Himmel & Erde

Frohe Ostern!

„Frohe Ostern!“ Frohe Ostern? Frohe Ostern! Ja, so wurde um uns herum gegrüßt, so haben wir’s uns gewünscht, auch heuer wieder. Auch haben die Kinder im Garten Ostereier gesucht, wie immer, seit Kindestagen. Aus Konvention? Frommem Brauch? Gewohnheit? Oder Ignoranz, dummer Hilflosigkeit? Gewiss aus allem was. Aber auch aus Trotz, Wut, Trauer, Unruhe, Entsetzen. Soviel Terror, Verrückte, Leid, was diese Wahn-Sinnigen mit ihren Attentaten verbrechen. Davor gibt’s ja keinen Schutz. Unendlich verletzbar ist unser Leben, fragil der Alltag, in der offenen Gesellschaft wie in der ‚unoffenen’. Begann es mit New York 9/11? … bis rauf nach Paris, Brüssel, Pakistan … ? Es begann mit Kain und Abel. Dass Einer seinen Andern auslöscht. Dogmatik, Theodizee, Philosophie, „wenn Gott, warum dann Übel?“ Nein, keine Reflexionsroutinen. Wen die Mordstat trifft, der hatte nur Pech. Wen die Bombe zerreißt, der war zur falschen Zeit am falschen Ort. Brutaler, grausiger, sinnloser Zufall, die sog. ‚Kontingenz’. Spricht der fanatische Selbstmörder das letzte Wort über seine Opfer? Und man kommt ja mit dem Zählen nimmer mit. Dann bliebe Kain auf ewig Täter und Abel auf ewig Opfer, einfach so. Wer hält das aus? So eine zur absoluten Ausweglosigkeit verdichtete Immanenz? „Jesus ist auferstanden von den Toten!“ – Frauen waren zuerst an seinem Grab. Entsetzt, verwirrt, ängstlich, traurig, sie, die den Nazarener leidenschaftlich Liebenden, und doch voll letzter Hoffnung, vielleicht, dass Ostern den totalen Tod durchbricht?! „Jesus ist auferstanden von den Toten!“, dieses vermeintliche Weibergeschwätz rebelliert gegen den Glauben, dass der Tod obsiegt. Das Osterlachen war so dumm nicht, als Brauch, als Einübung in den Ungehorsam gegen das ‚sich abfinden müssen mit dem Wahnsinn’. Auch wenn Ostern die Untaten nicht ungeschehen macht: wer liebt, will’s Wiedersehen! Und … – ein Fußball schießt mir den Stift aus der Hand. Das Ostereiersuchen ist vorbei, Süßigkeiten mampfend gehen die Kids zum Kicken über und, klar, eifern ihren Idolen nach, Ronaldo, Messi, Ibra, Ösil, Hummels, Müller, Götze, Neuer nach.  … .

… ob im himmlischen Jerusalem dann auch meine, z.T. schon gestorbene Fußballhelden wieder aufspielen? Garrincha etwa, oder Eusebio, der Jaschin im Tor, Mazzola, Bobby Charlton … – was haben wir gestritten, wer der Beste sei! So sinniere ich, fast verträumt, und klar, da ist Johan Cruijff. Ich erinnere mich als wäre es gestern, sehe im Innern wie in einer filmischen Auferstehung die unlöschbaren Bilder, spüre die Aufregung, wie wir ge-bibbert, gebetet haben. … grad angepfiffen, einige linkische Ballkontakte, ein paar Finten, die Atmosphäre ist spannungsgeladen; wieder fordert, wieder bekommt Cruijff den Ball, am Mittelkreis, steht, trabt; auf einmal tritt der Schlacks mit der 14 auf’m Oranje-Trikot an, elegant den Ball eng am Fuß, rast halblinks in die deutsche Häl-fte, filettiert die Abwehr, ‚Terrier’ Berti Vogts kommt am 16er schon zu spät, Uli Hoeness grätscht Cruijff hilflos um – Johan Neeskens hämmert den Elfmeter zum 1:0 mitten ins Tor. Wir sind benommen, wie betäubt, nicht Kaiser Franz, König Johan regiert im heimischen Olympiastadion. Die ‚Unseren’ schauen alt aus, so anders, so gewitzt und schnell spielt der Hollandexpress – wenn man ehrlich ist. ‚Wenn man ehrlich ist’? Dann war Holland besser, auch wenn wir mit viel Dusel mit 2:1 denn 1974 die WM holten. Und wenn man ehrlich ist, war König Johan noch mal ein ganz anderes Kaliber als Kaiser Franz, mal vom Politischen ganz abgesehen.

