Postfossil

Ökologie und Humanität im Zeitalter des Anthropozän

Ein Beitrag von Prof. em. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Haber, Landschaftsökologe der TU München, Freising-Weihenstephan.

Nach Auffassung des Nobelpreisträgers Paul Crutzen (2000) hat das Wirken der Menschen den Planeten Erde so sehr verändert, dass damit ein eigenes erdgeschichtliches Zeitalter entstanden ist. Crutzen nannte es Anthropozän (von anthropos = Mensch und cene = neu), das damit das Zeitalter Holozän (Nacheiszeit) ablöst. In Wissenschaft und Gesellschaft wird seitdem lebhaft diskutiert, ob das Anthropozän gerechtfertigt und offiziell zu deklarieren sei.

Zum Thema Anthropozän gibt es inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen. Das Deutsche Museum in München widmete ihm eine Sonderausstellung, und es ist auch Motto der von der Evangelischen Akademie Tutzing vom 18. bis 20. September 2015 veranstalteten Tagung. Bei einer rein sachlichen, auf Daten und Beobachtungen gestützten Argumentation überwiegt die Befürwortung des Anthropozän, doch gefühlsmäßig erzeugt es eher Abneigung, vermischt mit Schuldgefühlen – weil viele menschliche Veränderungen nachteilig oder schädlich sind und, wie zum Beispiel der Klimawandel, hätten vermieden werden müssen.

Die Befürworter streiten darüber, mit welchem Ereignis der Menschheitsgeschichte das Anthropozän angefangen hat. Die Ansichten darüber reichen vom Beginn der Landwirtschaft vor rund 10.000 Jahren über die auf fossile Energien gegründete industrielle Revolution um 1800 bis zur auf 1945 datierten Einführung der Atomenergie, deren radioaktive Abfälle ja für lange Zeit geologisch nachweisbar sind. Für das Anthropozän sind auch ökologische Fragestellungen bedeutsam, welche die Tutzinger Tagung bevorzugt behandelt. Als Wissenschaft untersucht die Ökologie die Evolution und Organisation des gesamten Lebens in der Natur und bezieht darin auch die Menschen ein, wobei sie deren Doppelrolle berücksichtigt. Menschen sind Glieder der Natur und ihrer Ökosysteme, können sich aber dank ihres Intellekts auch aus solchen Bindungen lösen oder sie verändern. Mit dieser Fähigkeit haben wir Menschen die Natur, einschließlich aller anderen Lebewesen, zu unserer Umwelt gemacht, die vorrangig nach unseren Interessen und Ansprüchen gestaltet worden ist.

Dies begann mit der bewussten Nutzung der Naturerscheinung Feuer als eigener, hoch wirksamer Energiequelle, die Sonne, Wind und Wasser ergänzt, oft ersetzt und weit übertrifft. Entscheidend war der Übergang zur Landwirtschaft, vor allem zum Ackerbau, mit dem sich weit mehr Nahrung erzeugen lässt als man durch Sammeln und Jagen in der Natur gewinnen kann. Das Mehr an Nahrung erlaubte eine erste Zunahme der menschlichen Bevölkerung und bewirkte zugleich ihre Aufteilung in Erzeuger (Landwirte) und Verbraucher (Nichtlandwirte). Die Letztgenannten schufen die Stadtkultur und machten sie zum Zentrum der weiteren kulturellen Entwicklung. In ihr erfolgte die Transformation in die Moderne mit zum Teil revolutionären technisch-zivilisatorischen Fortschritten als Merkmalen des Anthropozän. Jeder von ihnen hat aber sowohl Vorteile wie Nachteile, wobei Nachteile oft nicht beachtet oder erst mit Zeitverzug erkennbar werden und den jeweiligen Fortschritt in Frage stellen können.

Aus ökologischer Sicht ist hervorzuheben, dass sowohl das Ackerland (und aller sonstige Pflanzenbau) als auch die Städte mit dazugehöriger Infrastruktur rein menschlich-technisch geschaffene Bereiche sind, die auf radikaler Beseitigung der Natur mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt beruhen. Ackerland ist damit zur Haupt-Nahrungsgrundlage der Menschen und die Stadt zu deren Haupt-Lebensort geworden. Wir leben also von und in einer “künstlichen” Umwelt. Vor allem das Ackerland musste zur Versorgung der ständig zunehmenden Stadtbevölkerung flächenmäßig immer weiter ausgedehnt werden, was nur auf Kosten der Naturbereiche möglich war, und bestimmt heute mit den Großstädten weithin das Erscheinungsbild sowie das ökologische Geschehen auf den Kontinenten. Dieses wird seinerseits durch die oft schädlichen Neben- und Nachwirkungen der menschlichen Landnutzung verfremdet oder unterbrochen. Allein diese Umgestaltungen der Natur befürworten das Konzept des Anthropozän.

Die “offizielle” Einführung des Anthropozän hätte eine tief greifende Bedeutung für Natur und Menschheit. Denn die Abfolge der Erdzeitalter gehört zur natürlichen Evolution, deren Grundmerkmal die Unumkehrbarbeit ist. Doch in der heutigen Menschheit gibt es, gerade in unserem Kulturkreis, eine wachsende Sehnsucht nach ursprünglicher, unberührter Natur, oft auch mit religiösen oder ethischen Motiven wie Bewahrung der Schöpfung verknüpft. Anthropozän bedeutet aber, dass auch ein Naturschutzgebiet keine Natur, sondern ein menschliches Konstrukt ist. Hier zeigt sich ein Zwiespalt im menschlichen Denken, der zu noch viel grundsätzlicheren Überlegungen zum Sinn des Anthropozän führt. Sie gehen aus von einem Vergleich der Organisation des nicht-menschlichen Lebens – wie sie sich vor dem Erscheinen des Menschen in über drei Milliarden Jahren entwickelt hat – mit der danach, seit drei Millionen Jahren entstandenen zunehmend vom Menschen bestimmten Organisation, oder, kurz gesagt, vom Vergleich von Natur und Kultur.

