Himmel & Erde

Was bedeutet „christlich“?

Von Dr. Manfred Lütz

Alle Welt redet vom „christlichen Menschenbild“, von „christlichen Werten“ und vom „christlichen Abendland“, aber kaum jemand weiß noch, was eigentlich christlich ist. Sogar die Christen selber schämen sich sicherheitshalber ihrer eigenen Geschichte – ohne sie zu kennen. Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, von der endlosen Skandalgeschichte des Christentums hat jeder schon mal gehört. Und so schätzt man Mutter Teresa und Papst Franziskus nicht, weil sie Christen sind, sondern obwohl sie Christen sind, man nimmt es ihnen sozusagen nicht übel. Wenn tatsächlich 2000 Jahre Christentumsgeschichte ein einziges Fiasko waren, dann ist eine Religion, die an die Menschwerdung, das heißt an die Geschichtewerdung Gottes glaubt, in ihrem Kern getroffen und definitiv diskreditiert. Allen Beteuerungen von Kirchenrepräsentanten, man werde das jetzt alles besser machen, kann ein gescheiter Atheist doch nur entgegnen: Dann warten wir mal 2000 Jahre ab, ob es jetzt besser wird.

Nun hat in den vergangenen Jahren die internationale Forschung spektakuläre Ergebnisse zur Geschichte des Christentums erbracht, die aber eine breitere Öffentlichkeit noch nicht erreicht haben. Bezeichnenderweise waren es nicht Theologen oder Kirchenleute, die sich da an die Arbeit begeben haben, sondern säkulare Wissenschaftler, Historiker, Soziologen und andere. In bestem aufklärerischem Geist zerstörten sie langgeglaubte Mythen und förderten Erkenntnisse zu tage, die oft geradezu unglaublich klingen.

Diese Erkenntnisse treffen auf eine gesellschaftliche Debatte, wo man von links außen bis rechts außen, aber auch in der breiten Mitte den Begriff Christentum für sich beansprucht. Doch die Verwendung dieses Begriffes ist inzwischen völlig beliebig. Es gibt aber eine Möglichkeit, diese Beliebigkeit aufzuheben. Und das ist die tatsächliche Geschichte der christlichen Religion, die eben nicht beliebig interpretierbar ist. Wie haben Christen tatsächlich jahrhundertelang ihre heiligen Texte verstanden, was haben sie daraus für praktische Konsequenzen gezogen und vor allem mit welchem Ergebnis? Auch Atheisten müssen das wissen, wenn sie die geistigen Quellen Europas verstehen wollen.

Die Ergebnisse der Forschung sind frappant: Wer weiß schon, dass Toleranz eine christliche Erfindung war. Im klassischen Latein bedeutete tolerantia, das Tragen von Lasten, zum Beispiel von Baumstämmen. Erst die Christen machten daraus das Ertragen von Menschen anderer Meinung, weswegen Jürgen Habermas das Christentum zur „Genealogie der Menschenrechte“ zählt. Wer weiß, dass im gesamten ersten Jahrtausend die Christen als erste große Religion keine Ketzer töteten, weil Jesus im berühmten Unkraut-Weizen-Gleichnis erklärt hatte, dass man das Unkraut nicht ausreißen dürfe, sondern das letzte Urteil Gott am Ende der Zeiten überlassen müsse. Mitleid ist eine christliche Erfindung. Die Heiden hatten kein Mitleid. Behinderte galten als von den Göttern geschlagen und man fürchtete den Zorn der Himmlischen, wenn man ihnen half. Gregor Gysi sagte im Jahre 2005 in der evangelischen Akademie in Tutzing, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden kommen könne. Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Ein prophetischer Ausspruch. Auch Internationalität ist eine christliche Erfindung. Für die Stammesreligionen galt nur das Mitglied des eigenen Stammes als Mensch und das eigene Volk als das einzig wahre. Die Christen mussten von vorneherein akzeptieren, dass alle Menschen und alle Völker vor dem einen Gott gleich waren. Deswegen war es die Christianisierung, wie die Reichstheoretiker Karls des Großen betonten, durch die es gelang, dass die verschiedenen germanischen Völkerschaften sich gegenseitig nicht andauend den Schädel einschlugen. Wer heute behauptet, nationalistisches, völkisches Denken sei mit dem „christlichen Abendland“ vereinbar, der äußert keine falsche Meinung, sondern ihm fehlt schlicht historische Bildung.

All das muss man wissen, wenn man die kommenden Debatten über die Grundlagen unserer Gesellschaft führen will. Man muss auch die Fehlentwicklungen kennen, die Ketzertötungen nach dem Jahr 1000, die Kreuzzüge. Aber auch da muss man den Stand der Forschung kennen und nicht bloß die Propaganda der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Denn was von Hitler und Honecker in den Köpfen überlebt hat, sind fast ausschließlich die Märchen, die sie über das Christentum in die Welt gesetzt haben.

Dr. Manfred Lütz ist Theologe und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Bestsellerautor. Am 18. Dezember ist er gemeinsam mit Kurt Kardinal Koch und Prof. Dr. Christoph Markschies zu Gast an der Evangelischen Akademie Tutzing. Thema der Podiumsdiskussion: „Die Zukunft des Christentums“. Weitere Informationen hier.

Dieser Beitrag erscheint als Gastkolumne in der Dezemberausgabe des Newsletters der Evangelischen Akademie Tutzing. Wenn auch Sie sich abonnieren möchten, dann klicken Sie hier.

 

Bild: Dr. Manfred Lütz (Foto: Daniel Biskup)

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