Gen Z, wer seid Ihr? Kirche spricht viele Generationen an, von den ganz Jungen bis hin zu denen, die ihr Leben fast schon hinter sich haben. Die Kunst des Miteinanders liegt dabei im Zuhören – und das will gelernt, zumindest aber eingeübt sein. In diesem Essay schreibt Dorothea Grass über Spielregeln und Hindernisse in der generationsübergreifenden Kommunikation.
Von Dorothea Grass
„Ich mein’ honestly …”, lässt der junge Mann schräg gegenüber im Zug fallen. Er ist etwa Anfang zwanzig, trägt Schnauzbart, Mullet-Frisur und eine dünne Goldrandbrille. Schon seit einer Weile höre ich ihm unfreiwillig zu. Dabei ist mir nicht entgangen, dass „honestly” eines seiner Lieblingswörter zu sein scheint. Der Gen-Z-Mann erzählt seinem etwa gleichaltrigen Bekannten auf dem Nebensitz von seinen Wochenenderlebnissen, seiner Ernährungsumstellung, alten Freunden, und welche Musik er gerade gut findet. Ich muss zuhören.
Der Frau gegenüber scheint es ähnlich zu gehen, und es entspinnt sich ein kleines Generationenspiel. Zwei Frauen zwischen Ende vierzig und Mitte sechzig spitzen die Ohren und amüsieren sich, wechseln ab und zu Blicke und müssen aufpassen, dass sie sich nicht ausgerechnet dann ansehen, wenn wieder ein Gen-Z-Codewort fällt, was bei den Gen-X- oder auch Boomer-Frauen ein augenblickliches Zucken im Mundwinkel verursacht.
Honestly. Schon wieder. Bloß nicht der Frau in die Augen gucken! Bloß nicht loslachen jetzt! Ich verlagere meinen Blick durch das Fenster nach draußen. Wiesen und Kühe sausen vorbei. Der Typ nebendran erinnert mich an den Comedian Hendrik von Bültzingslöwen, der auf Instagram unter anderem Hipster persifliert. In bauchfreiem Top, Jogginghose und Strickmütze schlendert er durch die Großstadt und feuert Gen-Z-Codes ab: 2 b honest, ihr Sigma Besties! Seid ihr heute etwa anders wild? For real? OMG. Sus! Zone out!
“Die Gen Z ist die erste Generation, die einen Wissensvorsprung hat”
Gleichzeitig denke ich: Mist. Ich werde nicht nur albern, sondern auch alt. Ich wurde 1977 geboren, im Jahr, als Elvis Presley starb und die RAF in Deutschland für Angst und Schrecken sorgte. Damit gehöre ich zur Generation X, die alle Geburtsjahrgänge zwischen 1965 und 1980 umfasst. Die Frau, die mir im Zug gegenübersitzt, ist, so schätze ich, der (Baby-)Boomer-Generation (1946-1964) zugehörig. Als Generation Y (why) wiederum werden diejenigen bezeichnet, die zwischen 1981 und 1995 auf die Welt kamen. Die „Gen Z” schließlich stieß in den Jahren 1996 bis 2012 dazu. Diejenigen, die zu ihr zählen, sind heute somit zwischen 13 und 29 Jahre alt.
Es sind die, die gerade erwachsen werden oder es schon sind, diejenigen, denen wir – außerhalb von Familie und Freundeskreis – vor allem im beruflichen Umfeld begegnen. Sie sind keine Kinder mehr, brauchen nicht mehr erzogen zu werden. Sie prägen längst unsere Arbeits- und Konsumwelt, das politische und gesellschaftliche Geschehen. Und zunehmend auch das Leben in der Kirche.
Wer seid ihr, Generation Z? Die Forschung hat gleich mehrere Namen gefunden: Z-ler, Generation Greta, Generation Snowflake, Generation Azubi oder Digital Natives 2.0. Begriffe wie diese versuchen die jungen Leute einzufangen, die nicht nur als Praktikantinnen und Praktikanten, sondern mittlerweile auch als Kollegen, Mitarbeitende und Menschen in Führungspositionen unsere Büros, Unternehmen, Flugzeugcockpits, Lehrerzimmer, Kantinen, Hausmeisterräume und Gemeindehäuser bevölkern, die Gottesdienste halten oder auch aus der Kirche austreten. Zwei große Merkmale hat das Institut für Generationenforschung ausgemacht: „Sie ist die kleinste Alterskohorte nach dem Zweiten Weltkrieg. Und die Gen Z ist die erste Generation, die einen Wissensvorsprung hat.” Die Älteren sind es, die von ihnen lernen können und müssen – vor allem, wenn es um die Digitalisierung geht.
