Himmel & Erde

Was trägt Kirche zur Zivilgesellschaft bei?

Es hat sich im Bürgerschaftlichen Engagement und der Zivilgesellschaft in den letzten Jahren viel verändert. Man mag das daran ersehen: Wenn der Staat etwa ein Gesetzesvorhaben in den 1950er und 60er Jahren an die Zivilgesellschaft adressieren wollte, dann gab es eben die beiden großen Kirchen, die Wohlfahrtsverbände, die Gewerkschaften, die in Konsultationen einbezogen wurden. Heute ist das anders geworden. Da sitzen am Tisch der Politik Stiftungen, Migrantenorganisationen, Netzwerke, Selbsthilfegruppen etc.. Zivilgesellschaft ist vielfältiger geworden. Das ist für die großen Kirchen Herausforderung und Chance, sich neu zu positionieren.

Ich möchte mich auf einige wenige Punkte konzentrieren, was insbesondere Kirche zur gedeihlichen Zivilgesellschaft beitragen kann.

  • Es geht um Menschen als Akteure des Engagements in einer Organisation, die im Wandel begriffen ist.
  • Es geht um die kirchliche Botschaft, die ich insbesondere im Kern der Nächstenliebe sehe.
  • Es geht um die Kirche als realen Ort des Austausches und der Begegnung im sozialen Nahraum.
  • Schließlich geht es um die Rolle einer durch die Aufklärung erfolgreich hindurchgegangenen Kirche in Zeiten einer geschwächten Demokratie.

Haupt- und Ehrenamt

Das sensible Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen in großen gemeinwohlorientierten Organisationen, zu denen die Evangelische Kirche und die unter ihrem Dach versammelten Dienste und Einrichtungen, etwa der Diakonie, gehören, beschäftigt die Debatten um das Bürgerschaftliche Engagement seit einigen Jahren. Im Kern geht es um ein strukturelles Problem: Nämlich um eine enorme Spannung zwischen Gemeinwohlorientierung und Marktsituation, Sparvorgaben und Gemeindeauftrag, Verdienstleistung und Geschenkökonomie. Damit ist eine Richtungsentscheidung verbunden, wie sich Kirche weiterentwickeln will. Provokativ und zugespitzt: Möchte sie eher zum großen sozialen Dienstleistungsunternehmen werden, das drohende Verluste an Steueraufkommen abfangen kann? Oder will sie ihrem „volkskirchlichen“ Auftrag (Schleiermacher und Wichern) gerecht werden, der ein offenes Gemeindeleben propagiert und dadurch vielleicht auch neue Kräfte gewinnt?

Soziale Einrichtungen wie die Diakonie stehen zudem unter einem wachsenden Marktdruck. Das hat Konsequenzen für ihre ökonomische Ausrichtung. Sie werden zu Wettbewerbern auf einem Sozialmarkt. Diese Entwicklungen haben das Ehrenamt in eine prekäre Situation gedrängt. Insbesondere in Leitungsfunktionen, wo es mit Personal- und Finanzverantwortung verbunden ist, sind die Risiken groß.

Kirche im engeren Sinne ist von dieser Entwicklung sicher weniger betroffen als die Wohlfahrtspflege. Aber auch sie steht unter Druck. Auch hier wird danach gefragt, ob man Arbeiten nicht rationalisieren kann. Was gehört nicht alles zu den Aufgaben einer Gemeinde? Immobilienverwaltung und Gebäudemanagement, die Vorstandstätigkeit im Kindergartenverein usw. benötigen viel Zeit, die vom seelsorgerischen Auftrag abgeht. So liegt es nahe, diese Bereiche in die Hand von hauptamtlichen Agenturen zu legen, die zum Beispiel die Verwaltung der Gemeindekindergärten managen. Die Kindergartenvereine werden dadurch entlastet, aber es geschieht noch etwas anderes: Die Angelegenheiten der Kitas werden aus der Ortsmitte hinaus verlagert. Daraus entsteht eine weitere Enteignung eines ehrenamtlichen Gremiums.

