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Klimawandel – die Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum kostet Freiheit und Glück

Die Wahlprogramme aller großen Parteien in Deutschland sind weit davon entfernt, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Warum bieten sie keine realistischen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels? Diese Frage beantwortet Studienleiterin Katharina Hirschbrunn in der aktuellen Ausgabe der Tutzinger Nachrichten unter der Rubrik “Wie ich es sehe”. Sie können den Text nun auch auf unserem Rotunde-Blog lesen.

 

Die Wahlprogramme aller großen Parteien sind weit davon entfernt, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Dabei sind die ersten starken Auswirkungen der Klimakatastrophe in den vergangenen Monaten auch in Deutschland deutlich geworden. Warum bieten die Parteien keine realistischen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels?

Grund dafür sind in meinen Augen maßgeblich die starke Ausrichtung auf die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes und die strukturelle Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum. Ein Großteil unseres Konsums ist heute nicht mehr das Stück Brot, von dem ich satt werde – und mein Bedürfnis stillt. Es handelt sich vielmehr um sogenannten Statuskonsum: Ein ewiger Wettlauf um das jeweils großartigste, neueste oder modernste Produkt, um der oder die „Erste“ zu sein. Diese Art von Bedürfnissen wird aber nie gestillt, sondern neu geschaffen sobald mein Nachbar das noch neuere Produkt hat. Die Definition meiner selbst über das Haben statt durch das einfache Sein wird noch angefeuert von Werbung, welche Freiheit, Glück oder Freundschaft eng mit Konsum verknüpft.

Dabei haben Glücksforscher:innen gezeigt: Das Glück von Gesellschaften steigt mit dem Bruttoinlandsprodukt zwar an, aber nur bis zu einer gewissen Grenze – die hat Deutschland schon lange überschritten. Weiteres Wachstum bringt Gesellschaften dann nicht mehr Glück; es ist Ausdruck eines kollektiven Sich-Hochschaukelns im Konsum. Und zugleich: Spiegel dessen, dass Menschen eben nicht der “Homo Oeconomicus” sind, den die Volkswirtschaftslehre nach wie vor den meisten ihrer Modelle zugrunde legt: wohlinformierte, rational handelnde Akteur:innen. Menschen überschätzen insbesondere den Zugewinn an Glück, den etwa ein größeres Auto oder eine größere Wohnung langfristig bringen. An solche Dinge gewöhnen sie sich schneller als sie denken. An andere Dinge gewöhnen sie sich hingegen nicht. Etwa an die Zeit, die sie mit Familie und Freunden verbringen. Die Auswirkung: Jede:r Einzelne entscheidet sich für irrational viel Arbeit und Konsum. Reichtum etwa an Zeit hingegen wird strukturell unterschätzt. Tragisch ist die weitere Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum deshalb, weil sie durch den Klimawandel unsere Kinder wie auch die Menschen im globalen Süden massiv ihrer Freiheiten beraubt. Weil wir die erste Generation sind, die die Zusammenhänge des Klimawandels begreift, und auch die letzte Generation sind, die ihn auf ein irgend erträgliches Maß beschränken kann.

