Himmel & Erde

Warum wir Weihnachten brauchen? – Eine kleine Phänomenologie

Vorfreude

Schon wieder Advent. Doch seit Kindertagen ist die ‘stade Zeit’ eine spannende: was kommt? Adventura, Ankunft und Abenteuer. Nostalgisch krame ich den uralten Adventskalender raus, so einen mit Silberstaub drauf, der leise rieselt wie Schnee, auch wenn die Jahre das Glitzerpulver rar machten. Mit unseren zwei Buben spiele ich die alten Spiele: durch die Ritzen der 24 Türchen spähen oder den Adventskalender gegen das barmherzige Kerzenlicht halten, bis das Künftige durchscheint. Im Adventskalender bricht eine andere Zeitrechnung an. Seine Witterung für’s Kommende ist voll ‘theologischer Mucken und metaphysischen Spitzfindigkeiten’. Verspielt seine Allegorie auf den Konsum: was zählt, die Zahl auf oder das Ding hinterm Türchen, der Tauschwert vom Preis oder der Gebrauchswert des Trums? Haben oder Sein? Können wir Geld noch transzendieren, ‚überschreiten’? Durch die Türchen zu ‚den Sachen selbst’ treten? Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!

Beute machen

Erst muss ein Tannenbaum her. Es treibt uns in Winkel, wo sonst keine Geschäfte gemacht werden. Am Hintern einer Kirche, vor’m Wertstoffhof oder beim Bauern im Wald. Mit Säge und Zollstab rücken wir aus, unsern Christbaum selbst zu fällen. Schön im Wuchs, danach streifen wir durch den Wald, an angesägten Exemplaren vorbei, die der geifernden Blick Anderer auf noch gradere, für Kerzen noch ausladendere Bäume links liegen ließ. Hat die Jagd Erfolg, ziehen wir die Beute durch den Metalltrichter und schleppen den Gefangenen im Netz schier trunken ins Auto. Ja, alles Heiliges zeigt zuerst eine Schleifspur der Gewalt. Nun harrt der heilige Christbaum nach der Triumphfahrt im Wassereimer seines lichternen Comebacks.

Wünschen

Nun der Brief ans Christkind. Kindisch, ja. Aus Sicht entzauberter Erwachsener, die keine Äquivalent für die magische Phantasie kennen. Traumkitsch, eine Ordnung des Imaginären. Doch grad mit seinem Brief ans Christkind schützt das Menschenkind sein innigstes Begehr.  Nirgends gibt es mehr Intimität und Geheimnis. Du, liebes Christkind, sei Mandatar, mein Anzum für die Erfüllung meiner Herzenswünsche. Niemand, kein Abhördienst, weiß um mein Arkanum. Den Brief schreiben, ein sürreales Manifest wider alles Formatierte. Denke den Gedanken, den du nicht kennst? Wünsche den Wunsch, den du nicht kennst, du darfst!

Schenken

Etwas stressiger: Geschenke besorgen. Weil wir von allem zuviel, von manchem aber zu wenig haben. Le don, die Gabe, ein Mythos, Verausgabung ohne Kalkül. Gute Gaben mögen  ein Gegengewicht zu schlechten Gaben, den üblen, bösen über’s Jahr sein. Schenken hat sein Glück im Glück des Beschenkten. Herrlich, wenn so eine Geste diesseits des Verdienens eine Überraschung bereitet. Ein Kosmos an Dingen ruft zum Kauf. Doch mal was selber machen? Die Kinder zitieren dabei spielerisch jene alte Artistik herauf – hierzulande, wo es tief, weh zugehen muss, soll es echt sein, als zirkushaft, clownesk, oberflächlich verdächtigt –, ein Tun, worin der Mensch sich kraft seiner geschöpflichen Lust selber als Inhalt erlebt. Mit einem eigenhändig, griech. authentes, gebastelten Strohstern, einer gegossenen Kerze, Gebackenem, bist du im Nu Poet des Augenblicks. Schenken, ein weihnachtlicher Potlatch für Andere.