Diese Entwicklungen setzen das Ehrenamt in der Kirche unter Druck, das traditionell sehr groß ist. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD ermittelte 1,112 Millionen Ehrenamtliche in evangelischen Kirchengemeinden.[1] Der Frauenanteil liegt mit 771.329 bei fast 70 Prozent.

Die Kirche (13 Prozent) ist damit nach den Vereinen (52 Prozent) und informell organisierten Gruppen (16 Prozent) die drittwichtigste Organisationsform des freiwilligen Engagements.[2]

Diese Erfolge müssen immer wieder neu errungen werden, sie sind nicht selbstverständlich. Gerade im neuen Engagement der Flüchtlingshilfe sind Kirchengemeinden erstaunlich aktiv. Es gilt, dieses Engagement zu verstetigen und  auszubauen. Die wirklich gravierenden tektonischen Verschiebungen werden erst noch kommen, wenn die demografischen Veränderungen die Kirche voll erwischen. Wie wird Kirche da reagieren? Wird sie versuchen, mit Ehrenamtlichen ihren Wirkungskreis zu erhalten, oder wird sie sich auf ihren professionellen Kern „zurückziehen“?

Die Renaissance der Nächstenliebe

1950 waren 95 Prozent der Bevölkerung in Deutschland in einer der beiden großen Kirchen. Heute sind es noch knapp 60 Prozent. Die Verankerung als „Volkskirche“ nimmt also vermeintlich ab, wenn man Mitgliedschaft zum Maßstab nimmt. Aber vielleicht geht es auch um ein anderes Verständnis, das durchaus lutherisch ist: Überall ist Gott. Überall gibt es Raum für christliche Nächstenliebe, aber auch politische Einmischung mit christlichen Überzeugungen. Dazu muss sich Kirche noch mehr für die ehrenamtliche Mitarbeit von Menschen öffnen, die dem Glauben eher fernstehen.

Wahrscheinlich waren viele Christen überrascht, wie dem neuen Papst Franziskus die Herzen zufliegen. Aber es hängt wohl stark damit zusammen, dass der Wert der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe, des Eintretens für Arme, Unterdrückte, Flüchtlinge plötzlich einen neuen Stellenwert bekommen hat und authentisch vom Haupt der Katholischen Kirche vorgelebt wird. Nun scheint ein neuer Aufbruch gemacht, der auch dem ehrenamtlichen Engagement Auftrieb verleiht. Gerade die Fluchtbewegungen seit Sommer 2015 haben zur politischen Einmischung der beiden großen Kirchen beigetragen. Ich finde das gut, denn hier waren die Kirchen wirklich die unabhängigen und starken Stimmen einer zivilgesellschaftlichen Werteorientierung, die aus der Mitte des Glaubens kam.

Um nicht missverstanden zu werden: Barmherzigkeit ersetzt nicht den Sozialstaat. Wir wissen, dass gerade in Ländern mit einem starken sozialen Sicherungssystem, etwa in Skandinavien oder den Niederlanden, das Bürgerschaftliche Engagement deutlich höher ist als, sagen wir, in Bulgarien oder Rumänien. In diesem Sinne ist Barmherzigkeit oder Nächstenliebe als ein notwendiges Korrelat des Sozialstaats zu verstehen. Einerseits als Ergänzung, andererseits aber auch als der Boden, auf dem dieser erst gut wachsen kann. Eine starke Zivilgesellschaft stützt einen starken Sozialstaat.

Neben dieser Aufwertung der Nächstenliebe erhält auch die Vielfalt der Charismen und Talente in einer vernetzten Gemeinde eine neue Bedeutung. Sie setzt auf den Reichtum an Kompetenzen und Persönlichkeiten, die auf gleicher Ebene kommunizieren und kooperieren. Dieses Bild von Gemeinde trifft sich sehr gut mit dem modernen Verständnis des Bürgerschaftlichen Engagements als Quelle sozialen Beziehungskapitals (Robert Putnam), das einerseits Gemeinschaft stiftet (bonding social capital), andererseits Brücken zu anderen, fremden Welten (bridging social capital) schlägt.[3]

