Postfossil

Aktive Mobilität – internationaler Workshop im frühwinterlichen Tutzing

Vom Kopf auf die Füße stellen – darum geht es. Ganz buchstäblich, denn Gehen ist der Ausgangspunkt. Am Anfang war der aufrechte Gang. Er machte den Menschen zum Menschen. In den 1810er Jahren gab es mehrere Jahre hintereinander weg schwere Missernten. Das brachte den Freiherrn Karl Drais auf die Idee, mit einem Laufrad die Pferdeknappheit zu bekämpfen. Lange bevor der Verbrennungsmotor in Kombination mit dem fossilen Öl seinen Siegeszug antrat, entwickelte sich das Fahrrad als das erste postfossile moderne Verkehrsmittel.

Es half nichts, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Zufußgehen und Radfahren zum Restverkehr erklärt. Die Verkehrs- und Stadtplaner definierten es als nicht-motorisierten Verkehr, dem etwas fehlt, da keine fossile Energie gebraucht wird.

Aktive Mobilität, beweglich aus eigener Körperkraft, da wird das wieder zurechtgerückt. Dies ist die Basis der Mobilität, die passive Mobilität, die auf Fremdenergie angewiesene kommt dann dazu.

Es macht Spaß, wenn knapp 50 Personen aus 13 Ländern über active mobility, non-motorized transport, lively cities, die Rückeroberung des öffentlichen Raums, diskutieren: nicht länger von der Verkehrstechnik ausgehend, sondern von den Menschen und ihren Mobilitätsbedürfnissen. Total spannend, denn die Bedingungen in den Ländern, Regionen und Städten sind so verschieden, da gibt es nicht ein one size fits all, keine besten Lösungen für Stadtentwicklung und Verkehrsgestaltung für überall.

In Kapstadt, so eine Teilnehmerin, gehen viele, sehr viele Menschen sehr lange Strecken zu Fuß, schlicht weil sie sich kein Auto leisten können und der öffentliche Verkehr nicht gut genug ausgebaut oder für sie erschwinglich ist. Da ist es eine ganz andere Sache als etwa in Paris, München oder Salzburg, ob ein öffentliches Fahrrad-Verleihsystem aufgezogen werden soll, oder nicht besser Fahrradwege zu bauen wären. Die Diskussion erbrachte: Ein public bike system dient auch letzterem, da damit Fahrradfahren höheres Prestige gewinnt, nützlich auch zur Förderung des Alltagsradelns.

Oder Großbritannien: In vielen Städten und Regionen ist das Fahrradfahren auf einem unglaublich niedrigen Niveau – kaum zu glauben! Aber in London hat sich der Wind gedreht, Radfahren wird gefördert, das Fahrrad gehört dazu zur Urbanität. Da gibt es zwischenzeitlich heftige Kampagnen der tabloids, der Massenblätter, die wieder einmal Radfahren und Gefahr stilisieren; die öffentliche Aufmerksamkeit schafft Gelegenheit, dem Fahrradfahren in ganzen Vereinigten Königreich einen Schub zu geben, da dies zugleich zu einer nationalen Auseinandersetzung führt. Ein Schub, um damit zugleich Zufußgehen aufzuwerten und Städte und Gemeinden wieder zugänglich – respektive zufahrbar für Räder – zu machen; kurzum lebenswerter für alle, nicht nur für den wohlhabenderen Teil der Gesellschaft.

Noch immer, auch zwei Tage danach, geht es im Kopf sprachlich durcheinander, nach zwei Tagen englischer Vorträge und lebhafter Diskussionen, Austausch an Erfahrungen und Forschungsergebnissen. Zu recht, denn die Begriffe, die wir verwenden sind unterschiedlich und wir lernten voneinander: Manfred Neun, der Präsident der European Cycling Federation brachte von seiner Australien-Tour mit, dass es dort active travel heißt. In Nordamerika wird typischerweise eher von active transport gesprochen, dagegen die passive mobility, Mobilität mit Fremdenergie noch kaum verwendet, geschweige denn in der Auto-orientierten Welt verstanden. In Großbritannien wird dagegen bisher, auch von Fahrrad- und Fußgängeraktivisten eher non-motorized transport verwendet, also die Zuschreibung, die ihr Anliegen schon begrifflich abwertet. Von mobilite douce, sanfter Mobilität ist andernorts die Rede, über postfossile Mobilität und Peak Oil wurde diskutiert.

Nicht zu vergessen China, nochmals eine ganz andere Welt, die Jason Chang mit nach Tutzing brachte. Da geht es um ganz andere Größenordnungen. Und um die Erfahrungen der verpassten Chancen. Wenn er davon berichtete, wie er chinesische Städte (mainland China) vor Jahren beriet, nicht einfach den amerikanischen Weg nachzumachen; und wie Städte, vielfach große Stadtgebiete von Millionen Menschen, die diese Art Ratschläge nicht beherzigten, im Erfolg ihrer ungezügelten Motorisierungsstrategie buchstäblich ersticken. Atemnot. Stau.

Der Platz ist nicht da, um ein gutes Leben zu führen und massenhaft, ungebremst zu motorisieren. Da kommt mir eine Zeitungslektüre aus der New York Times in den Sinn, die ich vor kurzem zu China las: Was nützt es, wenn der Kuchen größer wird, die Wirtschaft wächst und wächst, aber der Kuchen darüber ungenießbar wird?

Und so bleibt, neben vielen schönen menschlichen Begegnungen, neuen Ideen für Forschung rund ums Fahrrad und um Strategien zur postfossilen, Gesundheitsfördernden Stadtentwicklung, besonders eines: der aktiven Mobilität ihren Platz zu geben, damit sich die Erfahrungen von Kopenhagen, Groningen, Portland (Washington State) und vielen, vielen anderen Städten und Regionen ausbreiten können.

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