Himmel & Erde

Wunsch und Erfüllung

„Oh Lord, won’t, you buy me a Mercedes Benz? / My friends all drive Porsches …” hat Janis Joplin bekanntlich gesungen. Es wurde dann ein Porsche 356 Cariolet, 1968 für 3500 Dollar gekauft, mit dem sie täglich fuhr. Er stand noch vor’m Landmark Hotel in Hollywood, in dem sie am 5. Oktober 1970 nachts  wegen zuviel Heroin starb, 27 Jahre jung. „Welcome to hea-ven, Club twenty-seven“: wie Brian Jones, Jim Morrison, Jimi Hendrix bis Kurt Cobain und dann Amy Winehouse raubte ihnen ihr Traum vom Blues viel zu früh das Leben. „Live fast, love hard, die young“? Nun, der Porsche von flower power Janis wurde eben für 1,76Mio Dollar bei Sotheby’s in New York versteigert. Da hat sich jemand einen Wunschtraum erfüllt.

Mit wie viel Prozent er denn geliebäugelt habe, wurde Sigmar Gabriel, alter wie neuer Vorsitzender der SPD, auf dem Parteitag nach seiner Wiederwahl gefragt, deren 74 Komma noch was Prozent als Debakel betitelt wurden. Er habe mit „78 Prozent noch was gerechnet“ antwortete der Vorsitzende freundlich. In einer Demokratie sei das nicht skandalös, sondern der Ausdruck von Differenzen, die in seiner Partei lebendige Kontroversen widerspiegeln statt indifferente Einheit vorgaukeln würden.

Der Banknachbar meines Kleinen hatte, wie mein Kleiner selber, eigentlich schlechtestens auf eine 2 in Latein gehofft. Als es dann eine 3 wurde, verziert von einer 4 für seinen Bankspezl, war er schlagfertig genug, sich mit einem Spruch von Oma zu trösten: „Der Dreier ist der Einser des kleinen Mannes“.

Ja, Wunsch und Erfüllung. Nicht immer bekommt man genau das Erträumte, sondern nur ungefähr, oder gar nicht. Oft scheint es uns die Vorstellung, das imaginäre Bild des Gewünschten, nicht gerade leicht zu machen mit dem, was dann real Gestalt gewinnt, zufrieden zu sein. Es gibt, wer kennt diese Erfahrung nicht, eine rätselhafte Dialektik von Wunsch und Erfüllung, gar Gebet und Erhörung, oder auch Befürchtung und ‚im Endeffekt’.

Meist ist es so ein ‚na ja’, oder ‚schon gut’, also ein eher unmerkliches Glück, wenn ein Wunsch in seiner Erfüllung stirbt. Mitunter traut sich ein Wunsch seiner Erfüllung nicht mal in die Augen zu schauen, so anderes, so fremd erscheinen sie sich. „Nein, das hab’ ich nicht gemeint, mir anders vorgestellt!“ Eine begüterte Frau in der Straße meiner Kindheit war denn bekannt dafür, die am Samstag erworbenen schönen Sachen, Kleider oder Schmuck am Montag wieder umzutauschen. Sie fackelte nicht lange: anstatt sich mit dem Defizit von etwas gegenüber ihrem Ideal herumzuplagen, verwandelte sie das fixe Trum wieder retour in neue Wünschbarkeit, für die entweder das Rückgeld oder ein Gutschein bürgten.

Auch wenn es die Überlieferung empirisch nicht ‚clare et distincte’ hergibt: es heißt, sie habe in Sachen Traumpartner ähnlich unzimperlich verfahren: erst heißhungrig einverleibt, dann kalt abserviert. Ja, wer kann das schon, „wer nicht kriegt, was er/sie will, muss wollen, was er/sie kriegt“? Und doch – die merkwürdige Spezies der „wunschlos Glücklichen“ einmal ausgespart – gibt es Menschen, die von der idealen Wunschvorstellung sich lösen können und das sinnliche Materiale in seiner Konkretion entdecken, wertschätzen, lieb gewinnen. Etwas oder Jemand muss da gar nicht perfekt sein um nicht Imperfekt, ‚erste Vergangenheit’ zu werden. Irgendwie eröffnet sich ihnen das Reale gegenüber dem Phantasierten als reizvoll, nahrhaft, befriedigend, befriedender als die Jagd nach dem absoluten Kick. Also die Wünsche nach Traumpartner, Traumberuf, Traumhaus, Traumurlaub zwecks ihres destruktiven Potentials eher runterdosieren? Vielleicht steckt in mancher Begegnung mehr Erfüllung als der gnadenlose Wunsch für Zeit zum Entdecken erlaubt?

Manchmal kommt die Erfüllung auch so spät im Leben, dass man den Wunsch schon vergessen hat. Egal. Je rauschiger der Wunsch, desto selbstprophezeiter die Ernüchterung. Wer – ob man Kindern das sagen kann? – also dem Brief ans Christkind seine innigsten Wünsche anvertraut, der möge dezent bleiben: erste wo das Göttliche menschlich sein darf, werden aus vom Überirdischen Enttäuschte vielleicht vom Irdischen Beschenkte. Eine Porsche statt Mercedes, ¾ von 100 %, eine 3 statt ner 1 – mit ‚ner flexiblen Response ist das ne Menge Wunscherfüllung, „Oh Lord, won’t you …?“

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