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Der Bildungshorizont endet nicht an der Schulmauer

Der Lockdown der Schulen treibt viele Eltern um: Wird die Bildung ihrer Kinder dadurch Schaden nehmen? Werden sie vielleicht den Anschluss verpassen? Studienleiterin Dr. Ulrike Haerendel ist da ganz anderer Ansicht – und hält ein Plädoyer für informelles Lernen.

„Das sind doch dann Langzeitarbeitslose“, sagte neulich eine demonstrierende Mutter von ihrem Dritt- und ihrem Siebtklässler, für die offenbar noch nicht so schnell in Aussicht steht, dass sie wieder ein geregeltes Schulleben aufnehmen können. Was ich erst einmal als witziges Bonmot empfunden habe, ist dieser Mutter bitterernst – wie ich beim Weiterlesen des Zeitungsartikels gemerkt habe. Sie fürchtet wirklich, dass ihre Kinder ganz den Anschluss verlieren könnten, das Schuljahr wiederholen müssen, ja im Grunde Nachteile fürs Leben erleiden.

Anknüpfend an diese Bemerkung stelle ich mir die Frage, die mich – als Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder und als Studienleiterin für Soziales und Familie in Tutzing – schon länger beschäftigt: Nehmen wir die Schule zu ernst?

Ich finde: ja! Spätestens, wenn es in der vierten Klasse (eigentlich schon in der dritten) in Bayern auf das „Grundschulabitur“ zugeht, wird es in vielen Familien ungemütlich: Eltern üben Druck auf die Kinder aus und die Kinder lernen erste Versagens- und Konkurrenzängste kennen. Für viele Eltern heißt die Devise fortan „Fördern und Fordern“ – mindestens so unlustig wie in Gerhard Schröders Agenda 2010. Das heißt, den Kindern wird klargemacht, dass es für sie einen einzigen Daseinszweck gibt: Schule! Nicht nur, dass sich die Schulzeiten spätestens nach der Grundschule stark in den Nachmittag ausgedehnt haben. Hausaufgaben sind auch keine lästige Pflicht mehr, die man schnell runterreißt, um dann rauszukommen. Nein, sie stehen unter Kontrolle der Hausaufgabenbetreuung in Hort oder Ganztagsschule oder eben zuhause. Und ihre Aufgabe als Hilfslehrer nehmen viele Eltern sehr ernst, denn so wird es ihnen ja von der Schule nahegelegt. Ich weiß noch, dass uns beim Elternabend der sechsten Klassen gesagt wurde, wir sollten für unser Kind einen Lernplan erstellen, selbstverständlich täglich die vollständige Erledigung seiner Hausaufgaben kontrollieren, weiteren Lernstoff abfragen und – das setzte dem Ganzen die Krone auf und führte bei mir zur Totalverweigerung – die Schultasche kontrollieren, ob alles für den nächsten Tag eingepackt ist.

Dass Kinder im Alter von elf Jahren auch schon Verantwortung übernehmen können; dass Schule ihre und nicht unsere Aufgabe ist, dass sie sich auch mal ein Stück Freiheit herausnehmen und zum Beispiel die Hausaufgaben „hinschlampern“ können, weil ein Freizeitprojekt gerade wichtiger ist, dass sie dann eben auch die Konsequenzen selbst tragen müssen – das alles ist für uns offenbar undenkbar geworden. Wie sollen auch Freizeitprojekte wie die, an die ich mich aus Kindertagen erinnere, überhaupt noch entstehen? Für einen selbstgebauten Hasenstall oder ein wirklich geheimes Geheimversteck braucht man schon ein bisschen Zeit. Freie Zeit am Nachmittag ist von Erwachsenen aber längst sinnvoll durch eine Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln gefüllt worden: Nachmittagsbetreuung, Hort, Nachhilfe, und natürlich auch Sport- und Musikstunden. Diese Angebote sind toll und möchte keiner missen, aber unsere Kinder werden überbetreut und überbehütet. Lernen sie so Verantwortung zu übernehmen, sich auszuprobieren, für Fehler einzustehen – ganz abgesehen von Nägeln einschlagen, große Brüder abhängen, eine Regie für Nachmittage voller Spannung und Abenteuer entwerfen?

Bildung ist auch eine Beziehungssache

„Bildung zielt auf mündige und solidarische Teilhabe an der Welt“, heißt es im jüngsten Bildungskonzept der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Das kann die Schule allein nicht verrichten. Da gehören auch andere Bezugspersonen dazu, in der Regel die Eltern, die Räume eröffnen, aufmerksam machen, unterstützen, als Diskussions- und manchmal auch Sparringspartner zur Verfügung stehen. Gerade jetzt, im Hausarrest für alle, wenn das Homeschooling kein volles Pensum ausfüllt, könnten wir doch mal auf unsere Kompetenzen vertrauen. Damit meine ich nicht in erster Linie, unseren Kindern in Analysis auf die Sprünge zu helfen. Bildung ist auch eine Beziehungssache, sie beruht nicht nur auf Wissens- und Kompetenzerwerb, sondern auch auf Anerkennung, Wertschätzung und auf den vom ersten Lebenstag an gewachsenen Bindungen.