Supermarkt

Zuvor die letzten Einkäufe im Gewimmel. Ein Geschiebe, als gäb’s morgen nix mehr. Gans und Schnaps, fassen wir’s so zusammen, die barocke Fülle an Verzehrbarem. Wir wollen immer abnehmen, doch es wird wohl wieder heftig. Ein Muss: Lebkuchen, die der Legende nach früher glasiert wurden, damit man die vom Boden der Backstube zusammen gekehrten Teigreste net sieht. Und Napolitains, die 4-farbigen Schokotäfelchen im Goldfaden, als sollte das Packerl die ganze Lehre vom Menschen versinnbildlichen: bunt, geschichtet, zugeschnürt, außen hart, innen köstlich weich, und von einem dünnen Lebensfaden zusammen gewebt. Dazu Christstollen und Plätzchen, klar, längst gebacken für Brauch und Bauch.

Baum schmücken

Dann ist es soweit. Im 24ten Türchen grüßt morgens die heilige Familie. Naherwartung! Eine spannungsgeladene Konstellation, wie die Sterne am Himmel stehen. Die Schere hilft dem grünen Häftling aus seinem Netz. Freiheit, das hebräische Urcredo im Mirjamlied nach der Knechtschaft in Ägypten. Grad so schmücken wir jetzt den Baum, ein befreiender Habitus. Statt viel Lametta zu roten Kugeln und hellen Strohsternen nebst roten Wachskerzen sind es heute lamettafrei Sterne, Äpfel, Nüsse, Figürchen, Engel und Putten (die jene Sinnlichkeit als signum verkörpern, die die Predigt, das verbum, gewöhnlich als Sünde markiert). Oben drauf der größte Stern. Das Ornament noch mit drei Schnüren im Winkel gesichert, so kann es nix anzünden. Drauf ‚nen Grappa für’n Papa. Jetzt steht der wichtigste Liturg im Zimmer.

Im Kiosk

Ist drinnen alles parat, muß ich noch mal raus. Zwei Spleens helfen mir durch Ungeduld und Langeweile: ein Dauerlauf nachmittags und vor der Christvesper ein Schlenderer in den Kiosk am Bahnhof. Im Rennen sammelt mich der Körper aus aller Zerstreuung. Draußen sein, wie die Hirten im Evangelium, Stille, ein paar Viecher vielleicht. Welt ohne Firlefanz, friedlich, am schönsten im Schnee. Im Kiosk zerstreut mich alles Druckfrische, in edicola auf Italienisch. Edicola heißt aber auch Kirchlein. So wird der Kiosk den Wartenden zur akuten Herberge. In Arkadien kleben sie oft aneinander, Kirche und Kiosk. Wie die Kirche Gottes Ewigkeit verkündet, so der Kiosk die Chronik des Augenblicks in der ganzen Welt, griech. katholizä. 1001 Gazetten tauschen die Metaphysik in kleine Münze für Sinne und Passionen. Für’s kommende Heil decke ich mich mit Zeitschriften ein: Heiliges profan, Profanes heilig lesen.

In der Kirche

Körperlich befriedet, geistig stimuliert, geht es nun zu Fuß zur Kirche, im Dunkeln. Denn die Nacht rettet alles, das Unbewusste, den Traum, die Triebe, die Liebenden. Wir drängeln zu freien Plätzen als wär’s eine Reise nach Jerusalem, staunen den riesigen Christbaum an, blättern im Liedblatt, die Kinder fiebern dem Krippenspiel entgegen, und singen. All die Ohrwürmer, voll Rührung, und Zorn, wenn ein Pfarrer ‚Stille Nacht, heilige Nacht’, das Herz transzendentaler Akustik aus der Armut um Salzburg rum, als nichtkanonisch weglässt. Auch heuer will ich an drei Stellen der Christvesper aufmerksam sein:

