Himmel & Erde

Der geschärfte Sinn für den Genuss

Die Fastenzeit stößt seit Jahren auf ein wachsendes Interesse. So verzeichnet etwa die evangelische Fastenaktion „7 Wochen ohne“ einen stetig steigenden Absatz an Kalendern bzw. mehr Besucher auf der dazu gehörenden Website. Die Gründe für den Zulauf sind bei näherem Hinsehen ganz unterschiedlich. Bei vielen Menschen ist die Lebensweisheit angekommen: Alles Zuviel ist von übel. So ist der gelegentliche Verzicht auf manche Genüsse wie Fleisch, Süßes und Alkohol nicht nur aus medizinischen Gründen empfohlen. Verzicht hat auch sein Gutes. Manche halten es – mit einem Augenzwinkern – mit dem englischen Autor Oscar Wilde: „Man versehe mich mit Luxus. Auf alles Notwendige kann ich verzichten.“ Der wahren Bedeutung des Verzichts kommt man so aber nicht auf die Spur. Auch nicht mit einem Bonmot des Schauspielers Mario Adorf: „Unter Verzicht verstehen Frauen die kurze Pause zwischen zwei Wünschen.“ Viele fragen sich im Lichte dieser beiden Zitate: Wer will schon gerne verzichten? Einen Anspruch aufgeben? Sich von einem Vorhaben verabschieden? Dem Verzicht haftet nach wie vor ein Makel an. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Menschen verzichten müssen. Verzicht macht einem den Mangel bewusst, nicht zu haben, was ich will, gerne hätte, vielleicht auch wirklich brauche.

Der griechische Philosophen Plutarch deckt das Geheimnis auf: „Wer wenig braucht, der kommt nicht in die Lage, auf vieles verzichten zu müssen.“ Das stellt durchaus die Grundsatzfrage an ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das auf Wachstum und somit auch auf Konsum, auf ein (mehr) Habenwollen ausgerichtet ist. Kann das auf Dauer gut gehen?

Verzicht hat seinen Ursprung in der Sprache des Rechts: einen Anspruch aufgeben (können), Großmut beweisen. Wer verzichtet, lebt den Spannungsbogen zwischen Gier auf Lebensqualität und einfachem Leben. Man kann das mit Martin Heidegger auch philosophisch sehen: „Verzicht nimmt nicht. Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“

Fasten macht vor diesem Hintergrund die Freude am Schönen und am Genuss nicht madig. Vielmehr schärft es den Blick für etwas, das wir ohnehin wissen: dass ein Leben nur gelingen kann, wenn es im Gleichklang von Arbeit und Entspannung bleibt. Jeder Verlagerung des Schwerpunkts – insbesondere, wenn sie dauerhaft ist –, bringt das Leben aus der Balance. Burnout oder Boreout. Oder, um es mit einem anderen Bild zu beschreiben: Im Spagat zwischen Lebensqualität und Enthaltsamkeit auf Zeit liegt der Schlüssel zu einem erfüllten, sinnvollen Leben, nach dem sich so viele sehen. Um es mit dem irisch Schriftsteller George Bernard Shaw zu formulieren: „Die Tugend besteht nicht im Verzicht auf das Laster, sondern darin, dass man es nicht begehrt.“

Generell ist das Bewusstsein gewachsen, dass weniger manchmal mehr ist – und sich so die Lebensqualität steigern lässt. „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, wusste schon Paulus in der Bibel (1. Korinther 10,23) zu empfehlen. Hier, im Religiösen, liegen die ursprünglichen Wurzeln der Fastenzeit. Seit dem Tod Jesu erinnern Christen in den Wochen vor Karfreitag an sein Leiden und Sterben und bereiten sich auf Ostern vor, auf die Botschaft von der Auferstehung. Vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag dauert die Fasten- oder Passionszeit. Sie umfasst 40 Tage. Diese Zahl ergibt sich, wenn die sechs Sonntage nicht mit eingerechnet werden. Sie unterbrechen das Fasten. In der Bibel steht Fasten für Buße und Trauer sowie innere Reinigung. Es hat in praktisch allen Religionen Bedeutung. Mahatma Gandhi sagte dazu: „Die Fastenzeiten sind ein Teil meines Wesens. Ich kann auf sie ebenso wenig verzichten wie auf meine Augen. Was die Augen für die äußere Welt sind, das ist das Fasten für die innere.“