Ehrlich besehen, war Johan Cruijff ein Evolutionssprung im Fußball, er war 20 Jahre voraus, ein antizipatorisches Genie, dem aus dem Stegreif alles gelang, aus Intuition, aus Freiheit, denn mangels Appelationshof im Kopf war er resi-stent gegen blinden Gehorsam. Ein Rastelli am Ball, Spielgestalter, Antreiber, Vorbereiter, Torschütze, und darin die Vorwegnahme des schnellen, ballintensiven und die Spieler in Dreiecks-Konstellationen rotieren lassenden Fußballs. König Johan x Kaiser Franz? Wären wir nur ehrlich gewesen. So verteidigten wir Beckenbauer wider den Augenschein seine Poleposition als Idol und ertappten uns doch heimlich als Bewunderer von Cruijff. Im Straßenfußball körperlich unterlegen, besann er sich schon als Kind auf Ballfertigkeit und Tempo. In den Sechzehner hinein, wo es immer weh tut, waren seine Dribblings und Zuspiele regelrechte Kränkungen des Betonfußballs, seine Tore aber Kunststücke, unsterblich in youtube archiviert. ‚Wenn wir ehrlich sind’, dann haben wir uns, wie schon 1970 mit Pelé, zum adidas Beckenbauer auch den Puma King (aus leichtem Känguruhleder) gekauft,  und weil die Zungen der Schuhe nicht lang genug über’m Spann tanzen konnten, haben wir uns von der Oma an der Nähmaschine noch ein Stück Leder unter der Schnürung einsetzen lassen. Die Ikonen des Cool waren uns Vorbilder des Spiels, wo ein Minimum an fair play, die Anerkennung des Gegners, Apriori zu Kooperation aus Konkurrenz waren und sind. Anders als der Krieg, verbündet das Spiel die Kontrahenten. Der Competition, lat. cumpetere, gemeinsam etwas bestreben, lehrte uns nicht nur ein multi-ethnisches wie poly-religiöses come together auf Straßen und Plätzen. Das Spielen schrieb gleichsam als physiopsychischer Download ein Mi-nimalhumanum in unsere Herzen: jeder kann was, keiner kann alles, niemand kann nix, was ich kann, gehört dem Team, was der Andere nicht, kann verpflichtet mich; gemeinsam gewinnen & verlieren.

Auch Johan Cruijff war ein Apostel dieser Haltung, einem Ethos, einer über den Ball als Modem laufenden Kommunikation ‚inteamer Praxis’. König Johan regierte nach Ajax Amsterdam beim FC Barcelona (unvergessen sein 5:0 gegen die Franco ergebenen Königlichen von Real Madrid) und kehrte als Trainer aus der holländischen 1. Liga schließlich in die spanische Primera Division zu Barcelona zurück. Wichtiger als die messbar vielen Erfolge war seine uner-messliche Passion, seine Liebe zum Nonkonformen, sein Mut für’s kreative Wagnis, sein Esprit zur Vision: alle greifen an, alle verteidigen. Im Rondo, der Rotunde im kreisförmigen Gespräch nicht unähnlich, ließ er bei 5 gegen 2 schnelle Ballwechsel, das Spiel mit dem Ball, dann Tiki-Taka genannt, und das Pressing, das Abwehrspiel gegen den Ball, verinnerlichen. Auch wenn er in Sachen Ballbesitz ein König, ein gieriger Kapitalist war, wusste er doch, dass Ballbesitz haben, ihn teilen bedeutet. Wie Thomas Hobbes’ Leviathan ist der Körper des Königs nur kraft seiner vielen inkorporierten kleinen Leute erfolgreich. Die Mitspieler bilden, ja verkörpern den König. Nun ist König Johan gestorben, an Krebs, hat er doch viele Jahre 80 Zigaretten am Tag geraucht. Dies Derby mit dem Tod hat er verloren, am verg. Gründonnerstag. Bleiben die Nachrufe. Er b-leibt unsterblich in seinem Spiel. Aber bleibt nur Nostalgie? Oder gibt es Hoffnung, der Eschatologie, von den letzten Dingen?         

Nach dem Ostereiersuchen spielten die Kinder Fußball. Unbeschwert, unberührt von den Schreckenszahlen der auf einem Spielplatz ermordeten Kinder, Frauen … , die nie mehr sielen werden. Grotesk anders bei uns: reiner Dusel, purer Zufall, so privilegiert, (noch?) so sicher, so unschuldig dem geballten Glück zu frönen. Die Sonne schien. Mir fiel die Offenbarung des Johannes ein, Apokalypse, zu deutsch Enthüllung, 21, wo der „Tod nicht mehr sei, noch Leid, Geschrei, und Gott abwischen werde alle Tränen“, bis schließlich, bar jedweder Zentralheiligtümer wie Tempel, Synagoge, Moschee, Kirche, die vielen Völker allseitig spielten und der liebe Gott aus seiner Hütte zuschaue. Aus heiterem Himmel fallen nur Tore – ein Moment himmlisches Jerusalem in unserem Garten? Und wenn wo nicht? „Der Messias muss kommen!“, so lässt sich die Geschichtsphilosophie oder Metaphysik ‚unterm leeren Himmel’ von Walter Benjamin auf ihren Glutkern konzentrieren, „damit der Täter nicht auf ewig über sein Opfer triumphiert!“ Dieser Wunsch, diese Forderung, dieser Protest, diese Wut, dieses brennende Aufbegehren gegen die finale Gewalt des Verbrechens, das ist dem Berliner Juden mehr als Reflexion ein letzter Reflex oder ein erster Affekt gewesen. Doch, nag oder frech, laut oder leise, profan oder fromm: „Frohe Ostern!“ Wider den Wahnsinn zu leben, leiden, trösten, hoffen, lieben, das nannte Benjamin eine „schwache messianische Kraft“.

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