Nutzen wir doch mal den „natürlichen Vorsprung“, der uns gegenüber dem Schulunterricht und sogar gegenüber den sehr viel interessanteren Gleichaltrigen nun gegeben ist: die besondere Gelegenheit, dass wir jetzt so viel zusammen sind. Nehmen wir uns die Zeit, mehr von unseren Erfahrungen, Geschichten, Vorlieben und Spleens mit unseren Kindern in dieser besonderen Situation zu teilen. Gönnen wir uns mal wieder ein richtiges Gespräch mit ihnen, das über die Frage „Hast Du für die Matheprobe gelernt?“ hinausgeht. Und wenngleich sie vielleicht zunächst abwehrend reagieren werden und doch die „House Party“ am Smartphone vorziehen, dann machen wir halt bei nächster Gelegenheit wieder einen Versuch – „drücken ihnen ein Gespräch aufs Ohr“, wie mein Sohn sagen würde. Uns macht am meisten das gemeinsame Kochen Spaß. Es gibt, seit ich im Homeoffice bin, richtiges Mittagessen. Wir planen immer schon ein paar Tage im Voraus und freuen uns alle über den Lustgewinn, der mit den sorgfältig vorbereiteten und liebevoll zubereiteten Mahlzeiten einhergeht. Und nebenher lässt sich so einiges bequatschen … Wie viel Bildungsgewinn dabei entsteht und wer den hat – vielleicht auch ich? – kann ich und will ich auch gar nicht bemessen. Ich fühle mich beschenkt durch dieses Mehr an Zeit für uns alle.

Ein wunder Punkt bleibt: die Bildungsgerechtigkeit

Was mir klar ist: Wer allein erzieht, wer finanziell eingeengt ist, wer, aus welchen Gründen auch immer, selbst unter mangelnden Ressourcen leidet, kann vielleicht nur einen kleineren Part in der Bildungsumgebung der Kinder übernehmen. Und deswegen ist es auch gut, dass wir Institutionen haben, in denen die Kinder häufig ebenfalls in einem sehr guten Beziehungsfeld lernen. Damit verwirklichen wir auch ein Stück Bildungsgerechtigkeit. Trotzdem bleibt die Bildungsgerechtigkeit ein wunder Punkt, der uns alle nicht zufriedenstellen kann und gerade in der Coronakrise offen zutage tritt. Bei vielen fehlen – vom Computer bis zu einem ruhigen Lern- und Arbeitsplatz – völlig die Voraussetzungen für Homeschooling. Kinder, die mit schlechteren Bedingungen daheim zurechtkommen müssen, können das aber auch bei normalem Schulbetrieb nicht ausreichend kompensieren. Ganz offensichtlich lassen wir sie da zu sehr allein. Also doch noch mehr Betreuung und schulbegleitende Angebote? Ich glaube, es fehlt hier nicht an Quantität, sondern an Qualität. Wir bräuchten andere Strukturen, integrative Angebote und mehr Personal, so dass es eine stärker individuelle Förderung und Kompetenzentwicklung geben kann. Und wir bräuchten als Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit für die Gerechtigkeitsdefizite und mehr solidarischen Willen zu ihrer Beseitigung – nicht nur in Corona-Zeiten.

Das ist meines Erachtens übrigens auch ein ganz wichtiges Ziel informeller Bildung und Erziehung daheim: Den Blick für die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu schärfen, Sensibilität für die Bedürfnisse des Umfelds zu wecken sowie den Sinn für Demokratie und eine starke, wirksame Zivilgesellschaft auszuprägen. Corona eignet sich, und das ist nicht zynisch gemeint, als praktische Anschauung. Auch die Heranwachsenden können sehen, dass Obdachlose nicht „zuhause“ bleiben können, dass in den USA viele Menschen sterben, weil sie nicht oder zu spät ins Krankenhaus gehen, und dass Europa so mit sich selbst beschäftigt ist, dass das Elend der Flüchtlinge mal wieder dahinter zurückstecken muss. In einem engagierten Sozialkundeunterricht wird über solche Fragen diskutiert, wir sollten das jetzt daheim übernehmen.

Und was die Schule angeht: Es zeichnet sich ab, dass noch für längere Zeit der Unterricht vor Ort – im Klassenzimmer – reduziert wird, eine Art Schichtbetrieb eingeführt wird. Das hat eindeutig Nachteile: Zum Beispiel, dass die „nicht-systemrelevanten“ Fächer noch stärker zurückgestellt werden; dass fraglich ist, ob sich die Betriebe der Erwachsenen dem Schul-Schichtbetrieb der Kinder anpassen, und vor allem, dass Kinder mit schlechteren Lernvoraussetzungen drohen abgehängt zu werden. Dafür müssen Politik und Pädagogik gemeinsam Lösungen finden: Wenn es zum Beispiel in Bayern jetzt „wechselseitige Kinderbetreuung in festen Kleingruppen“ geben darf, dann sollte so etwas auch für feste Lerngruppen älterer Kinder ermöglicht werden.

Es gibt aber auch Vorteile: Selbständiges Lernen, weniger Dauer-Anleitung, mehr freie Zeiteinteilung, ja überhaupt mehr Freiräume für unsere Kinder. Ich habe ein starkes Vertrauen, dass sie etwas daraus machen können. Und vielleicht finden wir eines Tages: Dass Bildung sich ein Stück weit aus den Klassenzimmern herausverlagert hat, war ein gar nicht so schlechtes Ergebnis der Krise.

Dr. Ulrike Haerendel
(mehr zur Autorin finden Sie hier)

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