Freitag 25. Juli 2014

Marie Luise Kaschnitz-Preis

Die erste Begegnung zwischen Marie Luise Kaschnitz und der Evangelischen Akademie Tutzing fand 1951 im Rahmen der Tagung „Wozu Dichtung?“ statt. Dort trug die Schriftstellerin am 9. September einen Gedichtzyklus vor, der unter dem Titel „Tutzinger Gedichtkreis“ ihren 1957 erscheinenden Lyrikband „Neue Gedichte“ eröffnet. Es ist der letzte große Gedichtzyklus von Marie Luise Kaschnitz, in dem sie nach den Erfahrungen von Holocaust und Krieg ein anklagendes Gespräch mit Gott führt.

Zehn Jahre nach dem Tod der Autorin wurde der von der Evangelischen Akademie Tutzing gestiftete Marie Luise Kaschnitz-Preis am 14. Oktober 1984 zum ersten Mal verliehen. Einmalig fand die Verleihung nicht in Tutzing, sondern im Kaisersaal des Frankfurter Römer statt, wohin der Insel Verlag und die Stadt Frankfurt eingeladen hatten. Als erste Preisträgerin wurde Ilse Aichinger ausgezeichnet.

Die Evangelische Akademie Tutzing hat den Marie Luise Kaschnitz-Preis gestiftet, „weil wir uns und unsere Arbeit im Werk dieser Dichterin wiedererkennen können: in dem Geist, der verwandt ist unserem Geist und in der Humanität, der Marie Luise Kaschnitz sich verpflichtet wusste.“ Für das Profil galt von Beginn an der Anspruch: „Der Marie Luise Kaschnitz-Preis ist und soll ein Literatur-Preis einer evangelischen Akademie, nicht ein kirchlicher Preis für sogenannte ‚christliche Kunst‘ sein“.

Mit dem Preis sollen deutschsprachige Autoren ausgezeichnet werden, deren erzählerisches, lyrisches und/oder essayistisches Werk - im Geist der Namensträgerin des Preises - zu würdigen bzw. zu fördern ist. In die Urkunde, die beim Festakt dem Preisträger überreicht wird, ist ein Zitat von Marie Luise Kaschnitz eingedruckt, das ihren Anspruch an die Verantwortung des Schriftstellers dokumentiert. Es ist dem Text „Schwierigkeiten, heute die Wahrheit zu schreiben" entnommen, den die Autorin im Jahr 1963 für Radio Bremen gesprochen hat:

„Künstlerische Wahrheit ist Treue zu sich
selbst und zu seiner Zeit. Die Wahrheit,
auch die künstlerische, ist unbequem, die
Gesellschaftskritik stößt, auch in freien
Ländern, auf Widerstand, den neuen Formen
bringen nicht nur die Böswilligen
Misstrauen entgegen. Es lohnt sich,
darüber nachzudenken, woher da jeweils
der Wind weht. Aber wer sich nach ihm
richtet, weiß, dass er den Boden der
Wahrheit schon verlassen und seine Sache
schon verraten hat.“


Dieses Credo hat nichts an Aktualität eingebüßt. Die alle zwei Jahre im Herbst stattfindende Preisverleihung hat eine besondere Form. Sie ist integriert in eine öffentliche Wochenendtagung, die sich thematisch in Vorträgen, Lesungen und Diskussionsrunden mit dem Werk des Preisträgers auseinandersetzt. Zum Festakt der Preisübergabe werden zudem Persönlichkeiten aus Literatur, Kultur(-Politik), Kunst, Wissenschaft und Medien eingeladen. 

 

Marie Luise Kaschnitz-Preis 2012

Der Marie Luise Kaschnitz-Preis 2012 wird von der Evangelischen Akademie Tutzing gemeinsam mit dem Freundeskreis der Akademie verliehen. Hauptsponsor des diesjährigen Preises ist das Tutzinger Unternehmen Öffnet externen Link in neuem Fenstereurobuch.com.


