Künstliche Intelligenz prägt längst, was wir essen, kochen und für gesund halten. Algorithmen ordnen Wissen, Empfehlungen und Geschmack vom Acker bis zum Teller. Doch während KI in vielen Bereichen intensiv diskutiert wird, bleibt die Esskultur ein blinder Fleck. Warum das gefährlich ist und warum wir dringend darüber sprechen müssen.
Von Hendrik Haase
Essen gehört zu den konstantesten kulturellen Praktiken unseres Alltags. Es strukturiert Tage, Familien, soziale Beziehungen. Es ist körperlich, sinnlich, emotional. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren etwas Grundlegendes verschoben, das bislang kaum öffentlich verhandelt wird.
Wer heute nach Rezepten sucht, nach Ernährungstipps oder nach Orientierung im Dschungel aus Food-Trends und Ernährungsstilen, greift immer seltener zum Kochbuch und fast selbstverständlich zum Smartphone. Auf Social-Media-Plattformen, in Suchmaschinen und Apps entscheiden Algorithmen darüber, welche Inhalte sichtbar werden, welche Gerichte im Trend liegen, welche Empfehlungen als relevant gelten. Diese Systeme lernen aus Nutzerverhalten, aus Klicks, Likes und Verweildauer. Sie filtern, ordnen und gewichten. Für die meisten passiert das völlig unbemerkt.
Künstliche Intelligenz ist dabei in der Lebensmittelwelt längst kein Zukunftsthema mehr. Sie ist omnipräsent vom Acker bis zum Teller. In der Landwirtschaft, in der Verarbeitung, in der Produktentwicklung, im Handel, im Marketing und in unseren privaten Küchen. Nicht jeder besitzt einen smarten Kühlschrank oder einen vernetzten Küchenmixer, aber fast jeder trägt ein Gerät bei sich, über das Algorithmen täglich Einfluss auf unsere Essentscheidungen nehmen.
Warum die kulturelle Debatte ausbleibt
Auffällig ist, wie wenig darüber gesprochen wird, was das kulturell bedeutet. In anderen Bereichen ist die Debatte weiter. In der Kunst geht es um Urheberschaft, in der Mobilität um Sicherheit, in der Arbeitswelt um Kontrolle und Macht. In der Esskultur hingegen bleibt die Diskussion erstaunlich leise und das obwohl Ernährung jeden Menschen täglich betrifft und tief in Fragen von Gesundheit, Körperbildern und Identität eingreift.
Diese Leerstelle ist problematisch. Denn KI wird häufig als neutrales Werkzeug oder gar als Naturgewalt dargestellt, als etwas Unausweichliches, dem man sich nur schnellstmöglich anpassen kann. Aus der Quelle vieler Apps und Anwendungen, dem Silicon Valley, stammen dabei philosophische und ethische Erzählungen, die den Menschen auf eine unzureichende Maschine reduzieren: optimierbar, berechenbar, ersetzbar. KI erscheint darin als überlegene Instanz, der sich die menschliche Erfahrung unterzuordnen habe.
Esskultur unter algorithmischer Deutungshoheit
Gerade in der Esskultur ist das gefährlich. Essen ist mehr als Nährstoffzufuhr, mehr als Effizienz und Personalisierung. Es ist Teil der menschlich-organischen Welt, geprägt von Erfahrung, Tradition, sozialem Lernen und Sinnlichkeit. Wenn selbstlernende Algorithmen beginnen, Ernährungswissen zu strukturieren, Rezepte zu priorisieren oder Essverhalten zu normieren und Genießer:innen in Filterblasen zu (ent-)führen, dann geht es um Deutungshoheit und um die Frage, welches Wissen zählt, welches verschwindet und wer die Kontrolle über diese Entscheidungen hat.
