, „alternativlos“ in ihrer Hilflosigkeit gegenüber der „5.Gewalt“. Demokratie wird gerade in ihrer Zeitdimension heute zunehmend wenn nicht verunmöglicht, so doch behindert.

Zeiten der Medien 

Bei der Beschäftigung mit dem Spannungsfeld speziell von Zeit und Medien bin ich in der medienpädagogischen Literatur auf drei Aspekt aufmerksam geworden: a) der Verkontinuierlichung des Medienbetriebes; b) die Gleichzeitigkeit von Verunaufmerksamung und Aufmerksamkeitsökonomie im Medienwesen; und c) die Informations- oder Faktenorientierung der Medien.

1.  Allein im Verlauf der Zeitspanne meines Lebens habe ich den Übergang zunächst des Rundfunks, dann des Fernsehens zu vollkontinuierlichen Unternehmen verzeichnet. „Pausenloses Programm (aber) ist allererst die Erfindung des Radios und später des Fernsehens.“ (Lorenz S. 37) Es tritt einmal eine extensive Zeitverwendung in Kraft – Programm tendenziell rund um die Uhr. Zum anderen wird die Zeitverwendung intensiviert, indem z.B. Poptitel mithilfe einer Kreuzblende mit dem nächsten verschmolzen oder indem Anmoderationen als sog. Ramp-talks in den vocal eingefadet werden. Das Ergebnis ist eine permanente Klangfläche (Lorenz a.a.O.). Die Pausen werden „zum Sündenfall des kommerziellen und nichtkommerziellen Serviceprogramms“. Schon 1995 brandmarkte Günther Anders das „pausenlose Seh- und Hörpublikum“ (a.a.O., S. 139). Neu war mir, dass die Sender „Notfallsysteme“ vorhalten, die bei auftretender Stille automatisch starten (a.a.O., S. 35), also die unfreiwillige Pause vertreiben.

Die Pause ist nun allerdings notwendiger Bestandteil von Denk- und Reflexionszyklen. So wie Phasen von  Anspannung mit solchen von Entspannung einhergehen müssen, so stellt Pausenlosigkeit sozusagen Atemlosigkeit dar. Das hat erstmal mit Politik nichts zu tun – erstmal …

2. „Unaufmerksamkeit ist das Paradigma der Neuzeit“, schreibt Thorsten Lorenz (2012) mit Blick auf die Massenmedien. Der permanenten Reizüberflutung kann mit Aufmerksamkeit gar nicht gefolgt werden. Das hat Walter Benjamin in seinem bahnbrechenden „Reproduzierbarkeits“-Artikel bereits für das Medium Film diagnostiziert: „Der Film drängt den Kultwert nicht nur dadurch zurück, dass er das Publikum in eine begutachtende Rolle bringt, sondern auch dadurch, dass die begutachtende Haltung im Kino Aufmerksamkeit nicht einschließt. Das Publikum ist ein Examinator, doch ein zerstreuter“ (Illuminationen 1977, S. 167). Beschallung, Hintergrundtönung, „Muzak“ zielt auch gar keine Aufmerksamkeit an, vielmehr umgekehrt gerade den Kurzschluss von unerkannter genau getönter Geräuscheinwirkung (=Unaufmerksamkeit) und Kaufanreiz (im Kaufhaus), Sicherheitsgefühl (im Flugzeug) usw.

Das hat bereits viel mit Politik zu tun. Ohne Aufmerksamkeit ist deliberative Politik nicht vorstellbar. Systematische Verunaufmerksamung ist dem nicht nur entgegengerichtet – sie schwappt vermutlich auch in solche Bereiche, die eigentlich mit Aufmerksamkeit verfolgt werden wollen.

Unter den Bedingungen der Konkurrenz von Medien – privater untereinander, privater und öffentlich-rechtlicher, öffentlich-rechtlicher untereinander – entsteht das, was unter „Aufmerksamkeitsökonomie“ (Georg Franck) diskutiert wird: der Kampf um Marktanteile auf „Aufmerksamkeit“ durch Effekte, Schnelligkeit, Schocks etc. Genauer ist es ein Kampf um Unaufmerksamkeit, um die „Aufmerksamkeit nicht einschließende“ Begutachtung durch den potentiellen Kunden – sozusagen das unbewusste Wahlverhalten.

