Himmel & Erde

Rettet die Predigt!

Von Udo Hahn.

Hanna Jacobs ist Pfarrerin. Die Theologin weiß um die Bedeutung der Predigt. Ihr Beitrag ist widersprüchlich. Dennoch kommt sie zu dem eindeutigen Urteil: Schafft die Predigt ab! Ihre Beobachtungen sind durchaus richtig, ihre Schlussfolgerung aber falsch.

Predigten sind älter als die biblischen Überlieferungen. Am Anfang stand das gesprochene Wort. Und vermutlich steckt die Predigt seit ihren Anfängen in der Krise. Ist sie doch abhängig von der Person, die spricht. Manche waren große Redner – inhaltlich wie rhetorisch brillant, wie etwa Philippus. Von ihm wird in Apostelgeschichte 8 berichtet, wie er einen Finanzminister motivierte, sich taufen zu lassen und Christ zu werden. Nur schade, dass seine Predigt nicht überliefert ist. Aber es gibt auch die anderen Beispiele: Kompetente Theologen, aber keine brillanten Redner, wie etwa Paulus.

Wer sonntags unter der Kanzel sitzt, trifft immer wieder auf Predigerinnen und Prediger, denen man eine gründlichere Vorbereitung gewünscht hätte, mehr Zeit, noch einmal Thema, Struktur und Diktion zu reflektieren – und auch an ihrer Kommunikationsfähigkeit zu üben. Für die Mehrheit der Theologinnen und Theologen trifft dies jedoch nicht zu. Aber jedes negative Erlebnis kann unter den Hörenden leicht das Gefühl verstärken, der Prediger verstehe selbst nicht, welchen Sinn der biblische Text hat, erreicht nicht die Gemeindeglieder in ihrer Lebenswirklichkeit und macht nur fromme Sprüche. Das biblische Schwarzbrot kommt dann als labbriges Weißbrot daher, mit sehr geringem Nährwert. Die viel zitierte Sprache Kanaans, Synonym für eine ironisierende Kritik kirchlicher Rede, die nicht einmal mehr Insider verstehen, scheint unausrottbar. Wo immer sie anzutreffen ist, findet weder Trost noch Ermutigung statt. Vielmehr entsteht der Eindruck, der christliche Glaube sei belanglos – oder eben nur etwas für Studierte. Aber deshalb die Predigt gleich abschaffen? Wo kämen wir hin, wenn eine schlechte Ausführung sofort diese Konsequenz nach sich zöge? Es brauchte keiner Theater mehr, auch kein Kino. Unvorstellbar!

Die evangelische Kirche achtet seit geraumer Zeit stärker darauf, dass ihr predigendes Personal auch Kommunikationskompetenz erwerben kann. Das war nicht immer für wichtig gehalten worden. Manche Angebote im Predigerseminar waren zu meiner Zeit nur gegen Aufpreis zu bekommen.

Kommunikation ist ein vielschichtiges Geschehen. Inhalte, generell die Sachebene – das macht ohnehin nur einen sehr geringen Teil aus. Weit mehr wiegt die Beziehungsebene. Und ob der Prediger z.B. akustisch gut verstehbar war. Die Botschaft ist auch und gerade auf den Boten angewiesen. Manche Lektüre erschließt erst dann den tieferen Sinn, wenn ein anderer darüber spricht. Die Vorstellung, die Predigt sei obsolet, wenn die Hörerinnen und Hörer ohnehin kaum etwas davon rekapitulieren könnten, ist ein weiterer Fehlschluss.

Die persönliche Ebene ist, wie bereits angedeutet, für die Kommunikation unerlässlich. Der intime Diskurs erst macht es möglich, sich ganz auf sein Gegenüber einzustellen. Aber auch das war schon immer so. Die Predigt des Philippus war nichts anderes als der Zuspruch für einen Einzelnen. Aber warum dann die Predigt abschaffen, wenn doch beides notwendig ist. Die Areopagrede des Paulus (Apostelgeschichte 17) zeigt, wie wichtig die öffentliche Predigt ist. Hier in der Weise, dass sie nicht im Rahmen des Gottesdienstes stattfand, sondern auf dem Marktplatz. Einige unter den Zuhörern hatten dafür nur Spott übrig, anderen wollten mehr erfahren.

