Postfossil

Und sie atmet doch!

von Adelheid Biesecker

 

„Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist schon im Entstehen. An einem ruhigen Tag kann ich sie atmen hören.“ Dieses Zitat von der indischen Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy habe ich in den vergangenen Monaten wieder und wieder gelesen. Denn ich habe dieses Atmen nicht mehr gehört, und mir selbst blieb ab und zu der Atem weg.

Das Atmen der alten Welt dagegen schien immer lauter, immer unüberhörbarer zu werden – wie das Röcheln eines alten, dahinsiechenden Menschen, dessen Zeit bald vorbei sein wird: Es kam von einer Bundesregierung, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigte und flüchtende Menschen nur noch als Zahlen behandelte, und Zahlen haben keine Menschenrechte. Es kam aus den Chefetagen großer Energie- und Automobilunternehmen, die wegen ihres Profits rücksichtslos die Umwelt und damit die menschliche Lebenswelt zerstören und so die sozialen und ökologischen Kosten ihres Handelns zukünftigen Generationen aufbürden. Es kam aus einer anwachsenden rechten Bewegung, die nichts aus unserer Vergangenheit gelernt hat, sondern ihre völkischen, nationalistischen Werte auch mit Gewalt gegen andersdenkende, insbesondere andersfarbige Menschen durchsetzen will. Und es kam auch aus meiner eigenen Disziplin, der Wirtschaftswissenschaft, in der der sog. Nobelpreis für ökonomische Forschungen[1] vergeben wurden, die noch ganz der alten Welt zugehören – Wachstumstheorie und Klimamodelle, die beweisen wollen, dass das 2 Grad-Klimaziel zu hohe Wohlfahrtsverluste mit sich bringt und dass daher ein 2-3 Grad Ziel angestrebt werden sollte. Die Kosten für die Naturzerstörung könne man kompensieren.

Doch dann geschah Wunderbares: Die Rodung des Hambacher Forsts wurde durch ein Gerichtsurteil gestoppt, einer Klage des BUND wurde stattgegeben. RWE musste die Rodungspläne für den weiteren Braunkohleabbau vorläufig – und hoffentlich endgültig – einstellen. Die  Grünen wurden bei der Landtagswahl in Bayern zweitstärkste Partei. Unter dem Hashtag #unteilbar demonstrierten allein in Berlin ca. 240.000 Menschen gegen Nationalismus, und auch die Bewegung „Seebrücke“ für die Aufnahme im Mittelmeer aus Seenot geretteter flüchtender Menschen bekommt immer mehr Unterstützung. Plötzlich scheint eine andere Welt wieder möglich, ihr Atmen war trotz des alten Röchelns unüberhörbar. Und auch ich kann wieder (auf)atmen.

Nach Bloch: denkend real Mögliches vorwegnehmen

Und die Wirtschaftswissenschaft, meine Disziplin? Auch hier gibt es viel Neues, z. B. die Postwachstumsbewegung, die nach  Wirtschaftsformen jenseits des sozial und ökologisch schädlichen Wachstumszwangs der kapitalistischen Wirtschaftsweise sucht. Oder die Bewegung an den Universitäten und Hochschulen für eine „plurale Ökonomie“, für eine Ausbildung, in der vielfältige Theorien gelehrt werden sollen, nicht nur der sogenannte Mainstream, der weiterhin die kapitalistische Expansion in alle Bereiche der Gesellschaft und alle Weltteile unterstützt. Oder feministisch-ökonomische Netzwerke wie das Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften, dem ich selbst angehöre und das Prinzipien einer lebensfreundlichen, naturverträglichen und geschlechtergerechten Wirtschaftsweise entwickelt. Dazu wird die Perspektive gewechselt, der Blick wird von der Lebenswelt und nicht vom Markt aus auf alle ökonomischen Prozesse gerichtet. So werden die bisher ausgegrenzten Tätigkeiten, die großenteils Arbeiten von Frauen sind, sichtbar. Und  die heute vorherrschenden ökonomischen Handlungsprinzipien der kurzfristigen Gewinn- und Nutzenmaximierung, der Konkurrenz sowie der Orientierung an Wachstumsraten erweisen sich als unpassend und hinderlich für eine solch zukunftsfähige Wirtschaftsweise, ihnen werden andere Prinzipien entgegengestellt: Vorsorge, Kooperation, Orientierung am für ein gutes Leben Notwendigen. Insbesondere die Vorsorgeorientierung fordert dazu auf, bei allen heutigen ökonomischen Prozessen die Folgen für zukünftige Generationen zu beachten. Das Erhalten und Erneuern der produktiven Fähigkeiten der Menschen und der Natur wird zum Leitprinzip des Wirtschaftens. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit zwischen den heute lebenden und zukünftigen Generationen.

