Himmel & Erde

Gedanken zum Karneval

„Krieg, Revolution, Verworrenheit, dumpfes Dröhnen und Beben – während sie in den Seelen unseres Zeitalters wühlen, was soll da die Geschichte des Mummenschanzes? Hat Fasching das Geringste mit Schicksal zu tun? Wozu dient Zergliedern gewesenen Lachens? Aber wenn eben dies Lachen Krieg, Revolution, alles Wühlende war? Ganz etwas anderes als das Redouten-Amüsement oder auch der Bocksprung der Saturnalien-Saatzeit! Wenn grässlicher fast noch, und erhebender auch, Karneval des Schicksals Zerreißer gewesen von Glücken, Ordnungen, Ruhen! Ja, in ihm vernahmen sich herzklopfend, herzbrechend die Pulse unserer gründigsten Flut; aufschwoll der Ozean unter dem Kahn unserer Brust; sprengte die gesicherten Schollen der Dinghaftigkeit, verwälzte die schöne Oberfläche des Daseins, riß Dämme nieder, aufstaute neue, riß durch Felsen des Glaubens den Stromschwall der Geschichte, und schleuderte aus letzter unerbittlicher Not die Seelen in Seelenangst über ihre Welt auf. Ein Kriseln geht durch unsere schüttere Zeit. … unser ganzer Zustand scheint aufbrechen zu wollen. Sind wir eine Geburt? Sind wir ein Geschwür? …Wir ersticken im Druck. … Revolution pocht ans Tor. Und doch …, wir wollen nicht leiden, aus uns selbst gesprengt werden … . Das Erdseebeben des Karnevals mag uns weisen, auf welch vulkanischem Boden wir stehen … Legen wir unser Ohr auf den Boden: wir werden aus dem Rauschen des Leidenschaft-Glut-Stroms einen Stoß, einen Kampf, einen Aufschrei vernehmen – ein grässliches Lachen: den Durchbruch des menschlichen Hohngelächters. … Aus wie viel Elementen Karneval zusammenge-setzt ist: Kostüm, Maske, Trink- und Liebesorgien, Tanz, Umzug, Narrenschiff, Narrenzunft, Narren-König, Schellenmütze, Pritsche, Lärmmusik, Konfetti, Püffe, verkehrte Welt … : wir dürfen davon ausgehen, dass das Hohngelächter des Karnevals Urwesenzug ist. Soll doch … das romanische Wort ‚maschera’ (… Maske …) das über Sizilien eingedrungene arabische ‚maskara’ sein, das seinerseits bedeute: 1. verkleidete Person, 2. Verspottung. … Fopperei und Spott … das Schalklachen. … oft grimmiger Hohn. Gegen den Teufel oder gegen die Geistlichkeit zum Beispiel. … Hohngelächter der Hölle. Wie gut klang das Lachen der Tierheit zuletzt! … der redende, singende Mensch lässt das Lächeln laut tönen in das Anlachen lustiger Spiel-Kameradschaft, die des Kinderglücks des friedlichen Lärmens sich freut und arglos dem Kindermut des Staunens vor dem fremden aus-platzend-schallenden Ausdruck freigibt. … Geifer des Aus- und Verlachens, die Geste des Nicht-Beißen-Wol-lens, .. zu bleckendem Beißen in der Luft … – welche Revolution, welche Korruption muß in der Menschennatur vorgegangen sein? Wer hat dies grelle Lachen gereizt? Wer hat den Menschen so misshandelt und ist ihm dabei so unfassbar gewesen, so unzerreißbar, dass der Mensch seine unschuldige Heiterkeit in diese teuflische Lache überschlug? Der Gott – Karneval ist ein Stück Religion-Geschichte, das Karneval-Lachen die erste Blasphemie. … . Nicht weit von Babilu, der ‚Pforte Gottes’ …; … Masken, Tänze, Spiele spielen nicht verkehrte Welt. Der freche Ulk wohnt am Sitz der Heiligkeit, die Wiege der Tollheit steht im Hause der Weisheit. … Eufratland …, der einzige Kultur-Herd seiner Zeit -; dass der römische Karneval babylonischer Religion sei …, die religiöse Geheim-Religion, … Karneval ein Fest der Gestirn-Religion. Ihr Neujahr-Fest: an dem der neue Kalender he-rauskam und die Konstellation sich für ein Jahr veränderte. Diese Veränderung der himmlischen Mächte ist’s, die sich widerspiegelt in einer Veränderung der irdischen: im karnevalistischen Rollentausch. Was der Himmel befiehlt, hat auf Erden zu geschehen: – in diesen kategorischen Imperativ mündet die praktische Vernunft in ihrer ersten Periode. Denn der Logos trat seinen Siegeszug an als Astrologos; die astrale Religion, die den Karneval erzeugt hat, ist die Vernunft-Religion, die Religion der vernünftigen Ordnung. … Welt-Bild …, Denk-Tat. … Eine Geisteskonzentration von überwältigender Wucht. … ein Universum … der Menschheit … so fest aufge-mauert, so lückenlos gefugt … Und auch die Hunderttausende, die vom Himmel nichts mehr wissen wollen, wollen doch noch etwas ‚über’ sich, und wäre es bloß ein Glücks-Ideal, zu dem sie ‚aufsehn’. … Wir bedürfen dieser Bewunderung vor der systematischen Gesetzlichkeit sowohl zum Verständnis wie zum Befremden vor der gesetzlichen Gesetzlosigkeit: vor dem Karneval. Die Tollheit bellt wider das Gesetz der Vernunft, aber die Vernunft denkt auch der Tollheit einen Platz im System aus. … gibt dem Karneval einen Platz im Kalender, der Gesetzbruch muß ihren Rechenbruch decken; das ist die Logik der Astrologik … Karneval deckt die Schaltzeit…. Karneval ist nicht der Moment des Jahreswechsels, keine Sylvester-Mitternacht … Karneval ist eine Pause, das Interregnum zwischen Thron-Entsagung und Thron-Besteigung… ist daher eine Prozession, ein Umzug … ; der Korso war das Abbild der Bahn der Gestirne. … . Aber betrachten wir noch, welche Züge des astrono-mischen Welt-Bilds. … Wir mögen anknüpfen an eine Wort-Erklärung von Karneval, … von ‚carne vale!’, (‚Fleisch, leb’ wohl!’ oder ‚carni levamen’ (‚Fleisches Erleichterung’) … Le carneval sei der car naval, der Schiffwagen, wie er heute noch im Karnevalszug fährt. … Der Himmel wird das Urbild, die Erde das Abbild. … Die Ur-Zeit stand auf, als die Vernünftigkeit wegfiel. … noch unser Karneval mit absichtlicher Missmusik, wirft Konfetti und schreit gegen die Larven: Sie ammazzato! Und so wild wie die Angst war, so will der Freuden-Jubel, wenn das Gestirn heil durchkommt, wenn endlich, endlich, das glückliche Schiff aus der nächtigen Tiefe auf das Feste hochkommt! … Der Prinz Karneval ist der älteste aller Präsidenten auf Zeit. …. Er trank, er betrank sich, bis die Sorgen von ihm fielen … : da ließ er Gott, da ließ er den Fehl-Gott einen guten Mann sein; da ersäufte er die Angst unter Spott und Gelächter. … Karneval …, der Wille zum Rausch?… Dionysos-Fest … ? … das Rasen entbrannte in zeitlichen Zyklen; der Hohn auf Menschlichkeit brach sich als Karneval Bahn. … Durch das Kalender-Loch der Unordnung brach der Triumphzug des Dramas der Außerordentlichen.“