Die Organisation des vormenschlichen Lebens, dargestellt im Modell des Ökosystems, entwickelte sich ohne ein steuerndes Zentrum und beruht auf selbst gebildeten, regulierenden Prozessen, die das Funktionieren der Organisation und zugleich ihre ständigen evolutionären Fortschritte gewährleisteten. Dabei gibt es keine Rücksichtnahmen auf Leben und Lebensweisen der Organismen, die dafür auch kein Bewusstsein haben. Über 95 % der in der Evolution entstandenen, aus Fossilien bekannten Arten sind im Lauf der Zeit, fünf mal auch durch gewaltige Einwirkungen unbelebter Naturkräfte wieder ausgestorben, was aber das Leben als Ganzheit nicht in Frage stellte und der Evolution sogar neue Wege öffnete. Als diese aber den Menschen als ein Säugetier mit der zusätzlichen Ausstattung von Intellekt, Vorausschau und Gefühlsbewusstsein hervorbrachte, wurden in diese Organisationsform neue Prinzipien eingebracht, ja eine zweite, als kulturell bezeichnete Evolution begründet.

Als denkendes Wesen konnte und wollte sich der Mensch nicht in ein selbst-reguliertes System ohne Steuerungszentrum einordnen, das seine Entfaltungschancen beschnitten hätte. Stattdessen lernte er, selbst die Steuerung des Systems zu übernehmen, ohne aber sein eigenes Wesen richtig zu verstehen. Das gelang ihm erst in den letzten 500 Jahren mit Hilfe der Wissenschaft, die auch die Ko-Evolution von Mensch und Natur erhellt hat. Sie zeigt, wie der Mensch aus seiner intellektuellen und spirituellen Weltsicht die erwähnten neuen Prinzipien der Lebensorganisation, nämlich Verantwortung, Rücksicht, Rechte und Werte entwickelte und mit Gewissen, Moral, Ethik oder Religion unterbaute. Daraus schuf er sich das Grundprinzip Humanität. Dass er aber in seiner physischen Natur und ihren Ansprüchen ein Säugetier blieb, dessen Triebe oft auch den Intellekt entweder verdrängen oder benutzen und schwere interne Konflikte verursachten, wurde hingenommen oder missachtet. Es hinderte die Menschen auch nicht an der Begründung eines humanitären Hauptziels, nämlich jedes einzelne menschliche Leben mit allen Mitteln zu erhalten und ihm einen möglichst langen, guten Verlauf zu ermöglichen. Verwirklicht wurde es aber fast immer nur innerhalb des jeweiligen Sozialverbandes (Stamm, Volk oder Nation), und erforderte, die Menschen von den natürlichen Ökosystem-Regulierungen, denen alle anderen Lebewesen unterliegen (Erbeutung, Hunger, Seuchen), soweit möglich zu bewahren. Ergebnis ist eine unnatürliche Sonderstellung der Menschen, die in besonderem Maße das immer noch zunehmende, weil nicht oder unzureichend regulierte Bevölkerungswachstum fördert. Weil dieses aber die Natur immer stärker beansprucht und schädigt, soll eben diese Natur mit allen ihren Bestandteilen, vor allem den Tier- und Pflanzenarten, in die ethisch-humanitären Grundregeln menschlich konzipierter Lebensorganisation einbezogen und geschützt werden. Nutzung und Schutz lassen sich aber, was ebenfalls humanitär begründet werden kann, nicht gleichrangig und überall verwirklichen, sondern erfordern Auswahl und Prioritäten. Hier liegt eine vorrangige Forderung an das Anthropozän.

Schließlich darf nicht verkannt werden, dass diese Darstellung der Humanität den Menschen in seinen Eigenschaften sowohl verallgemeinert als auch idealisiert. Doch die Menschheit ist keine Einheit, sondern besteht aus mehreren Kulturkreisen mit ganz unterschiedlichen Einstellungen zueinander wie zur Natur. Von ihnen hat der so genannte westliche Kulturkreis, der aus einigen Staaten Europas hervorging, seit dem 14. Jahrhundert fast alle anderen Kulturkreise kolonial unterworfen und ausgebeutet, ja ganze Kontinente wie Amerika und Australien für sich erobert. Damit hat er die größten Fortschritte und eine globale Vorherrschaft erzielt, wobei Humanität wohl stets zurücktrat. Dennoch sind gerade in diesem Kulturkreis – dank oder trotz seiner technisch-materiellen Fortschritte? – die maßgebenden humanitären Ideen der Aufklärung, Menschenrechte, der nachhaltige Entwicklung und planetarischen Grenzen entstanden. Sie harren aber noch der Umsetzung in die Lebenspraxis. Wird das Vorbild, das die westliche Kultur mit ihren Errungenschaften, ganz gleich wie sie erreicht wurden, den übrigen Kulturkreisen gesetzt hat, auch diese Ideen einschließen? Wenn das gelingt, erhält das Anthropozän seine volle Berechtigung.

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