3. Scheinbar im Gegensatz zu dieser Verunaufmerksamung stehen die Medienbestandteile, die „Information“ und „Fakten“ gewidmet sind. Gewiss ist in unserer Medienlandschaft das Informations- und Faktenquantum, dessen Präsentation in Echtzeit, so groß wie nie zuvor. Aber:

  • Dass Information und Bildung/Aufklärung/Erkenntnisfähigkeit nicht identisch sind, werde ich gleich noch betonen.
  • Weiter sind Informationsblöcke oftmals so beschaffen, dass sie in ihrer Dichte und ihrem Kurz-kurz-Muster nicht nachvollziehbar sind – in zwei Dimensionen. a. Ich möchte einmal wissen, wie viel % der Informationen der „Tagesschau“ verstanden und verarbeitet werden (die Politik folgt dem Kurz-kurz-Muster, während gegen Ende die feuilletonistischen Kultur- oder Lebensstil-Spots alle Zeit der Welt zu haben scheinen!). b. Außerdem vermute ich, dass der Echtzeitjournalismus in diesem Kurz-kurz-Zeitmuster globaler Wort- und Bildpräsenz Informationen übermittelt, die emotional überhaupt nicht verarbeitet werden können – daher eher psychisch trivialisiert und abgedrängt werden. Er fördert dabei neben Eindrücken gleichfalls – und sicher ungewollt – Formen der Verunaufmerksamung.
  • Vergessen wir nicht: Die Informationsblöcke stehen in einem Umfeld der permanenten Reizüberflutung und Verunaufmerksamung. Man kann kaum erwarten, dass Rezeptionsmodi den Sendungsmodi – Informationsintensität vs. Informationsleere – folgen, dass vielmehr spill-overs stattfinden – sprich: dass Unaufmerksamkeit bzw. Zerstreuung in Blöcke der Informationsaufnahme überschwappen und damit sowohl den Informationsgehalt der Blöcke als auch den Emotionsgehalt des Echtzeitjournalismus schlicht abstumpfen lassen.

Eine ambivalente Sonderrolle zwischen Informationsleere und –intensität spielen die zahl- und profillosen Talkshows des Fernsehens. Dass sie heute eher nach Moderator/innen als nach Themen oder Schnittstellen benannt sind, liefert gewisse Erstindizien für Informationsleere. Andererseits gibt es immer wieder Konstellationen, wo Diskussionsteilnehmer und Debattengegenstände, die eigentlich ins Parlament gehören, hier plötzlich in der Talkshow landen. Oft sind es Exekutivvertreter oder Partei- oder Fraktionsfunktionäre, von den Medien ausgesucht, die sich in brisanten tagesaktuellen politischen Themen zu positionieren vermögen. Vermutlich trägt dies zu dem Bedeutungsverlust der Parlamente bei.

Zeiten der Menschen

Zu beobachten ist als Ausgangspunkt ein Gegenüber von Technozeit und Bewusstseinszeit (Zahn 2012). Die sog. „Kurz-kurz-Muster“ der Technozeit scheinen Ursache „erlebnisreicher und erlebnisarmer Gesellschaft“ (Rosa 2005) in der Bewusstseinszeit. Von besonderer Beutung ist dabei der Zusammenhang von „Information“ und „Bildung“ i.S.v Distanzfähigkeit und Zeit für reflexive Distanz (Niesyto 2012): „Zu Bildungsprozessen gehör(t) unverzichtbar die reflexive lebensweltliche Integration dieser Informationen in die Selbst- und Welthaltung der Subjekte“ (a.a.O.). Das erfordert neben geeigneten Anregungsmilieus schlichtweg Zeit: „Zeit für Kommunikation, für Reflexion, für Distanzerfahrungen, auch Zeit für den Aufbau und die Entwicklung von Beziehungen, um Aufgaben der Bildung und Erziehung aufnehmen zu könnebn.“ (a.a.O.). „Ästhetische Reflexivität, Distanzierungs- und Kritikfähigkeit sind essentiell an Zeit gebunden.“ „Gerade assoziativ-intuitive Suchbewegungen benötigen Gelegenheitsorte und Zeiträume, die sich reglementierten Vorgaben und Zeitdiktaten diverser Art entziehen.“ (a.a.O.).

Dabei sind folgende Besonderheiten des Medienzeitalters zu berücksichtigen. Die Ereignisse kommen zu uns, nicht wir zu ihnen. Sie verlieren dabei an Körper- und Gegenständlichkeit: „Immateriell-mediale nehmen gegenüber körperlich-gegenständlichen Aneignungsformen zu“ (Niesyto 2012). „Die Orts- und Zeitlosigkeit von Medien befördern beim Zuschauer Omnipräsenzgefühle und eine ‚Jetzt-Leidenschaft’“ (a.a.O.). Durch „sekundenschnelle Information“ scheint die Herrschaft von Zeit und Raum gestürzt zu sein. Der Prozess beschleunigt sich unter Bedingungen von Privatisierung und Kommerzialisierung der Medien. Die Information wird zur Ware. Es entsteht eine neue „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, bei der ein neuartiger „Tausch“ von Information gegen Aufmerksamkeit stattfindet.

Die Prozesse der Beschleunigung tendieren zu einer Negation der Zeit, die für kritische Distanzierung erforderlich ist. Die kommerziellen Medien führen zu einer Umwertung der Werte: „Nicht das kritisch-reflexive, sondern das situative, sich ständig flexibel anpassende Subjekt (wird) benötigt.“ (a.a.O.).

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