Sorry, so beginnt, ja, anstrengend, fremd, und doch voll Furor, Florens Christian Rang seine Historische Psychologie des Karnevals. 1909 war das, in eben welchem Jahr ein anderes Manifest zum Rausch erschien, das Futuristische von Marinetti, vom Rausch der Geschwindigkeit. Was wissen wir noch davon, wenn heute am 11.11. um 11 Uhr 11 der Fasching ausgerufen wird? Diese Parallelschaltung einstiger Saturnalien zum kirchlichen Kalender? Wo bald der Advent beginnt, zur Weihnachtszeit ebenfalls mit einem besonderen Gestirn, dem Stern von Bethlehem wiederum eine Revolution feiert: die Menschwerdung Gottes, die Umkehrung aller Werte, den radikalen Umbruch, dass Gott Mensch wird, wie es dann gesungen wird Lobt Gott ihr Christen alle gleich, ‚Gott wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein’, lat. commercium admirabile, wundersame Verwandlung. Grad so, so der Pfarrer Rang, sei auch der Karneval ein Umsturz, eine Revolution, eine Anarchie, wie er auf 50 Seiten schreibt, aber eine kontrollierte Rebellion, wo die terminierten Ekstasen nach Vorschrift eine Entlastung, eine Entladung des sonst gequälten im nun rauschigen Fleisch zu feiern ist: Menschheilgottprinzip nennt er den kollektiven Ausnahmezustand, dies ‚Theater Agon’. Und darf da nicht bis heute jeder Kleine seinen großen Chef duzen? Wenigstens bis Faschings-Dienstag-Mitternacht? Darf da nicht den Maschkerern die Lust aus dem fleischernen Balg tropfen wie das Holundermus aus dem Faschingskrapfen? Darf sich da nicht jeder betrinken, bis es im narrischen Gelall‘ keine Klassen, Schichten, Hierarchien mehr gibt, weil spätestens beim Schbeim das Menschliche allzumenschlich ist? Dürfen, ja müssen in der Fasnet nicht all die Drangsalierer verhauen werden wie die Puppen? Jaaa, der Karneval, eine Pause, ein break, eine Auszeit von der Fron des Nützlichseins und Funktionierens. Ein Circus, wo die Konstellationen das Ordentliche umdrehen, bis das Außerordentliche triumphiert, feriae, die Ferien den Alltagstrott sprengen. Bis die Passionszeit anbricht, wenn die Asche vom ver-brannten Faschingsprinzen am Aschermittwoch auskühlt? Carne vale!

