Himmel & Erde

Keine Gewalt im Namen der Religion

von Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing

Mit seiner Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate ist Papst Franziskus erneut ein Coup gelungen, der das Prädikat „historisch“ verdient. Erstmals besuchte ein Pontifex die arabische Halbinsel. Gemessen an der Situation in anderen Ländern der Region herrschen dort im Blick auf Religionsausübung vergleichsweise günstige Bedingungen. So ist zum Beispiel der Bau von Kirchen erlaubt. Andererseits gehören die Emirate zu jener Koalition, die im Jemen Krieg führt – und zugleich ein Toleranzministerium geschaffen haben, um sich moderat und weltoffen zu präsentieren.

Nach westlichen Maßstäben werden solche Bemühungen meist rasch als Kosmetik abgetan. Umso bedeutsamer das Vorgehen des Papstes. Es darf als ein weiterer und ernsthafter Versuch gelten, den Dialog mit dem Islam zu intensivieren – und zwar auf Augenhöhe. Die Vielfalt des Islam und der Umstand, dass es keine übergeordnete Institution gibt, macht dieses Unterfangen nicht leichter.

In Abu Dhabi traf Papst Franziskus erneut mit Großscheich Ahmed al-Tayyeb von der Al-Azhar-Universität in Kairo zusammen. Die Moschee gilt als führende Hochschule und der Großscheich als weltweit wichtigste Autorität des sunnitischen Islam, zu dem fast neunzig Prozent aller Muslime gehören. 2016 sprach Ahmed al-Tayyeb vor Bundestagsabgeordneten, ein Jahr später besuchte er den Deutschen Evangelischen Kirchentag. Er gehört zu den 138 Unterzeichnern des viel beachteten offenen Briefes „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“, den islamische Persönlichkeiten 2007 an „Führer christlicher Kirchen überall“ gesandt hatten. Kernaussage des Dokuments: „Ohne Frieden und Gerechtigkeit zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften kann es keinen Frieden von Bedeutung auf der Welt geben.“ Eine schöne Bestätigung für die viel zitierte These Hans Küngs, dass es ohne Frieden zwischen den Religionen keinen Weltfrieden geben könne.

Jetzt haben der Papst und der Großscheich eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Darin bekennen sich beide zu einer „Kultur des gegenseitigen Respekts“ und versprechen, sich für eine „Kultur der Toleranz, des Zusammenlebens und des Friedens“ einzusetzen. Sie bekräftigen Glaubens- und Meinungsfreiheit als Recht eines jeden Menschen und verstehen ihre Erklärung generell als „Einladung zur Versöhnung“.

Zuvor hat Papst Franziskus auf dem interreligiösen Treffen dafür geworben, dass es keine Gewalt im Namen der Religion geben dürfe. „Entweder wir bauen die Zukunft gemeinsam, oder es gibt keine Zukunft“, so das katholische Kirchenoberhaupt. Dabei sprach er auch von den katastrophalen Folgen des Krieges und nannte wörtlich den Jemen, Syrien, Irak und Libyen, was seinen Gastgebern nicht gefallen haben dürfte.

Was bleibt von der jüngsten Reise des Papstes? Im öffentlichen Bewusstsein tritt sie – das zeigt die Berichterstattung – sogleich wieder hinter das Top-Thema der katholischen Kirche zurück:  die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Das ist schade, denn der interreligiöse Dialog hätte bleibende Aufmerksamkeit verdient. Die Bedeutung des Dialogs haben übrigens längst auch muslimische Gelehrte begriffen – zumindest jene, die die erwähnte Erklärung von 2007 unterzeichneten. Darin heißt es: „Die Zukunft dieser Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab.“

Dafür müssen beide Seiten etwas tun. Auf christlicher Seite hat Papst Franziskus gerade gezeigt, dass ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe es auch zulässt, Unangenehmes und Kritisches anzusprechen. Auf muslimischer Seite werden hoffentlich die Bilder der interreligiösen Begegnung ihre Wirkung nicht verfehlen – und hoffentlich auch nicht die unterzeichnete Erklärung, die eine eindeutige Sprache spricht. Ihr Plädoyer für ein versöhntes Miteinander ist unüberhörbar.

Die wohl wichtigste Aufgabe aber besteht darin, dass sich die Religionen künftig nicht mehr für politische Zwecke missbrauchen lassen. Diese Mahnung gilt nicht allein dem Islam, sondern auch dem Christentum. Dort, wo dem Nationalismus das Wort geredet wird, müssen sich die Kirchen wehren. Diese Kraft des Widerspruchs ist auch dem Islam zu wünschen.

 

Ein Beitrag für die Sendung „Zum Sonntag“ von Radio Bayern 2.
Sendetermin: 9. Februar 2019 / 17.55 Uhr. Unter diesem Link geht es zur Homepage der Sendung.

 

Bild: Pfr. Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: dgr/eat archiv)

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