Lernen und verstehen setzt zuhören voraus – und das fängt bei jedem selbst an. Jeder Mensch, der zuhört und versucht, Welt und Wirklichkeit einer anderen Person zu verstehen, tut das auf eine Weise, die zunächst einmal nur mit ihr selbst als der zuhörenden Person zu tun hat. Wem wir zuhören, was wir dann hören (oder nicht hören) und wie wir Dinge erkennen, einordnen, bewerten oder auch darauf reagieren, hat mit den eigenen Prägungen und Erfahrungen zu tun.
So führt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen einen Begriff der Soziologin Arlie Hochschild ins Feld: die Tiefengeschichte. „Eine emotional eingefärbte Matrix aus Erfahrung und Erkenntnis, ein subjektives Prisma aus Hoffnung und Sehnsucht, Verbitterung und Scham, die jeder Mensch mit sich herumträgt und die darüber entscheidet, was wir für real und für möglich halten und was wir uns vorstellen können und was nicht.”
Wenn immer mehr Menschen sprechen, bedeutet das nicht, dass auch immer mehr Menschen zuhören
„Wir hören, was wir fühlen”, sagt Pörksen. Damit meint er sowohl die eigenen Gefühle über das bisher Erlebte als auch den Raum, den diese Gefühle für neue Eindrücke schaffen – als „Resonanzraum”. Umgangssprachlich sprechen wir auch von „Antennen bilden”. Ohne Antenne kein Empfang.
Pörksen unterscheidet das „Ich-Ohr” und das „Du-Ohr”. Ersteres lenkt die Aufmerksamkeit entlang der eigenen Wahrnehmung, der „Agenda des Ich”. Wer mit dem Ich-Ohr hört, bleibt bei sich selbst. Der Schlüssel liegt nun darin, sich selbst zu vergessen – soweit das überhaupt möglich ist.
Das Zuhören mit dem „Du-Ohr” hat dann zum Ziel, die eigenen Wahrnehmungsfilter abzulegen, sich komplett zu öffnen und in die Welt des Anderen zu begeben. „Erkenne das Andere als Anderes – in seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken”, formuliert Pörksen diese Form des Zuhörens als möglichen Imperativ.
Und noch etwas Weiteres kommt hinzu, was das Zuhören zu einer neuen Herausforderung macht: eine völlig veränderte Kommunikationswelt. In Zeiten von Smartphones und sozialen Netzwerken kann jeder und jede zum Sender werden. Das Paradoxe aber ist: Wenn immer mehr Menschen sprechen, bedeutet das nicht, dass auch immer mehr Menschen zuhören. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein – und der Frust darüber groß. „Warum hört mir eigentlich niemand zu?”, ist ein oftmals geäußerter Vorwurf. Zu viele „Sender” senden gleichzeitig zu viele völlig unterschiedliche Informationen. Was sich durchsetzt in diesem Informationsrausch muss grell sein, auffallen, polarisieren.
Von dem Soziologen und Anthropologen Erving Goffman stammt das Konzept der Rahmen-Analyse, die als Werkzeug dienen kann, um alltägliche gesellschaftliche Erfahrungen zu dechiffrieren. Grob gesagt bedeutet sie, dass wir unsere Umwelt nicht objektiv wahrnehmen, strukturieren und bewältigen, sondern durch den kulturell gelernten Rahmen, in dem das Erleben stattfindet. Und: Die Menschen verhalten sich der Rolle entsprechend, die ihnen dieser unsichtbare Deutungsrahmen vorgibt.
Das Wissen hierüber ist auch im Verständnis zwischen Generationen wertvoll. Sich der eigenen Rolle und des jeweiligen Rahmens bewusst zu werden, kann helfen, zu verstehen, was die andere Person meint. Es hilft auch, Transparenz zu schaffen über eigene Motive und Beweggründe; sich dem Gegenüber öffnen, um zuhören zu können.
Das sollte sich machen lassen, im Beruflichen und Privaten, in der Politik und eben in der Kirche. Schließlich sind zuhören können und verstehen wesentliche Bestandteile ihrer DNA.
Hinweis: Vorliegender Essay entstammt dem Jahresbericht 2024/2025 der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der im Dezember 2025 erschienen ist. Der Jahresbericht ist unter diesem Link abrufbar.
Über die Autorin:
Dorothea Grass absolvierte den deutsch-französischen Studiengang Europäische Medienkultur in Weimar und Lyon und schloss ihn als Diplom-Kulturwissenschaftlerin (Medien) sowie mit einer Maîtrise in Informations- und Kommunikationswissenschaften ab. Sie arbeitete als Journalistin für Print, Online und Hörfunk sowie als Moderatorin für Veranstaltungen bis sie 2018 an die Evangelische Akademie Tutzing kam. Dort verantwortet sie das Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und leitet darüber hinaus Veranstaltungen im Bereich Medien und Kultur. Für die Akademie podcastet sie auch: „Seefunken“ heißt der Podcast, der sowohl Interviews abbildet als auch Reden und Debatten aus dem Themenspektrum der Akademie.
Bild: Dorothea Grass im Park der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: Wunderlich / eat archiv)

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