Die alte Prophezei

Was wird von den alten Propheten dran kommen? Meist hören wir Jesaja 9, dass ‚das Volk, das im Finstern wandelt, ein helles Licht sieht’ und ‚uns ein Kind geboren ist …, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst’. Oft sparen aber die fett oder kursiv gedruckten Verse 1 und 5f die Verse 2-4 aus. Darin werden ‚Joch und Stecken der Treiber zerbrochen’ und alles Kriegsgedröhn abgeschafft. Denn der Messias bringt Trost und Einspruch. Wird die Lesung homiletisch entschärft, damit keine Irritationen für großzügige Spenden aufkommen? Dann:

Das habt zum Zeichen

„Und ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen“. Lukas 2
macht kein Federlesen. Das göttliche Zeichen, griech. semeion, ist eben nicht Schrift, Zahl, Byte oder Pixel. Nix symbolisches, sondern ein Kind, ein fleischerner Balg. Sinnlich ist das Absolute. Caro cardo salutis. Das Fleisch ist der Haken des Heils. Ein Skandalon seit der Antike. An Entfleischungen wimmelt es seither. Gott, nix Geistiges, nix Geistliches, Nein! Das habt zum Zeichen, ein lebendiges Materiale: das Kind in Stoff und Holz.

Das mag ein Wechsel sein

Wieder singen wir ‚Lobt Gott ihr Christen alle gleich’. Und ahnen kaum seine Christologie. ‚Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein’. Der ganze Hegel in einem Satz. Wechsel, lat. commercium admirabile, wundersame Verwandlung bzw. Vermählung.

D a s ist Change, Cambio, Umtausch der Hierarchien. Christus verwandelt das Überirdische ins Irdische, vermählt den versehrten Leib mit dem unversehrten Leib. Ha, der weihnachtliche Kommerz von Augustin über Marx bürstet unsere Geiseln aus Dogma (du sollst nicht begehren) und Konsum (du sollst alles begehren) gegen den Strich. Gott wird Mensch, ein Spreng–Satz: oben zu unten, fern zu nah. Im Kleinsten das Größte, im Schäbigen das Herrliche, im Dunklen das Helle, im Kalten das Warme, im Schuldigen das Unschuldige, im Brutalen das Zärtliche, im Alten das Neue, im Kaputten das Heile.

Bescherung

Endlich daheim. „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her, ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich soviel“. Wieviel? Die Kinder nagen am Lichtstreif unter der Wohnzimmertür, linsen durch’s Schlüsselloch. Herzklopfend treten sie ein, still wie nie. Die Geschenke? Ah, unterm Baum. Kerzenschein, Luft, Vorhänge zittern, der Weihnachtsengel huscht vorbei. „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.“ Weihnachten beginnt mit einer Inventur. Wir haben die Geschichte vor der Bescherung auswendig hergesagt, blieben natürlich oft stecken, beim ‚Qurinius‘, dem Landpfleger, oder schwierigen Worten wie ‚schwanger‘, Nazareth. Vor lauter Schielen auf die Gaben dauerte es, bis wir über Hirten, Herden und Hürden endlich bei der ‚Ehre Gottes, dem Friede auf Erden und dem Wohlgefallen für die Menschen‘ waren. Nochmals ‚Stille Nacht’ (auch alla Tote Hosen oder Tom Waits). Dann stürzen unsere Christkinder zum Baum und reißen wie Kannibalen die liebevoll drapierten Packerl auf. Apokalypse heißt Enthüllung. Heißa, jetzt ist’s Weihnachtstag. Von gutem Essen und manch gutem Tropfen gestützt wird die Nacht lang. Im Fernseher schauen wir, wie es in der Welt weihnachtet. Mal Stillstand in den Barbareien? Jesaja ist aktuell. Doch erwarten wir in unseren Routinen noch ‚ganz Anderes‘? Glauben wir Moderne an das einer wunden Welt verheißene Heil? „Imagine there is no heaven“ singt John Lennon. „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein!“ sing Wolf Biermann für’s Kind Marie. Wir suchen Entspannung, die Gnade von Stille, Wärme, Glanz.

