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Gedanken zum Wochenende

„Nimm mich: Nimm mich unter deinen Fittich, liebes Mädel / Mutter, Schwester, Schätzchen, halt mich fest / Schutzdach sei dein Flügel für mein’ Schädel / Für Gebete ohne Gott – für Gebete ohne Gott /sei du mein Nest.“ Dies Gebet von Chaim Nachman Bialik nach Jizchak Katzenelson (1943) ist mir eingefallen -  zu seinen Worten in arger Zeit kann man Zuflucht nehmen und den Poeten für sich selber sprechen lasen. Und ist nicht arge, ärgste Zeit? Mordsterror, schon wieder – in München diesmal, und nun in Ansbach. Schock, Entsetzen, Schmerz, Trauer, Ausnahmezustand in den Familien, den Lieben der Opfer, was für Wunden solche blinde Gewalt reißt. Aber auch bei den Angehörigen der Täter: mein Sohn, was hast Du getan? Maßlos die Trauer, vielleicht auch, verhaltener, die Tradition der Rachepsalme ist nicht so eingeübt, die Wut. Immer wird möglichst schnell nach dem Motiv recherchiert: Psycho-Amok oder IS-Terror? Als wenn es da eine Hierarchie von der Erleichterung zur Panik gäbe?

Ist der ‚autonom wütende Narziss‘ weniger bedrohlich als der ‚Befehlsgehorsam hörige Religionsauftragskiller‘? „Der Tod ist groß / Wir sind die Seinen, lachenden Munds / Wenn wir uns mitten im Leben meinen / wagt er zu weinen / mitten in uns.“ Mit Rilke schier hat Renate Künast gefragt, ob wir die Täter auch noch als Menschen meinen, trotz ihrer offensichtlichen Entmenschung? ‚Mußte man den 17-Jährigen in Würzburg erschießen?‘ Bei Notwehr, keine Frage. Im Ausnahmezustand gilt Macchiavellis Maxime, ‚wer sich zum Lamm macht, lockt die Wölfe‘. Aber es sind doch und bleiben Kids unserer Gesellschaft, unserer irgendwie doch zivilen Beziehungsmilieus. Kain, vielleicht der mythologische, biblische Urtyp des Affektmords aus göttlicher Kränkung heraus, durfte, so Gottes Gebot, trotz seiner Schuld des lebenslang zu (er)tragenden Brudermords an Abel, und gewiss auch der lebenslangen Scham über seinen tödlichen Defekt, nicht umgebracht werden: der homo necans, tötende Mensch, als homo sacer, ‚heiliger Mensch‘. Wenigstens des Propheten Ezechiels Mahnmal knüpft an’s Kainszeichen an, demnach ‚Gott kein Gefallen habe am Tod des Gottlosen‘.

Aber was tun? Sind nicht der ‚pathologische Narzissmus‘ und der ‚Märtyrer als Bombe‘ der explosive Aufschrei der Ausgeschlossenen, Zukunftslosen, gesellschaftlichen Outlaws (man schaue sich mal das andere, betonierte Nizza diesseits der Kaschmir-Champagners am Strand an)? Suizidale Phantasien als umgestülptes Koma, wo das Empathievakuum zum Amok in ein finales, megagrandioses Fanal umschlägt? „Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele“ zitiert Walter Benjamin einmal Malebranche. Wenn schon, wenigstens im Nachhinein, das 2. Sürrealistische Manifest von André Breton 1930 fahrlässig meinte, die Avantgarde beginne mit der „einfachsten sürrealistischen Handlung …, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen“, dann braucht es wohl gegenüber den heroischen und postheroischen Spielformen der Zerstörung Gegenwelten, Gegenmodelle solidarischen, kreativen Seins, vielleicht auch Tastversuche nach jenem ganz anderen Gott, von dem Paulus in Athen auf dem Areopag meinte „denn in ihm leben und weben und sind wir“ (Apg. 17) und da sei letztlich alles Trennende aufgehoben, denn da sei ‚nicht Herr noch Knecht, weder Gefangener noch Freier, weder Jude noch Grieche noch Römer noch …, weder Beschnittener noch Getaufter, weder Mann noch Frau …‘, sondern ‚alle seien eins in Christus‘ (Gal.3 paraphrasiert).

Von so einer Solidarität aller Geschöpfe sind wir weit entfernt – Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sind ihre Vorstufe. „Ein Mensch ist so empfindlich, wie jeder andere auch“, das Wort von Herbert Achternbusch rührt ebenso an die Frage, ‘wie nicht zurück hassen?‘ Ein Minimum Moral? Dorothee Sölle, als ‚dat Meisje Sölle‘ von männlichen Professoren der Theologie belächelt, dichtete einmal so ähnlich: „Meine Tochter fragt mich / Griechisch lernen, wozu? / Sympathein sage ich / eine menschliche Fähigkeit, die Tieren und Maschinen abgeht / Lerne konjugieren / Noch ist Griechisch nicht verboten.“

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