Als Mittel zum Zweck – mit regelmäßiger Askese Gott gefallen und sich vielleicht so einen Platz im Himmel sichern zu wollen – hat Fasten längst ausgedient. Eine Zeitlang auf Gewohntes zu verzichten – für die einen ist es eine Tradition, andere entdecken sie ohne ihre religiöse Verankerung. Und längst haben auch die Kirchen verstanden, neue Zugänge zu einem sonst als sperrig empfundenen Thema zu eröffnen. So steht die diesjährige Fastenaktion des katholischen Hilfswerks Misereor unter dem Motto: „7 Wochen anders leben – Mach was draus: Sei Zukunft“. Und die evangelische Initiative „7 Wochen ohne“ propagiert „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“.

Ob mit einem Motto oder ohne – die Wochen bis Ostern bieten die Chance, neue Erfahrungen zu sammeln. Hier sind drei Vorschläge:

  1. Loslassen schafft Freiheit. Das gilt auch für die Seele. Wer ich bin, daran haben Eltern, Schule, Freunde ihren Anteil. Niemand muss aber ein Gefangener seiner Vergangenheit bleiben. Jeder kann sagen: Ich will mich ändern. Ausgetretene Lebenspfade zu verlassen, das ist freilich nicht immer einfach. Einen Versuch ist es wert. Zu meiner Freiheit gehört, dass ich alles, was ich erlebe, durch meine eigene Bewertung beeinflussen kann. War es positiv oder negativ? Es hängt von der Einstellung ab. Wenn ich in den Urlaub fahre, macht das große Gewicht des Reisekoffers nichts aus. Aber eine Tüte nach dem Einkauf im Supermarkt nach Hause zu tragen, kann zu einer unerträglichen Last werden.
  2. Dankbarkeit macht glücklich. Wer dankbar ist, erkennt an, dass er oder sie nicht alles allein tun kann. Wer glaubt, alles sei „selfmade“, ignoriert den Anteil, den wir anderen Menschen verdanken, dass uns etwas gelingt, wir erfolgreich sind. Studien belegen, dass dankbare Menschen glücklicher sind, weniger stressanfällig, weniger depressiv, ein größeres Selbstwertgefühl haben – und zufriedener sind mit ihrem Leben.
  3. Neue Wege entdecken. „Welchen Weg soll ich nehmen“, fragte Alice im Wunderland im Märchen von Lewes Caroll, als sie an der Weggabelung die große Katze sitzen sah. „Das hängt davon ab, wo du hin willst“, antwortete die Katze. „Das ist mir eigentlich ziemlich egal“, sagte Alice. „Dann ist es auch egal, welchen Weg du gehst“, antwortete die Katze. – Die Lebenserfahrung lehrt: Es ist nicht egal. Aber: Jeder Weg braucht ein Ziel.

 

Bei Tagesanbruch:
Morgenluft atmen,

Sonnenstrahlen spüren,

Trägheit abschütteln,

wach sein.

Zur Nacht:

Sorgen loslassen,

dankbar sein,

ausruhen – und gelassen

den kommenden Tag erwarten.

 

Anhalten, innehalten, stillhalten.

Zeit nehmen, Zeit lassen.

Alles sehen, alles riechen.

Stille in aller Stille genießen.

Im Augenblick leben.

Jetzt keine Angst haben.

Nicht zurückschauen.

Keine Pläne machen.

 

Sieben Tipps für die Fastenzeit – und andere Wochen des Jahres:

  1. Weglassen, was nicht lebensnotwendig erscheint.
  2. Sich dann und wann vom Alltag lösen.
  3. Alte Gewohnheiten hinterfragen.
  4. Versuchungen widerstehen.
  5. Öfter „nein“ sagen.
  6. Nicht mehr überall dabei sein.
  7. Wissen, wann es genug ist.

 

Über den Autor
Udo Hahn, Pfarrer, Autor religiöser Sachbücher und spiritueller Texte, leitet die Evangelische Akademie Tutzing am Starnberger See. Von ihm ist der immerwährende Fastenbegleiter „Lebe einfach – einfach leben“ (Butzon & Bercker, Kevelaer) erschienen.

Der Beitrag ist im Magazin „Wohlfühlen“ (1/2019, 27. März) der Süddeutschen Zeitung erschienen.

 

Bild: Frühling an der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: Haist/eat archiv)

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