Himmel & Erde

Advent

Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird;
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
(Rainer Maria Rilke)

… wenn doch der Wind wenigstens Schneeflocken herbei treiben würde. Dass die ‚weiße Herde’ unsere hellschwarz wunde Welt heilsam zudeckte. Wär das nicht das Mindeste? Denn wie sonst soll es Advent, soll es ‚stade Zeit’ werden, wenn nicht durch den Schnee, seinen Zauber, das dustre Draußen in ein helles Kleid schierer Unschuld zu hüllen? Wie wird es Advent, ja, geht das überhaupt, schon wieder, heuer, 2014?

Ich möchte’, dass es wie früher sei! Geheimnisvoll, heimelig, auf Weihnachten zu die Vorfreude nährend, spannend, der ‚Ampfend’, adventura, Ankunft und Abenteuer – und deswegen hol’ ich grad wieder meinen alten Adventskalender raus, kaum dass er mehr Silbersand hat, so abgerieselt ist aller Glamour vom unersättlichen Spiel mit ihm: was wohl hinter den Zahlen zum Vorschein kommt, was wohl die 24 Türchen eröffnen? Wir lugten durch die perforierten Ritzen, leuchteten von hinten mit Kerzen, wie kleine Propheten das kommende Zeug zu entziffern. Und das Christkind sollte, was an Bildern im Adventskalender unser Begehren flankierte, dann am Heiligen Abend unsere Wünsche durch reichlich Geschenke erfüllen.

Wie es heuer Advent wird? Ob wir mit Rilkes wunderbarem, feinem, schlichtem wie schönem Gedicht Witterung aufnehmen können? Seine Poesie souffliert der Natur das unmerkliche Nahen des Göttlichen: der Wind treibt die Flockenherde wie ein Hirt, zu sammeln alles Zerstreute; die Tanne ahnt um fromm und lichterheilig Werden; sie lauscht hinaus gleichviel wie ihre Zweige sich weißen Wegen entgegen strecken – s o bereit, wehrt sie, die Natur dem Wind, und mehr noch, wächst sie dem Christfest entgegen.

Vielleicht bahnt sich in diesen vom Dichter der Natur eingeflüsterten Tunwörtern die wundersame Verwandlung, lat. commercium admirabile, der wirren, pulsierenden und andachtslosen Jetztzeit in die ‚Nacht der Herrlichkeit’ an. Unser Zeug zusammen treiben wie Hirten? Ahnen um’s fromm, lichterheilig werden? Hinaus lauschen? Weißen Wegen die Hände hinstrecken? Weil bereit, dem Wind wehren und dem Kommenden entgegen wachsen? Macht der Advent, so wie Rilke die Natur menschlich, uns Menschen natürlich?
Ob’s, wie’s Advent wird, wirklich, auch heuer, nostalgisch, ratlos, rastlos, weil entzaubert die Kindheit? „Dess – sagt mir eine Freundin, fast wie Rilkes Natur – kommt scho’, ka Sorg’!“

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