Orte der Kirche im Wandel

Freilich: Ein so großer Tanker wie die Evangelische Kirche hält natürlich eine eingeschlagene Richtung sehr lange aufrecht. Ja, es gibt Bürokratie, Unbeweglichkeit, amtskirchlichen Habitus. Und doch: Ich finde es schon atemberaubend, wie stark sich die Basis des Gemeindelebens in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Nur einige Schlaglichter aus meinem Lebensumfeld:

  • Ein Bekannter hat eine neue Pfarrei auf dem Land übernommen und will ein altes, aus dem Barock stammendes Gemeindehaus zum Bürgerhaus für alle umbauen. Und plötzlich kommt ein neuer Zustrom von Ehrenamtlichen, die der Kirche eher fernstehen.
  • An vielen Orten entstehen offene Jugendkirchen. Neue Zentren wie das „eckstein“ in Nürnberg haben innerhalb weniger Jahre eine große Menge von Menschen zu Diskussionen, Veranstaltungen, Familientreffen usw. versammelt. Sie sorgen dafür, dass Kirche eine neue Bindung zur Stadtgesellschaft erhält.
  • Jedes Jahr räumt die Gustav Adolf Vesperkirche Nürnberg Südstadt für einen Monat ihren Kirchenraum für die Vesperkirche. Hier kommt der ganze Stadtteil, einer der ärmeren Nürnbergs zum Mittagessen zusammen, hunderte von Ehrenamtliche organisieren das Tag für Tag.

Kirche ist überall zentral: Die Orte sind um sie gebaut, die Stadtquartiere haben sie in ihrer Mitte. Kirche und Sozialraum, das ist für die Zivilgesellschaft eine ungeheure Ressource. Identifizierbar ist Zivilgesellschaft nämlich erst dann, wenn es auch Orte in der realen Welt gibt. Das bildet die Bezugspunkte der Nachbarschaft, der Dorfgemeinschaft, der Quartiersöffentlichkeit. Der Ort der Kirche ist vielleicht zu selbstverständlich geworden. Er sollte mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden.

Kirche der Aufklärung

Die Lutherische Kirche versteht sich heute zweifellos als Teil einer von staatlicher Macht unabhängigen, demokratischen Zivilgesellschaft. Es ist die nicht nur knirschend akzeptierte, sondern willkommen geheißene Trennung von Glaube und staatlicher Macht, die Toleranz der Glaubensrichtungen.

Diese Haltung ist heute, da auch die religiösen Fundamentalismen wieder anwachsen, eine unverzichtbare Stimme einer vitalen, toleranten und vielfältigen Zivilgesellschaft. Und der Fundamentalismus wächst ja nicht nur im Islam, man muss nur an Victor Orbans Vorstellungen des Christlichen Abendlands denken. Kirche kann auch anders und das erfolgreich: Sie kann Vielfalt und Toleranz vorleben. Das ist die Botschaft, die Kirche gegenüber fundamentalen Strömungen im interreligiösen Dialog aussenden muss.

 

Dr. Thomas Röbke ist geschäftsführender Vorstand des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern und ist Mitglied im Konvent des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing.

[1] EKD Statistik. Erhebung 2014. Download unter: www.ekd.de/download/hauptamt_und_ehrenamt.pdf (Zugriff 2.8.2016)

[2] Simonson, J. Vogel, C., Tesch-Römer, C., Hrsg. 2016. Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014, S. 511 ff. Download unter: www.bmfsfj.de (Zugriff 2.8.2016)

[3] Siehe dazu: Popp, T.: Netzwerken im Neuen Testament – Paradebeispiel Paulus, In Jakubek, U., Straus, F. Hrsg. 2014. Netzwerke sichtbar machen. Impulse für Gemeindeentwicklung, Nürnberg: Eigenverlag, S. 67-71

 

Hinweis:
Thomas Röbke ist am 16. Juni 2019 zur Tagung „Aufbrüche, Umbrüche, Ausblicke“ als Podiumsgast an der Evangelischen Akademie Tutzing. Weitere Informationen hier.
Vorliegender Beitrag ist Gastkolumne der Juni-Ausgabe des Newsletters der Evangelischen Akademie Tutzing, die am 30. Mai 2019 erscheint. Nähere Informationen hier.

 

Bild: Thomas Röbke (Foto: LBE Bayern/oh)

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