2012: Thomas Lehr (Deutschland)

Das Werk von Thomas Lehr zeichnet sich durch Vielfalt und ästhetischen Wagemut aus. Seit seinem Debüt Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade von 1993 findet er für jeden seiner Stoffe die angemessene Form. Ob opulentes Erzählen, minimalistische Verdichtungen oder rhapsodische Sequenzen, Lehr reagiert auf die Anforderungen seiner Sujets, die physikalische Phänomene und die nationalsozialistische Vergangenheit ebenso umfassen wie den 11. September 2001 oder den Irakkrieg. Mitreißend, fesselnd und überraschend erzählt er von unserer Gegenwart.


2010: Mirko Bonné (Deutschland)

Als Erzähler, Lyriker und Essayist zählt Mirko Bonné zu den profiliertesten deutschen Autoren seiner Generation. Seine Gedichte „Hibiskus Code“ (2003) oder „Die Republik der Silberfische“ (2008) zeichnet ein eigener unverwechselbarer Ton aus. Und seine starke geistesgeschichtliche Verbindung zu den französischen Existentialisten offenbart sich in dem neuen Roman „Wie wir verschwinden“ (2009).

 


2008: Sibylle Lewitscharoff (Deutschland)

In ihrer Erzählung über den schrägen Helden "Pong" zeichnete Sibylle Lewitscharoff sprachgewaltig den Alltag eines sich selbst genügenden Geisteskranken nach. Im Jahr 2003 überraschte sie die Kritiker mit einem dramaturgisch spannenden Roman: "Montgomery". Und ein Jahr darauf legte die Autorin mit "Consummatus" eines "der kühnsten Bücher der neueren Literatur" vor.


2006: Pascal Mercier, Berlin (Deutschland)

Pascal Mercier thematisiert in seinen Romanen die großen, existentiellen Fragen des menschlichen Lebens: das Sein, den Tod, die Zeit. Dabei will der Romancier die Bedingungen erforschen, unter denen wir zu der Person werden, die wir sind. In seinem neuesten Werk Nachtzug nach Lissabon verknüpft er in faszinierender Weise die Fragen nach der Freiheit des Willens und nach den Grenzen unserer Selbsterkenntnis.


2004: Julia Franck, Berlin (Deutschland)

Julia Franck, 1970 in Berlin (Ost) geboren, gilt heute als eine der talentiertesten jungen Autorinnen. In ihrem jüngsten Roman "Lagerfeuer" - so urteilte die Jury - hat die Schriftstellerin "an dem geheimnisvollen Untergrund menschlicher Triebe, Gefühle und Affektlagen gerührt und erzählt, wie unfrei die DDR wirklich war."


2002: Robert Menasse, Wien (Österreich)

Robert Menasse, der als "Rembrandt unter den deutschsprachigen Schriftstellern" gilt, erhielt den Literatur-Preis für seinen Roman "Die Vertreibung aus der Hölle". In seinem originell komponierten Werk spannt er einen Bogen über vier Jahrhunderte in Europa und erzählt von den dramatischen Auswirkungen totalitärer Heilslehren auf die Lebensläufe der Mitglieder einer jüdischen Familie.


2000: Wulf Kirsten, Weimar (Deutschland)

Mit der Verleihung des Marie Luise Kaschnitz-Preises an den Lyriker Wulf Kirsten würdigte die Jury das literarisches Gesamtwerk des Autors, "der als genauer Beobachter wortgenau, klangvoll und plastisch durchkomponiert Textlandschaften entfaltet. In der Fülle an sprachlichen Bildern ... erweist sich seine meisterliche Qualität."


1998: Arnold Stadler, Meßkirch (Deutschland)

Arnold Stadler erhielt für sein literarisches Gesamtwerk den Literatur-Preis. In der Begründung der Jury hieß es: "Mit satirischer Distanz zeichnet er ein Bild des Lebens, das uns die Sprünge und dessen Brüchigkeit offenbart, ohne resignativ den Glauben an die Erfüllbarkeit von Lebensträumen auszublenden."


1996: Erica Pedretti, La Neuveville (Schweiz)

Erica Pedretti wurde für ihr autobiographisches Werk "Engste Heimat" mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis aus-gezeichnet. In "Engste Heimat" schickt die Autorin das Mädchen Anna - ihr alter ego - an die Stätten ihrer Kindheit in Mähren (CSR) zurück, die sie mit 15 Jahren in einem Rotkreuztransport in die Schweiz hatte verlassen müssen.


1994: Ruth Klüger, Kalifornien (U.S.A.)