Und wir heute? Herrscht nicht immer Karneval, Oktoberfest ganzjährig? Revolution? Eher Narkotikum, Betäubung durch Dauertrallallaa. Einen Schwips ja, derbe Witze, verklemmtes Gegransche, nun denn. Aber die Ordnung verändern, ins Außerordentliche umstülpen, umschlagen? Igitt. Doch auch in uns Disziplinierten sind der Rausch der Zeugung und der Taumel der Zerstörung, sind in uns ‚vernünftigen Tieren’, animal rationale, nah beisammen. Was bricht aus? Hohngelächter dem Inhumanen, Spott dem dumpfen Schicksal? Oder Gebrüll beim Schicksalspielen, Hohn dem Humanum? Am 9. November 1938 war die sog. Reichskristallnacht. Auch ein Ausnahmezustand, Barbarei war zum Gesetz wieder das Recht erhoben worden. Ein ‚Menschunheilsführerprinzip’ – trunken vor Haß die Schergen, mehr als 1300 Todesopfer, mehr als 30000 jüdische Männer kamen in Konzentrationslager. Man muss mit der Axt der Vernunft ins Dickickt des Wahnsinns eindringen, so Walter Benjamin.

Ein Drittes: in meiner Nürnberger Kindheit im 20. Jahrhundert ist am 11.11. zunächst mal nicht Fasching, sondern der sog. Pelzmärtel, ‚fränggisch Bulzermärtel’. Ein evangelischer Brauch dem katholischen St. Martin am 6. Dezember ähnlich. „Bulzermärtel bumbumbum, läffsd mit deiner Trummel rum, steckst die Kinder in dein Sack, schreiens alla quackquack-quack“. Die Angst vor‘m rotweiß-verkleideten Nikolaus und seiner bzw. seines Knechtes Ru-te wurde frech im Kinderspiel (wir tretzten abends draußen frech die Bulzermärtel mit dem Lied und sausten, die Hosen voll Angst, davon, wenn sie uns nachstellten) überformt – zuhause schlug dann die Magie des maskierten Mannes (oft ein Opa, Nachbar oder jemand aus’m Fußballverein) mit der strafenden Stimme meist um in die Güte kleiner Geschenke, Lebkuchen, Nüsse, Äpfel, Schokolade, wie sie uns die Eltern auch früh in die Schuhe steckten. Auch dieser Brauch, wie aller Mummenschanz, zitierte den Alb herauf, um ihm im Spiel die Macht zu rauben, die Masken und Larven des Schreckens runter zu reißen, bis im Lachen dessen Bann gebrochen war. Was wohl heute, heuer in unserem Fleisch, im carne vale in Gärung ist? Ein bissle bunte Luftschlangen, rote Pappnasen, Krapfen, Pfenningskracher und be-dudelt eine Polonnaise durch den Betrieb? Die Kraft von Rangs Faschings-Mythos ist dahin. Was für eine Wucht, als die Fasnacht noch Politik umtrieb. Ja, der Fasching ist auch nimmer, was er mal war. Aber vielleicht ist das auch besser so, damit wir ja net auf dumme Gedanken kommen. Und doch bleibt 1 Frage: ob wir unsere Käfige, rauschig oder betäubt, nur von in-nen anschauen (wie Rilkes Panther) oder sie sprengen, ihrer fliehen (wie Getrud Kolmars Tiger – ein Gedicht, das sie Rilke schickte), auch ‚wenn die Käfige uns hinterher hetzen’? Möge uns alles Brauchtum angstfreier, d.h. aber mit Florens Christian Rang: menschlicher machen.

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