Utopie? Pures wishful thinking? Heiße Luft statt Leben ermöglichender Atem für die andere Welt? Oh nein. Wenn überhaupt von Utopie die Rede sein soll, handelt es sich um den Bloch’schen realen Utopismus, der, wie Ernst Bloch es ausdrückte, denkend ein real Mögliches vorwegnimmt. Die reale Möglichkeit solch anderen Wirtschaftens erweist sich  heute in vielen Projekten  – z. B. in urbanen Gärten, die neue Orte der Gemeinschaft bilden und die Biodiversität der Städte verbessern; in Netzwerken der solidarischen Landwirtschaft, durch die neue Beziehungen zwischen Stadt und Land entstehen, die für die beteiligten Bäuerinnen und Bauern ökonomische Sicherheit und Unabhängigkeit von Marktschwankungen bedeuten; in kooperativen Sorgearrangements, durch die das Altwerden in Generationen übergreifenden Lebensverhältnissen ermöglicht wird; in Projekten der Neulandgewinner, die mit vielfältigen Ideen und Tätigkeiten Dörfer und Gemeinden in Ostdeutschland wiederbeleben und neue ökonomische Strukturen erschaffen; oder in Unternehmen der Gemeinwohlökonomie, die ihre Tätigkeit nicht nur finanziell, sondern auch sozial und ökologisch bilanzieren und damit  sozial-ökologische Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Die Fähigkeit, diese realen Prozesse durch vorausschauendes Denken zu begleiten und zu stärken, kann sich ebenfalls entfalten – z. B. durch das Programm zur Förderung der sozial-ökologischen Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dessen Neuausschreibung gerade durch einen intensiven Kommunikationsprozess mit allen interessierten Wissenschaftler*innen vorbereitet wird. Auf der Agenda-Konferenz zur Bestimmung der vorrangigen Forschungsfelder, die im September in Kassel stattfand, wurden z. B. Themen diskutiert wie „Sozial-ökologische Pfade einer wachstumsunabhängigen Gesellschaft“, “Neue Konsumverhältnisse und Unternehmenstransformation“, „Sozial-ökologische Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme“, „Mobilität und Verkehr“, „Vorsorgendes Arbeiten – sozial-ökologische Transformation der Arbeitsverhältnisse“  oder „Populismus, Demokratie und neue soziale Disparitäten“.

Die sozial-ökologische Transformation ist auf dem Weg

Sicherlich, die sozial-ökologische Transformation unserer Gesellschaft und ihrer Ökonomie geht langsamer voran, als viele es wünschen und die Natur es dringend braucht, viele mächtige alte Interessen arbeiten dagegen an. Der andauernde Dieselskandal zeigt besonders anschaulich, wie sich diese alten Interessen in einem Zusammenspiel mit der Politik durchzusetzen versuchen: während Städte mit Fahrverboten für ältere Dieselfahrzeuge für bessere Luft sorgen wollen, plant die Bundesregierung ein Gesetz, um dieses zu verhindern, und nimmt dabei auch Verstöße gegen EU-Vorgaben in Kauf. Sie tut alles für die Automobilindustrie.

Aber die sozial-ökologische Transformation ist auf dem Weg, der Atem der anderen, der neuen Welt ist inzwischen unüberhörbar. „Wirklichkeit“, so sagte es einmal der Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hans-Peter Dürr, “ist keine starre Realität, sie ist voller Möglichkeiten – und sie ist in uns. Sie kann von uns geändert und neu gestaltet werden. Wenn wir alle diese offene Wirklichkeit als Vision haben, dann wird es uns gemeinsam auch gelingen, diese lebendigere Welt zu verwirklichen.“ Noch sind es nicht alle, noch gilt es, durch Beispiele und Überzeugungsarbeit ihre Zahl zu steigern. Die Evangelische Akademie Tutzing ist ein guter Ort dafür, ein Ort, an dem immer mehr Menschen für den sozial-ökologischen Wandel gewonnen werden – hier lässt sich das Atmen der neuen Welt besonders gut hören.

 

[1] Alfred Nobel hat die Ökonomie gehasst und hätte nie einem Preis mit seinem Namen für diese Disziplin zugestimmt. Der Preis wurde von der schwedischen Reichsbank als Alfred-Nobel-Gedächtnispreis“ eingeführt.

 

Bild: Adelheid Biesecker (Foto: isi-design.fotograf/oh)

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