Irdisches Vergnügen

Erst die heilige Gschicht’ und dann mit den Kindern am Boden spielen. Der homo ludens verfügt den Ausnahmezustand: kraft flacher Hierarchien des Wettstreits (kommt doch Competition vom lat. cumpetere, gemeinsam etwas bestreben) kooperieren und konkurrieren jung und alt mit Lego, Karten, Schach und Musikinstrumenten, und, zugegeben: Handy und Nintendo gleichviel. Wie wir früher Winnetou, Tom Sawyer, Schatzinsel, Lederstrumpf und Robinson, frönen auch unsere Kids andächtig ihrer Schmonzetten. Dass ja Gut gegen Böse obsiege! Auch eine Mär’, der Gerechtigkeit, wie sie bei Karl Marx, Karl May, Karl Barth steht. ‚Vergiß das Beste nicht: Erlösung!’ Spät zu Bett, fügen unsere Zwei schon um 5e die 1001 Teile ihrer Bausätze mit einer schwachen messianischen Kraft zu einem heilen Ganzen zusammen.

Interim

Christus oder Messias, Religion oder Politik? Im Studium zu Tübingen stritten wir in der Alten Burse mit den Bengelhäuslern. Schon Hölderlin erholte sich vom ‚Pietkong’ oben im Stift im Wirtshaus Boulanger 15 Höhenmeter drunter. Gemeinschaft ist Terror, Familienfeier alla Schleiermacher hin oder her. Geselligkeit der freien Freunde war ihm die Nähe Gottes. So halte ich’s auch: am 2. Weihnachtstag spielen wir im Fußballverein Alt:Jung und stoßen herzhaft drauf an. Und den Silvester feiern wir im Christbaumlicht, gaffen verzaubert in den Him-mel, was die Nachbarn alles nach oben schießen. Möge so der Korken auch vom verstopften Leben knallen, es mit Schwung weit hinaus wie beim Neujahrsspringen in Garmisch gehen.

HeiligDreiKönig

Ob sie einen Hornschlitten hatten, wie das Rennen an der Partenkirchner Partnachklamm? Denn nun bieten die Sternsinger Kaspar, Melchior und Balthasar aus dem Morgenland feil. Durch sie wird Gottes Erwählung ethnisch bunt. Mit Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen sie dem Christkind das Schenken bei. Und: die Mode. Chic kontra Schicksal. Um den wunden Leib das heile Kleid. Prachtvoll gekleidet, weben sie Weltenmantel und Himmelszelt zusammen. Mit HeiligDreiKönig wird Gottes Gnade mannigfaltig, mit vielen Plis, franz. Falte, implizit, explizit, kompliziert. Denn wo ein neuer Machthaber geboren wird, droht Gefahr.

Herodianisches Denken

Wo ist der neue König der Juden? Die drei Morgenländer verraten es Herodes nicht. Auch die Theologen wissen es net, bis heute. So mordet Herodes vorsorglich alle Neugeborenen. Solch herodianisches Treiben dauert an. Kein Rausch ohne Kater. Auch der Baum nadelt, bis ihn Mitte Januar die Kehrrichtbauern, wie wir die Müllmänner früher hießen, auf den Schuttberg schmeißen. Derweil sammelt die heilige Familie Migrations-, ja Flüchtlingshintergrund. Denn wie den drei Weisen rät der liebe Gott auch Josef und Maria im Traum, nach Ägypten zu fliehen. Herodesse sind unbedingt zu meiden, bis sie der Wurmfraß holt!

Gegenwelt

Wir feiern Augenblicksgötter, starren Stars an und huldigen Idolen. Aber mehr, als nie gelebtes Leben anbetteln, ein bissle Grandiosität borgen, springt nicht raus. Anders Gottes Advent: aus der klerikalen Vertikale rein in die Horizonte des Alltags. Im Christkind bindet er seine Allmacht in Leibes Grenzen. Ob des Christentums Zögling, der Hightechkapitalismus seine Potenz auch begrenzen lernt? Das Christfest, Ankunft eines Abenteuers: sich extrem entäußern, aus Liebe zum Andern überlaufen. Ein Weg vom Wahnwitz des Eigendünkels zum Gesetz des Herzens. Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo, divinum est, zitiert Hölderlin Ignatius von Loyola. ‚Was nichts Größeres über sich hat und noch das Kleinste in sich birgt, heilig ist’s’.

