Himmel & Erde

Die Tür, die Hermann Hesse aufstieß

Von Hilmar Klute

Mein erstes richtiges Buch war ein dünnes Reclam-Bändchen. Ich war damals vierzehn und wusste bis dahin nicht, dass Lesen die Rettung sein könnte. Ich wusste nicht einmal, dass ich es nötig hatte, gerettet zu werden. Gerettet vor einem Mangel an Empfindsamkeit oder dem Schrecken der Gleichgültigkeit. Ich war kein besonders glückliches Kind, aber ich war auch kein ausgesprochen unglückliches Kind. Ich bin in eine etwas trübe und lieblose Familie hineingeboren, langweilte mich oft, heute würde man sagen, ich sei notorisch unterfordert gewesen. Immerhin hatte ich eine Ahnung davon, dass man sich schreibend etwas ausdenken kann und reimte Schlagertexte über die Feuerwehrwache in unserer Straße.

Habe ich als Kind gerne gelesen? Ich las Texte, die von Bildern gestützt oder gestreckt wurden, als Comics; die las ich in einer Stunde aus, es waren keine schönen Lesegeheimnisse, die ich hütete. Ich hatte es nicht mit vieldeutigen Mythen zu tun oder mit Märchen, deren tieferen Sinn man bei den Eltern erfragen konnte, so wie es bei anderen Kindern der Fall war, die griechische Sagen in der kindergerechten Erzählversion von Walter Jens kennenlernten, die klugen Kinderromane von Erich Kästner oder die emanzipatorisch-witzigen Geschichten von Christine Nöstlinger. Ich kannte all dies nicht, weil ich in einem Elternhaus lebte, das man nach heutiger Maßgabe als bildungsfern bezeichnen müsste. Die Bücher, die zuhause im Regal standen, waren sämtlich aus dem Bertelsmann-Buchclub angeschwemmt worden – es handelte sich um Verlegenheitskäufe, denn ein mit einer Sofortbildkamera oder einem Grillanzünder geworbenes Mitglied ging den Deal ein, jedes Quartal ein Buch erwerben zu müssen. Also hießen meine Lektüren „Das große Gesundheitsbuch“ von Dr. Gerhard Venzmer oder „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C. W. Ceram und „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek – allesamt Bücher, die mich nicht weiterbringen konnten.

Irgendwann fing ich damit an, mich solange schüchtern in Buchhandlungen herumzudrücken bis ich eines Nachmittags eben dieses Reclamheft in der Hand hielt, das am fadenschmalen Rücken ein Rechteck aufwies, also fünfzig Pfennig kostete: Hermann Hesse, „Eine Bibliothek der Weltliteratur“. Als ich es gelesen hatte, war ich in einem anderen Leben angekommen. Ich war jetzt ein Leser, genauer: ein für künftige Leseabenteuer infizierter Leseschüler. Was ich in diesem kleinen Traktat vorgeführt bekam, war atemberaubend. Ein Schriftsteller, Hesse eben, hatte für mich ein hübsches Modell einer Idealbibliothek entworfen. Mit Autoren und Buchtiteln, von denen ich teils vage, teils noch nie gehört hatte, mit denen ich aber sofort in einer Weise vertraut war, als gehörten sie schon seit langem zu mir, ohne dass ich es bemerkt hatte. Der Satz, der diesen kühnen Kanon bündelte, war eine Offenbarung und eine Erlösung gleichzeitig. Für mich, den hundsmiserablen Schüler, der den Wert von Bildung einfach nicht begriffen hatte, war plötzlich eine Tür aufgegangen, in die ich sofort meinen schmalen Kinderfuß klemmte: „Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Zweck in sich selbst“. Damit konnte ich etwas anfangen. Bildung war das, was mich glücklich und euphorisch, empfindsam und glücklich machen konnte. Ich hatte nun auch ein Lesegeheimnis, und ich wollte ihm, nein, nicht auf die Spur kommen; ich wollte ein Teil dieses Geheimnisses sein, in diesem unerhörten exklusiven und lebendigen Vergnügen aufgehen. Und diesen Herrn Hesse musste ich unbedingt genauer kennenlernen.

 

Der Autor ist Referent bei der Tagung „Lektüre.“ vom 14.-16. September 2018 an der Evangelischen Akademie Tutzing. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Bild: Hilmar Klute (Foto: Jan Konitzki)

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