Der Glaube daran, dass technologische Innovationen uns in letzter Sekunde retten ist: ein Glaube. Bisher ist die absolute Entkoppelung von Wachstum und Umweltverbrauch bzw. Emissionen nur in einzelnen Teilbereichen geglückt. Ansonsten ist der Rebound-Effekt zu beobachten: Wenn etwa Autos ökologischer und effizienter gebaut werden, dann leisten sich viele Menschen schwerere Autos, fahren mehr – und der ökologische Effekt wird zu großen Teilen zunichte gemacht oder gar überkompensiert. Der Weg hin zu einer sozial gerechten, ökologisch nachhaltigen Gesellschaft impliziert also eine Neudefinition dessen, was gesellschaftlicher Wohlstand heute bedeuten kann, und wie diese Ziele innerhalb der ökologischen Grenzen und auch unabhängig von Wirtschaftswachstum erreicht werden können. Der Weg dorthin geht über eine Stärkung der Demokratie. Durch Wahlrecht für Jugendliche, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sein werden. Durch das Einsetzen von Bürger:innenräte, bei denen sich zufällig ausgewählte Menschen in Frankreich und Deutschland tagelang über die wirklichen Probleme der Menschen an der Basis austauschten und schließlich zu ganz anderen und deutlich stärkeren klimapolitischen Forderungen kamen als sonst in der Politik vertreten. Der Weg hin zu echter Nachhaltigkeit führt auch über die Regulierung von Lobbyismus. Denn auch vielen Unternehmen ist klar: Deutschland muss beim Klimaschutz deutlich entschiedener vorangehen. Doch Pfadabhängigkeiten wie der massive Einfluss von Großkonzernen – etwa in der Energiewirtschaft oder im Automobilbereich – blockieren die anstehende Transformation hin zu innovativen, dabei auch kleinteiligeren oder genossenschaftlichen Lösungen. Helfen könnte dabei auch eine Demokratisierung betrieblicher Strukturen durch paritätische Mitbestimmung, oder auch durch Ombudsleute für zukünftige Generationen und für Ökologie.

Klar ist: Strukturwandel darf nicht verschleppt, sondern sollte frühzeitig gefördert werden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. In Umfragen sagte die Mehrheit der Deutschen schon vor Jahren, dass sie sich persönlich von weiterem Wirtschaftswachstum keine Verbesserung ihrer Lebensqualität erwarten – dass aber das System eben davon abhänge. Konsequenterweise müssten also alle gesellschaftlichen Bereiche vom Wachstum unabhängig gestaltet werden – etwa Rente, Arbeitsmarkt und Steuersystem. Maßnahmen wären etwa eine starke Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitig starker finanzieller Umverteilung, oder aber ein eher zu hohes denn zu niedriges Grundeinkommen, welches wertschätzt, dass vieles der gesellschaftlich so wichtigen Arbeit eben nicht oder deutlich zu gering entlohnt wird. Und ausdrückt, dass es in Zukunft vielleicht weniger Konsumgüter braucht, aber mehr Zeit für Pflege und Erziehung, für den ökologischen Rück- und Umbau oder etwa für ehrenamtliche Renaturierungs- und Wiederaufforstungsprojekte. Verteilungsfragen sind dabei zentral – weil sich ökologische Kostenwahrheit in höheren Preisen spiegeln wird und finanziell schwache Haushalte und Kinder davon massiv betroffen sein werden. Weil Ökologie ohne Gerechtigkeit Menschen alleine lässt und zu Radikalismus führt. Aber auch, weil ohnehin nicht zu rechtfertigen ist, dass in reichen Gesellschaften Menschen von Armut bedroht sind.

Dass Menschen eng verbunden, interdependent sind, hat nicht erst Corona gezeigt. Schon vor Jahren haben die Epidemiolog:innen Kate Pickett und Richard Wilkinson durch das Zusammentragen von Dutzenden empirischen Studien gezeigt: In gleicheren Industrienationen haben auch reiche Menschen deutlich weniger gesundheitliche und soziale Probleme als in ungleicheren. Letztlich können wir uns persönlich und als Gesellschaft also wieder aufs Neue fragen: “Was ist der Sinn des Lebens?”. Selten reut Menschen auf dem Sterbebett, sie hätten härter arbeiten sollen, um mehr Geld anzuhäufen. Um klar zu sehen hilft mir persönlich der Weg nach innen und nach außen: Der Weg nach innen, um in der Stille zu spüren, was die Essenz ist. Und nach außen: Um nicht nur das Hier und Heute zu sehen, sondern den Blick global zu weiten, und über die Zeit hin. Neben einem Baum zu sitzen und daran zu denken, dass die Irokesen ihre Entscheidungen mit Blick auf die kommenden sieben Generationen fällten.

 

Katharina Hirschbrunn

 

Hinweis: Vorliegender Text ist ursprünglich in den “Tutzinger Nachrichten” erschienen. Hier können Sie die November-Ausgabe abrufen.

 

Bild: Plakat auf der Klimastreik-Demo (Foto: Manuela Schneider / EKBO)

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