Ruth Klüger, Autorin des Buches "weiter leben", erhielt für die Beschreibung ihrer Kindheit und Jugend unter dem Nationalsozialismus den Literatur-Preis. Die Jury würdigte die Preisträgerin als eine Autorin, deren "nüchterne Sprache es uns ermöglicht, der Wahrheit über unsere Vergangenheit und Gegenwart standzuhalten und ihr nicht durch Abwehr und Entlastung zu entfliehen."


1992: Gerhard Roth, Wien (Österreich)

Der in Graz geborene und heute in Wien lebende Schriftsteller Gerhard Roth erhielt den Marie Luise Kaschnitz-Preis für seinen siebenteiligen Romanzyklus "Die Archive des Schweigens". Darin legt Roth die tiefsten Schichten kollektiven Verdrängens in der Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der österreichischen Gesellschaft bloß.


1990: Paul Nizon, Bern (Schweiz)

Das Schreiben leben und das Leben beschreiben. Paul Nizon ist in seinem Gesamtwerk stets dem unwiderruflichen "Passantischen" menschlicher Existenz auf der Spur. Die Jury würdigte ihn als einen Autor, der "das Eigene, das Autobiographische durchschreibt, um zur Fiktion zu gelangen, die einer der Wege zur Utopie ist."


1988: Fritz Rudolf Fries, Leipzig (Deutschland)

Der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries wurde für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. "Der Autor ... versteht es, Zeitgenossenschaft auf differenzierteste Weise zu vermitteln. Souveräne Beobachtungsgabe, sprachliche Sensibilität, poetische Unmittelbarkeit, Befähigung zum ironischen Stil, zeichnen seine Bücher aus", so die Jury.


1986: Hanna Johansen, Bremen (Deutschland)

Hanna Johansen erhielt die Auszeichnung für ihren 1985 erschienenen Erzählband "Über den Wunsch, sich wohl zu fühlen". Darin schreibt sie "Geschichten - ohne Kitsch! - über Liebe und Glück" mit den Mitteln der Ironie und des Humors.


1984: Ilse Aichinger, Wien (Österreich)

Die Österreicherin Ilse Aichinger ist die erste Trägerin des Marie Luise Kaschnitz-Preises. Mit dem Literatur-Preis zeichnet die Evangelische Akademie Tutzing deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus, deren erzählerisches, lyrisches oder dichterisches Werk dem humanistischen Geist der Kaschnitz verwandt ist.

Bildergalerien:



Kammerkonzerte mit dem BR

In der kommenden Saison 2014/2015 werden im Musiksaal von Schloss Tutzing wieder die Solisten aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Kammermusik zu erleben sein. Die Konzerte finden jeweils sonntags um 18.00 Uhr statt.

Nähere Einzelheiten erfahren Sie hier



Facebook

Videos und Audios

Vorschau:

KULTURWERTE: ZUR KULTURELLEN DIMENSION DER KREATIVWIRTSCHAFT
12. - 14. September 2014

Ob Musik, Kunst oder Design – Kultur- und Kreativwirtschaft gilt inzwischen als Wirtschaftsfeld mit Wachstumspotenzial. Doch lässt sich kultureller Wert immer beziffern? Was ist kulturpolitisch nötig, um über der notwendigen Förderung das Wesentliche nicht zu vergessen?

VOLXKLANG AM ABEND
13. September 2014

Musik, Kultur, Region vom Feinsten: mit der Wiener Gruppe Alma, die sich augenzwinkernd vor den Wurzeln der traditionellen Volksmusik verbeugt. Vorneweg das Duo Hammerling mit Youness Paco – Weltmusik im österreichisch-marokkanischen Grenzgebiet.

GELB, GRÜN, BLAU UND ZWISCHENTÖNE
Tag des offenen Denkmals
14. September 2014

Am „Tag des offenen Denkmals“ laden wir ein, das Tutzinger Schloss unter dem Motto „Farbe“ zu entdecken. Nehmen Sie Farb- und Lichteindrücke mit allen Sinnen wahr; genießen Sie das Lokalkolorit!


Neben den Kammerkonzerten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks finden in der Evangelischen Akademie Tutzing auch Konzerte der Tutzinger Brahmstage sowie der Musikfreunde Tutzing e.V. statt.