Hinzu kommt eine politische Schieflage. Während KI in vielen Bereichen regulatorisch und ethisch diskutiert wird, bleiben Landwirtschaft und Ernährung oft außen vor. In zentralen politischen Papieren, in ethischen Grundsatzdebatten und in europäischen Regulierungsprozessen tauchen sie kaum auf. Das steht in einem eklatanten Missverhältnis zur gesellschaftlichen Bedeutung unserer Ernährung. Essen ist kein Spezialthema. Was hier auf dem Spiel steht ist die tägliche Lebensmittelgrundlage einer gesamten Gesellschaft.
Gleichzeitig zeigen Nutzungszahlen, wie tief KI bereits in den Alltag eingreift. Millionen Menschen wenden sich täglich mit Fragen zu Gesundheit, Fitness, Kochen und Ernährung an Chatbots. Algorithmisch gesteuerte Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram verändern nachweislich Einkaufs- und Kochverhalten. Unternehmen bewerben KI offensiv als Kochhilfe und Ernährungsbegleiter. Zugleich warnen wissenschaftliche Studien vor fehlerhaften, teils gefährlichen Empfehlungen. Auch hier bleibt die Diskussion oft technisch statt kulturell und politisch.
Das alles spricht nicht gegen den Einsatz von KI in der Lebensmittelwelt. Im Gegenteil: Algorithmen können Effizienz steigern, Ressourcen sparen, Prozesse transparenter und nachhaltiger gestalten. Aber genau deshalb ist ein demokratischer Gestaltungsprozess notwendig. Technologie ist menschengemacht. Sie basiert auf Daten, Annahmen, Zielvorstellungen und Werturteilen. Wenn diese nicht offengelegt und diskutiert werden, verselbstständigt sich Technologie und läuft Gefahr, gegen das zu wirken, was sie eigentlich verbessern soll.
Ein Denkauftrag an Gesellschaft und Politik
Was fehlt, ist eine breitere gesellschaftliche Perspektive. Eine Debatte, die Esskultur nicht auf Effizienz oder Optimierung reduziert, sondern als kulturelles Gefüge ernst nimmt. Eine Diskussion auf Meta-Ebene, die nicht nur fragt, was technisch möglich ist, sondern wofür KI eingesetzt werden soll – und wofür nicht. Und ein interdisziplinärer Ansatz, der Landwirtschaft, Ernährungswissenschaft, Kultur, Ethik und Politik zusammenbringt, statt sie in ihren jeweiligen Containern zu belassen.
Politik und Gesellschaft müssen sich dieser Entwicklung stellen. Es braucht Transparenz über Daten und Funktionsweisen, klare Regeln für den Einsatz von KI in der Lebensmittelwelt und eine aufgeklärte Auseinandersetzung mit ihren kulturellen Folgen. Nicht laut, nicht hysterisch, nicht technikfeindlich sondern ruhig, kritisch und verantwortungsvoll. Denn wenn Algorithmen beginnen, unser Essen zu verändern, geht es um mehr als Technologie. Es geht um die Frage, wie wir unsere Esskultur in Zukunft gestalten wollen.
Über den Autor:
Hendrik Haase ist Publizist, Autor und Berater an der Schnittstelle von Ernährung, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den kulturellen, ethischen und kommunikativen Folgen technologischer Entwicklungen in der Lebensmittelwelt, insbesondere mit dem Einfluss Künstlicher Intelligenz auf Esskultur, Ernährung und öffentliche Debatten. Als Vortragsredner, Moderator und Autor arbeitet er für Medien, Institutionen und Unternehmen. Er lebt und arbeitet in Andechs am Ammersee.
Hinweis:
Vom 2.-3. März 2026 lädt die Evangelische Akademie Tutzing ein zur Tagung “Künstliche Kulinarische Intelligenz” – in Kooperation mit dem Zentrum Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) der LMU München, Dr. Stephan Schleissing und Hendrik Haase. Weitere Informationen zum Ablauf und zur Anmeldung finden Sie hier.

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