Die Übersetzungsarbeit im persönlichen Rahmen ist notwendig. Sie wird zunehmend wichtiger, weil Menschen durch die Predigt im Gottesdienst am Sonntag nicht mehr erreicht werden, aber sich mit religiösen Fragen und Glaubensthemen befassen. Die Predigt aufgeben zu wollen, in der Erwartung die biblische Botschaft trage dann mehr und bessere Früchte, scheint mir der falsche Weg. Er begünstigt die Privatisierung des Glaubens und einen selbstgewählten Rückzug aus der Gesellschaft. Auch wenn der Glaube etwas Persönliches, Intimes ist – er ist keine Privatsache.

Die Predigt ist für den öffentlichen Raum gedacht, auch wenn dieser im Blick auf unsere Gesellschaft im sonntäglichen Gottesdienst inzwischen nur noch eine Teilöffentlichkeit erreicht. Aber auch diese hat einen Anspruch darauf, dass Predigerinnen und Prediger die Lebenswirklichkeit ihrer Zuhörerschaft mit den Texten des Alten und Neuen Testamentes in Beziehung setzen können. Diese Aktualisierung ist über die Jahrhunderte hinweg eine Kulturleistung, die gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann.

Der evangelische Gottesdienst hat die Auslegung des Wortes in den Mittelpunkt gerückt. Auch wenn mancher Zweck heute durch andere Kommunikationsformen gut bedient wird, so ist die Predigt als Instrument der Meinungsbildung unaufgebbar. Geht es doch immer wieder darum, den Zusammenhang von Glauben und Verantwortung aufzuzeigen und zur Meinungsbildung, zum Selberdenken anzuregen. Gewiss: Die Kirche hat heute keine alleinige Deutungskompetenz mehr. Aber ohne öffentliche Predigt würde sie sich selbst zum Schweigen bringen.

Es stimmt: Interessierte können sich heute auch über religiöse Themen aus vielen Quellen informieren. Das gilt auch für andere Inhalte. Aber hat schon jemals einer gefordert, dass Zeitungen auf Leitartikel und Kommentare verzichten sollten, weil man ohnehin im Einzelgespräch besser kommunizieren kann und weil manche Beiträge mitunter wenig überzeugend ausfallen?

Im ökumenischen Kontext zählt die Predigt zu den Kernkompetenzen des Protestantismus. In einer Zeit, in der insbesondere in der katholischen Kirche Predigthandwerk und Predigen besondere Aufmerksamkeit erhält, mutet der Vorschlag, in der evangelischen Kirche die Predigt abzuschaffen, geradezu absurd an.

Was danach kommen würde? Man könne das nur entdecken, wenn man mit dem Suchen und Fragen beginne, so Hanna Jacobs. Das ist mir zu unbestimmt. Ein selbstgewählter Rückzug lässt ein Vakuum entstehen, das andere Kräfte füllen. Wie notwendig es ist, dass die Kirche auch durch kluge Predigten öffentlich wahrnehmbar ist, zeigen die vielen Beispiele, in denen Kräfte in unserer Gesellschaft zur Meinungsbildung beitragen, die anderes im Sinn haben: die an der Spaltung und nicht am Zusammenhalt interessiert ist, an der Stärkung des Marktes und nicht der Moral, am Gewinn für wenige und nicht an der Verpflichtung, zum Gemeinwohl beizutragen. Deshalb: Die Zeit der Predigt ist nicht vorbei!

 

Der Beitrag ist am 31. Oktober 2018 als Reaktion auf einen Artikel von Hanna Jacobs in der Wochenzeitung Christ & Welt erschienen. Zum Artikel von Udo Hahn bei Christ & Welt.

 

Bild: Udo Hahn, Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Udo Hahn war von 2000 bis 2012 Vorsitzender des Predigtpreises. (Foto: eat archiv)

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