Himmel & Erde

Kein Heiliges ohne Gewalt?

Wie klagen, weinen, aushalten, widerstehen? IS oder ISIS, sogenannte ‚fromme Menschen’ morden im Namen ihres Gottes skrupellos Menschen, die anders sind. Ob islamische Gotteseiferer, afrikanische Christmilizen, faschistische Hindunationalisten oder buddhistische Mönchterroristen – den erwählten Radikalen ist die Auslöschung der verworfenen ‚Feinde Gottes’ pure Heilstat.
Wie das? Fangen nicht z.B. in unserer Kindheit die sog. ‚Liebes-Religionen’ nahezu arglos an? „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin’ wohnen als du mein liebes Jesulein“. Oder: “Himmelsvater mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm”? Mitunter lasen wir parallel zur Bibel(stunde) 50, 60 Bände Karl May. Darunter Klassiker, glamourös verfilmt, wie „Durchs wilde Kurdistan“ oder „Von Bagdad nach Stanbul“, und fühlten uns dank Lex Barker wie zuvor bei Winnetou als Old Shatterhand nun als Kara Ben Nemsi.

Aktuell ist ‚Kurdistan’ der Schauplatz von Verfolgung und Abschlachten von Menschen, die der totalitären Heilsordnung nicht entsprechen. Der transzendentale Narzissmus der IS-Mörder hat ja kein hermeneutisches Problem: Im ‚Mord als Gottesdienst’ (Friedrich Wilhelm Graf bestens in der FAZ vom 7.8.14) fallen Offenbarung und Gewaltrausch, Schriftkanon und Jetztzeit in eins. Das vermeintlich direkt von Gott ermächtigte Ich tobt seinen Allmachtsrausch an den Mitmenschen aus. Bildet also der (patriarchale?) Monismus, der eifersüchtige Mono-Gott den Keim der Gewalt? Oder kommt das Mono aus dem Clan, unvordenklichen Hyperloyalitäten, die man mit der Muttermilch aufsaugt? Also ein vorsprachliches, vorreflexives, vorreligiöses Quasi-Gesetz schon in der ursprungsfamiliären Binnen-Sozialisation von Mama und Papa zum Klon andächtigen Gehorsams reproduziert zu werden? Totale Anpassung schon bei den Kleinen lässt sich dann trefflich auch noch religiös überformen. Aus der immer schon ritualisierten Selbstverständlichkeit familiärer Autoritäten wird dann das Einssein mit dem himmlischen Vater bzw. der Gottesmutter.

Aber vielleicht ist das zu psychologisch. Immerhin wird aus noch so zartfühlend aufsprechender Religion immer wieder grausame Politik. „Das Heilige wird zuerst an der Schleifspur der Gewalt erkannt“ (Walter Benjamin). Religion erscheint also primär nicht als Förderung der Sozialität, als moralische Ressource friedlicher Koexistenz der Verschiedenen oder als solidarisierende Funktion der Gesellschaft. Vielmehr setzen die selbsterwählten JüngerInnen die apokalyptischen Potenziale ihrer Religionssymbole unmittelbar zur Vernichtung der Anderen um. Woher sie nur die Waffen kriegen? Doch wie hält man die Kreuzzüge der wahnhaft eingebildeten Intimität mit Gott auf? Wie schaut der Widerstand gegen diese explosive theokratische Entgrenzung ansonsten mickriger Ichs aus? Sie werden ja der Einladung ins Proseminar nicht folgen.

Es scheint, dass der Dualismus Erwählung/Verdammung, Gut/Böse, Gläubig/Ungläubig, Diesseits/Jenseits usw. den Keim des methodischen Nihilismus nährt: mein Himmel fordert die Hölle für den Andern. Die frommen Teufel scheren sich einen Kehricht um den ‚Gott der Liebe’. Wenn sie ‚ihr Gericht’ wenigstens ‚ihrem Gott’ am Ende aller Zeiten überlassen würden. Aber vielleicht gehören zu ihrem Morden auch noch himmlische Treueprämien hienieden unerreichbarer Jungfrauen.

Im Studium an der Alten Burse zu Tübingen, wo vor Jahrzehnten noch MSGler (marxistische Studentengruppe) mit dem ‚Pietkong’ (Pietisten etwa aus dem Stift oder Bengelhaus) stritten, war der Hölderlinturm immer wieder verschmiert: „Hölderlin isch edd verruggd gwäh!“ Ja, der Hölderlin war ein kluger Kopf. Im Stift oben erlitt er die ‚Gemeinschaft als Terror’. Im Bulanger, seinem Stammwirtshaus, erlebte er die ‚heitere Geselligkeit der freien Freunde als Nähe vom leutseligen Gott’. Damals erwischte ich durch Zufall ein Gedicht der von männlichen Theologen bisweilen verächtlich ‚dat Meisje Sölle’ genannten, großen Theologin Dorothee Sölle: „Meine junge Tochter fragt mich / Griechisch lernen, wozu? / Sympathein, sage ich – eine menschliche Fähigkeit, die Tieren und Maschinen abgeht / Lerne konjugieren / Noch ist Griechisch nicht verboten.“ Ja, wir müssen griechisch lernen, auswendig den Andern hersagen, ‚par coeur’.

Denn “ein Mensch ist empfindlich wie jeder andere auch” (Achternbusch). Dies gefühlte Wissen der Körper ist das verbindende Gemeinsame noch der fremdesten konkurrierenden Akteure. Com-Passion – wie lernt man sie, damit man nicht frommer Söldner des Tötens wird? Wenn das mit den Religionen nicht geht, dann eben, damit aus Ergebung auch Widerstand wird ‚etsi deus non daretur’ (Bonhoeffer), ganz profan. Fragile Zivilität muss die Kraft zum ‚schwachen Denken’ haben, zum ‚pensiero debole’ (Gianni Vattimo): ohne Absolutheitsanspruch, Offenbarungsemphase; oder Naturrecht anders zu l(i)eben, eigen wie anders zu sein – poly, pluri, multi statt mono: ohne Gewalt. Vielleicht ist das das letzte, uralte Geheimnis der Christologie, der Menschwerdung Gottes, Allmacht in Liebe zu formen: die Kunde vom opferlosen Stand. Was himmeln wir an? Macht es uns auch menschlich? Und doch: homo homini lupus – ‚wer sich zum Lamm macht, lockt die Wölfe’. Gegen die Mörder im ‚wilden Kurdistan’ werden nur Waffen helfen.

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