Immer radikal, niemals konsequent?

Alle Jahre wieder, komm du Christuskind? Nach’m Fasching wird die Passion das Christkind einholen. Zeigt sich was hienieden, von Frieden, Gerechtigkeit, der bunten Gnade des leutseligen Gottes? Was könnte uns wundersam verwandeln, dass der commercium admirabile aus der Weihnacht ausbricht ins Leben? Kinder statt Gewehre in die Hand nehmen? Die draußen im Abseits checkens zuerst. Den Stern oben sehen, aber unten suchen. Was immer wir anhimmeln, macht es uns auch menschlich? Christus muss ins Fleisch. Unser Kleiner hat letztes Jahr den großen Stern von der Baumspitze derb verwandelt, zu Futter. ‚Ochs und Esel  brauchen auch was zum Fressen, Papa!’. Ein Anfang, wenn aus Metaphysik täglich Brot wird.

Summa

Was wir brauchen steckt in Weihnachten, schließt man Bibel und Kiosk kurz: heilige Geschichte und irdisches Vergnügen. Pastor Heinrich Albertz, einst Bürgermeister von Berlin, fasst es für Bürger- und Christengemeinde unnachahmlich zusammen. In seiner Nacherzählung schwingen Glück und Erlösung, Profanes und Heiliges unveräußerlich ineinander, wie ein Vexierbild oder eine Kippfigur. Wenn jemand so spricht, wird es heller:

„ … Man kann die Geschichte  nur nacherzählen  –  oder man kann über die eine oder andere Gestalt, über diese oder jene Szene nachdenken und sie in die Welt stellen, in der wir leben! Wer noch von Augustus und Quirinius redet? Was sie wohl in dieser Nacht geträumt haben mögen? Von den Eltern kann man reden, von den Hirten, von den Tieren. Von den Engeln schon gar nicht mehr. Nur von dem, was sie sangen. Ja, und von dem Kinde. Von dem Kinde immerzu. Dass Gott ein Kind wurde und ein Kind Gottes Sohn. Und was dies wohl mit unsern Kindern und Enkeln zu tun haben könnte, die wir nun mit immer schrecklicheren Waffen dem Untergang weihen. Und was und wer aus dem Kind wur-de, welcher Mensch, welcher einmalige Mensch, und wie er starb. Und wer ihn umbrachte – und wa-rum. Man hat also ein Leben lang zu tun, um über die Geschichte nachzudenken. … . Sentimentalitäten? Nun, warum nicht?  Dabei ist es ja eine unglaubliche, eine strenge Geschichte. Nicht der Kaiser, sondern dies Kind. Kein königlicher Palast, sondern der Stall. Nicht die Würden-träger des Landes, sondern die Hirten. Nicht die Macht der Menschen, sondern Gottes Macht. Nicht Gewalt, sondern Friede. Nichts Riesiges, sondern ein Winzling – mein Herr und mein Gott. Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Alle Maße werden verändert, radikal verändert. Du brauchst nur zu rühren an diese Geschichte, und du berührst den starken Strom der Freiheit der Kinder Gottes. Nichts von Idylle. Genaugenommen: Revolution. Und das mit diesen Bildern. Maria mit dem Kinde, die erschrockenen Männer auf dem Felde, das Blöken der Schafe – und ein ferner Kaiser, der schläft und nicht weiß, dass dieses Kind sein Kaiserreich zerbrechen wird. Und Licht, viel Licht, unbeschreibliches Licht.“

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,

Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,

und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle

Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,

und das alte Lied von Gott und Christ

Bebt durch Seelen und verkündet leise,

daß die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz

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