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Ein Gewaltsystem – bis zum Untergang

Das Erinnern an das „Menschheitsdesaster“, den von den Deutschen ausgelösten Zweiten Weltkrieg, und das dramatische Geschehen, das dem Kriegsende vor 75 Jahren vorausging, darf in der Corona-Krise nicht in den Hintergrund geraten, schreibt Hildegard Kronawitter, Erste Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung.

Die Schreckensmeldungen der Corona-Pandemie über schwere Erkrankungen und Verstorbene sowie über wirtschaftliche Auswirkungen der Krise beherrschen unsere Aufmerksamkeit. Die öffentlichen Institutionen und politisch Handelnden konzentrieren zu Recht all ihre Anstrengungen auf die Rettung von Menschenleben und beruflichen Existenzen. Bleibt angesichts unserer bedrückenden Zeit noch Raum für den Blick auf das Kriegsende vor 75 Jahren, die Erinnerung an unzählige Opfer und die Befreiung? Ich plädiere dafür, heutige Krisenszenarios nicht unseren Blick trüben zu lassen und zu erkennen, welches Menschheitsdesaster der von den Deutschen ausgelöste Zweite Weltkrieg war und welches dramatische Geschehen dem militärischen Zusammenbruch vorausging, ehe die Siegermächte Deutschland vom Nationalsozialismus befreiten.

Schon im Sommer 1942 und dann Anfang 1943 forderte die Widerstandsgruppe Weiße Rose in ihren Flugblättern, den sinnlosen Krieg zu beenden und beschwor die Bevölkerung, Widerstand, der ihre „sittliche Pflicht“ sei, zu leisten (3. Flugblatt, Juli 1942). Dezidiert heißt es im 5. Flugblatt vom Januar 1943: „Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!“ Prägnant formulierte Sophie Scholl im Gestapoverhör am 19. Februar 1943: „Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschenleben, das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird, umsonst ist.“

Doch diese Aufrufe verhallten ebenso wie die anderer Widerstandsgruppen. In den Prozessen des Volksgerichtshofs wurden sieben Personen der Weiße Rose zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Krieg und das Morden gingen bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 weiter, ja die Brutalität der Täter nahm noch zu. „Am Ende stand ein Inferno der Gewalt, die nun auf die Deutschen zurückfiel“, fasst Ulrich Herbert in seinem Buch „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ die Situation in den letzten Kriegsmonaten zusammen.

In der Schlussphase des Krieges waren die Opfer auch in Deutschland außerordentlich hoch. So starben zwischen Januar und Mai 1945 mehr als 800 000 deutsche Soldaten (von insgesamt 3,2 Millionen, wie Ulrich Herbert in seinem Buch auf S. 539 schreibt). Schätzungen zu den Toten infolge der Verbrechen gegen KZ-Häftlinge und die Zivilbevölkerung gehen in die Millionen. Das ideologische und rassistische Normensystem des Nationalsozialismus hatte offensichtlich bis zum Schluss Bestand, insbesondere für die unteren und mittleren Dienstränge. Unter dem Druck der bevorstehenden Niederlage konnte praktisch jeder und jede Opfer der jetzt nach innen gerichteten Gewalteskalation werden.

Mit seinem „Flaggenbefehl“ hatte Himmler Anfang April 1945 die niederen Ebenen der nationalsozialistischen Führung sowie Angehörige jeglicher Formation zu einem willkürlichen und unmenschlichen Vorgehen aufgefordert. Wer die weiße Fahne hissen würde, Panzersperren öffne oder nicht zum Volkssturm antrete, hätte mit „härtesten Maßnahmen“ zu rechnen. Dezidiert ordnete er an: In „einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, sind alle männlichen Personen zu erschießen“. Zivilisten und Wehrmachtsangehöre wurden  in Standgerichten zur Hinrichtung abgeurteilt oder ohne diese exekutiert. Deshalb verbindet sich die Erinnerung an die Befreiung am Kriegsende in mehreren Orten Bayerns mit dem Gedenken an zahlreiche zivile Opfer infolge des grausamen Wütens und Mordens von SS, „Werwolf“-Leuten und Wehrmachtsangehörigen – unmittelbar bevor die amerikanischen Befreier eintrafen. So wurden am 28. April in der „Penzberger Mordnacht“ 16 Menschen grausam ermordet, darunter der langjährige und 1933 gewaltsam von den Nationalsozialisten vertriebene Bürgermeister der Stadt sowie dessen politische Mitstreiter. Sie wollten – wie an manch anderem Ort auch – sicherstellen, dass Hitlers „Nerobefehl“ nicht befolgt wird und wichtige Infrastruktur bzw. Betriebe nicht zerstört werden.

Je länger sich das Ende hinzog, desto desillusionierter mussten die Deutschen über den Ausgang des Krieges gewesen sein. Ab wann mochten sie sich klar gemacht haben, dass das Gewaltsystem ungehindert imstande war, politische Gegner bis zum Schluss brutal zu verfolgen, um jeglichen Widerstand zu unterdrücken? Noch im April wurden Frauen und Männer des Widerstands ermordet; für diese Opfer stehen Dietrich Bonhoeffer und Mitstreiter vom „20. Juli“, getötet am 9. April im KZ Flossenbürg, sowie Georg Elser, ebenfalls am 9. April ermordet im KZ Dachau.

Gewiss, der gesamte Widerstand gegen die NS-Diktatur – wie auch der der Weißen Rose – hat den Kriegsverlauf nicht geändert und die Brutalität nicht gemindert, auch nicht jene, mit der am Ende der Krieg nach Deutschland zurückkam. Die Erinnerung an das Kriegsende und die Befreiung muss dennoch die aufrechten Frauen und Männer einbeziehen, die mit ihren todesmutigen Widerstandsaktionen der NS-Diktatur die Stirn boten und für uns Heutige ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage und verantwortliches Handeln nach dem eigenen Gewissen sind. Ihnen ging es um ein freies, „besseres“ Deutschland. Im 3. Flugblatt der Weißen Rose (Juli 1942) heißt es: „… jeder einzelne Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des Einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit sichert.“

 

Dr. Hildegard Kronawitter

Die Autorin ist Erste Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e. V., München. Die Stiftung hat die Aufgabe, an den Widerstand der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus zu erinnern, ihn und die Handelnden zu würdigen sowie Zivilcourage, individuelle Verantwortung und demokratisches Bewusstsein in heutiger Zeit zu fördern. Gegründet wurde die Weiße Rose Stiftung e.V. im Jahr 1987 von verurteilten Mitgliedern und Familienangehörigen der Widerstandsgruppe sowie weiteren UnterstützerInnen. Weitere Infos auf der Homepage der Stiftung unter diesem Link.

 

Bild: Dr. Hildegard Kronawitter, Erste Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V. (Foto: Weiße Rose Stiftung e.V. / Catherina Hess)

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